Hetzjagd oder nicht Hetzjagd, für manche Politiker scheint das die Frage des Moments zu sein. Sie könnte über die berufliche Zukunft des Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen entscheiden und mittelbar vielleicht sogar über die seines Vorgesetzten, des Innenministers Horst Seehofer, falls dieser sich in der Deutung der Ereignisse von Chemnitz weiterhin gegen die Kanzlerin – die den Begriff der Hetzjagd verwendete – stellt.

Vergangenen Freitag hatte Maaßen gegenüber Bild den Verdacht geäußert, das im Internet kursierende Video mit einer Verfolgungsszene könnte gefälscht und zur bewussten Manipulation der Öffentlichkeit in Umlauf gebracht worden sein. Diese Darstellung hat er nun nach Medienberichten in einem internen Rapport an das Innenministerium revidiert: Laut FAZ geht es Maaßen nun lediglich darum, zu unterstreichen, dass die aufgenommenen Szenen, deren Echtheit er nicht mehr bezweifle, einen Vorgang zeigen, auf den der Begriff "Hetzjagd" nicht zutrifft. In diesem Sinne argumentierte am Montag auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Michael Kuffer. Maaßen habe lediglich auf einer korrekten Beschreibung der Wirklichkeit bestehen wollen: dass die gefilmte Tatsache – "wie eine Person über eine kurze Strecke einer anderen nachsetzt" – einer "Hetzjagd" nicht entspreche.

Ähnlich entschieden kämpft die Sachsen-CDU gegen die inzwischen geläufige Beschreibung der Ereignisse von Chemnitz: Es habe "keinen Mob, keine Hetzjagd, keine Pogrome" gegeben, hatte Ministerpräsident Michael Kretschmer in seiner Regierungserklärung vergangene Woche definiert, und die vehemente Kritik an dieser Darstellung hat die Sachsen-CDU am Freitag dazu veranlasst, die Ereignisse abermals in Form eines zirkulierbaren Facebook-Posts auf genau diese Begriffe festzuschreiben.

Begrifflichkeiten sind keine Nebensache

Man könnte meinen, der Kampf um Begriffe sei eine letztlich müßige Wortklauberei. Ob man das "Nachsetzen" nun als Jagd, als Menschenjagd, als Jagdszene oder als Hetzjagd bezeichnet, jedenfalls ist es, dem sollten auch CDU/CSU-Politiker zustimmen, inakzeptabel.

Chemnitz - Das Chemnitz-Video im Faktencheck Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zweifelt an der Authentizität eines Videos, das die Verfolgung von Migranten in Chemnitz zeigen soll. Wir haben uns den Ausschnitt genau angeschaut.

Aber so austauschbar ist der Gebrauch von Begriffen nicht. Es kommt durchaus im Detail darauf an, welche Wörter wir für die Beschreibung von Wirklichkeit verwenden. Das liegt daran, dass jedes Wort ein Deutungsumfeld transportiert, eine Menge an historischen Bezügen, an unbewussten Klammern, an semantischen Konnotationen. Begriffe setzen der Wirklichkeit einen Deutungsrahmen, sie "rahmen" die Wirklichkeit. Der inzwischen auch im Deutschen geläufige sprachwissenschaftliche Begriff dafür ist das "Framing". 

Der Rahmen "Mob-Hetzjagd-Pogrome" konnotiert einen unkontrollierten, gewaltsamen, ja sogar todbringenden Auflauf, den die Polizei nicht in den Griff bekommt. Die implizierte Kritik an der sächsischen Staatsgewalt ist das, was Michael Kretschmer mit seiner Begriffsabwehr zurückzuweisen versucht. Besonders stark wirkt in diesem Zusammenhang das Wort "Pogrome", das hierzulande auf die Judenverfolgung unter den Nationalsozialisten Bezug nimmt und damit auf bösartig geplante Massaker, ja sogar auf einen Massenmord (dass die Wörterbuchdefinition weiter gefasst ist und gewaltsame Ausschreitungen, aber nicht notwendig Tötungen beinhaltet, gerät dabei in Vergessenheit).

Indem Kretschmer einen gemeinsamen Rahmen aus Pogrom, Hetzjagd und Mob verwendet, kann er darauf hoffen, durch die Zurückweisung des einen Begriffs – Pogrome – auch die beiden anderen – Hetzjagd und Mob – loszuwerden.

Jeder Begriff transportiert eine Geschichte

Eine andere Framingfrage ist die, wie man die in Chemnitz Angegriffenen bezeichnet. Max Czollek hat in einem Gastbeitrag für ZEIT ONLINE darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung "Ausländer" eine ausschließende, distanzierende Funktion enthält: "Ich würde dagegen sagen, der rechte Mob attackiert ein Viertel der deutschen Bevölkerung." Denn das ist die ungefähre Zahl derjenigen, die einen sogenannten Migrationshintergrund haben.

Angriffe auf "Ausländer", das ist ein Framing, das die Vorkommnisse von Chemnitz in einen gemeinsamen Rahmen mit den Redeweisen über die Pogrome von Rostock und Hoyerswerda in den Neunzigerjahren stellt. Unterschwellig legen sie damit auch eine Kontinuität der politischen Lösungen nahe: die Verschärfung der Asylgesetze und eine Restriktion der Einwanderung von "Ausländern".

Horst Seehofer hat seit Jahren – und auch in der vergangenen Woche wieder – wenig Zweifel daran gelassen, dass er genau hier ansetzen möchte. Seine Aussagen, wonach die Migration oder die Migrationsfrage "die Mutter aller politischen Probleme im Land" und er "froh über jeden" sei, "der bei uns in Deutschland straffällig wird und aus dem Ausland stammt", weil diese Menschen dann das Land verlassen müssten, machen seine Haltung deutlich.

"Sagen, was ist" – so einfach geht das nicht

"Hetzjagd" oder "Nachsetzen"; "Ausländer", "Menschen mit Migrationshintergrund" oder "ein Viertel der deutschen Bevölkerung"; diese Bezeichnungen schaffen einen Rahmen, der die Wirklichkeit ganz unterschiedlich darstellt. Ein Problem in der politischen Diskussion dieser Tage ist, dass es in Deutschland einflussreiche Politiker und Journalisten gibt, die leugnen, dass es so etwas wie begriffliches Framing überhaupt gibt. Wenn Journalisten oder auch Politiker nach ihrer Aufgabe befragt werden, sagen sie häufig, diese bestünde einfach darin, "zu sagen, was ist". Diese alte, Rudolf Augstein zugeschriebene Weisheit ist so einleuchtend wie vereinfachend.

Sie suggeriert, dass es jederzeit einen direkten, eindeutigen, evidenten Zugriff auf die Wirklichkeit gebe. Diesen Zugriff kann es zwar geben – wenn Fakten ermittelt werden –, oft wird er aber erst durch erhebliche Recherchearbeit möglich. Sobald Sachverhalte kommuniziert werden, ist zwangsläufig eine sprachliche Rahmung im Spiel. Und spätestens, wenn ein Sachverhalt Gegenstand einer Debatte wird, treten Evidenz und Objektivität vor dem Streit um Deutungen zurück. Ohne Framing gibt es keine Einordnung einer Situation. Auch Berichte, die sich um Objektivität bemühen, müssen einen Rahmen setzen. Debatten im öffentlichen Raum bestehen dann in erster Linie in der Aushandlung dieser Rahmensetzungen.

Framing in der wissenschaftlichen Diskussion

Erfreulicherweise wird der Begriff des Framings inzwischen nicht mehr nur in geisteswissenschaftlichen Zeitschriften, sondern auch in größeren Medien diskutiert. Vorreiterin dieser Popularisierung ist die Kognitionsforscherin Elisabeth Wehling. Seit Jahren schreibt sie Bücher zum Thema, in denen sie beispielsweise die Verknüpfung von politischen Begriffen mit Emotionen untersucht. So würden etwa beim Wort "Euro-Rettungsschirm" die positiven Konnotationen eines Schirms abgerufen, der vor den Naturgewalten schützt. Damit werden nicht nur eventuell problematische Aspekte des Vorgangs der Rettung selbst ausgeblendet. Es wird auch aus dem Blick genommen, dass die tatsächlichen Handlungen von Banken und Regierungen die Finanzkrise verursacht haben und es sich nicht um ein natürliches Phänomen handelt. Das Übernehmen bereits bekannter Bedeutungen gehört zur Setzung von Deutungsrahmen dazu. Offen ist jeweils nur, welche Bedeutungen das sind.

Insofern ist es erschütternd, wenn einflussreiche Journalisten in Deutschland behaupten können, sie wüssten mit dem Begriff des Framings nichts anzufangen, wie es die Redaktion der Sendung hart aber fair neulich auf Twitter tat. Hart aber fair stand in der Kritik, nachdem es im Juni eine Sendung ausgestrahlt hatte, deren Titel und Teaser lauteten: "Flüchtlinge und Kriminalität - Die Diskussion! Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften – für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?" Die Redakteurinnen und Redakteure wiesen in ihrer Eigenschaft "als Journalisten" den Begriff des Framings von sich und definierten ihre Kompetenz: Sie stellten dar, was die Menschen beschäftige, und zwar so, wie es sei.

Rahmen, Vordergrund, Hintergrund

Das ist aber gerade das Problem: Dass Menschen etwas beschäftigt, dafür spielen Deutungsrahmen eine entscheidende Rolle. Die Deutungsrahmenanalyse stammt aus den Siebzigerjahren, entwickelt von dem Soziologen Erving Goffman, der Wahrnehmungstheorien aus der Gestaltpsychologie übernimmt. Wenn Wahrnehmung darin besteht, dass Aspekte gestalthaft aus einer Szene heraustreten, sich verknüpfen und voneinander absetzen, dann lässt sich zeigen, wie diese Aspekte ausgewählt werden und wie sie organisiert sind. Darum ist seine Theorie perspektivisch formuliert: Rahmen, Vordergrund, Hintergrund – doch es geht nicht um das eigentliche Sehen, sondern darum, dass etwas wichtig scheint. Goffmann interessierte sich für den gemeinschaftlichen Aspekt: Die Gesellschaft bestimmt, was wir für wichtig halten. Oder genauer: Sie bestimmt die Art, wie wir gemeinsam darüber reden. Der US-amerikanische Linguist George Lakoff hat dieses Konzept aufgegriffen und vertritt seit Jahren prominent die Bedeutung des "Framings" für politische und weltanschauliche Überzeugungen.

Der Deutungsrahmen, den die hart aber fair-Sendung aktivierte, verbindet "Flüchtlinge" und "Kriminalität" zu einem Faktum und setzt voraus, dass beides zusammengehört. Darum seien die erwähnten "jungen Männer" der Grund für Sorge und Angst. Dabei werden Grund als Anlass und Grund als Ursache nicht unterschieden, die Deutung als Ursache also zumindest nahegelegt. Ebenso wird durch die Frage, wie unsicher Deutschland würde, impliziert, dass es überhaupt unsicher werde. Das scheint, wenn man etwa die Ereignisse in Chemnitz betrachtet, plausibel. Doch für wen wird es unsicher? Für wen war es das vielleicht schon immer? Die Gewaltbereitschaft Rechtsextremer wird ausgeblendet, diejenige von Flüchtlingen mehr als nur impliziert.

"Einwanderer" oder "Arbeiterkind"?

Was hingegen völlig offenbleiben darf, ist das Wort "Integration". Denn im Kontext des hier verwendeten Framings steht es für eine Pflicht zur Assimilation an eine als homogen gedachte Gesellschaft. Diese Deutung von Integration ist in der deutschsprachigen Debatte fest etabliert. Ähnlich wie in der hart aber fair-Sendung wird dabei ein Deutungsrahmen der ethnischen Herkunft aktiviert. Hier geht es um die Frage: Welche Informationen über einen Menschen sind zur Einordnung und Beurteilung seines Handelns relevant? Je nach Rahmung kann ethnische Herkunft als einer von vielen Faktoren angenommen werden – oder als der alles entscheidende.

Einer der prominenteren Vertreter des Deutungsrahmens "ethnische Herkunft" ist Thilo Sarrazin. In Deutschland schafft sich ab stellte er Statistiken vor, die besagen, Menschen aus arabischen Ländern und muslimisch geprägten Kulturen hätten in Deutschland durchschnittlich schlechtere Noten und Bildungsabschlüsse. Ausgeblendet wurde dabei die Debatte um die Situation von Arbeiterkindern in Deutschland und generell um soziale Positionen, die sich über Generationen reproduzieren.

Ein Blick auf diese Positionen zeigt empirisch, dass Arbeiterkinder es schwerer haben als Bürgerkinder, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen. Türkische Migranten wurden als kostengünstige Arbeitskräfte nach Deutschland geholt, ihre Kinder sind dementsprechend meist Arbeiterkinder. Arabischstämmige US-Amerikaner hingegen besitzen nach Angaben des "Arab American National Museum" fast doppelt so häufig einen höheren Bildungsabschluss als der amerikanische Durchschnitt. Nimmt man in der deutschen Diskussion die ethnische Herkunft als den entscheidenden Faktor an, dann werden solche Zusammenhänge aus dem Bild geschnitten. Der konkurrierende Deutungsrahmen der sozialen Position hätte sie sichtbar gemacht.

Man kann nicht nicht "framen"

Im Juli machte sich Jakob Biazza in der Süddeutschen Zeitung Gedanken über das Wort "Flüchtlingswelle". Er erklärt zu Recht, dass dieser unverhältnismäßig bedrohliche Assoziationen wecke. Doch dann fragt er sich, welcher Begriff wohl "weniger framend" sein könnte. Die Absicht dahinter ist gut: Wie lässt sich das Ganze sachlicher beschreiben? Aber alle Begriffe und Bilder haben die Funktion der Rahmensetzung, die Zusammenhänge sichtbar macht. Wir können nicht jeden Fakt gleichzeitig erfassen. Darum müssen wir bestimmte Aspekte, Setzungen und Kausalbeziehungen hervorheben und andere ausblenden. Weniger rahmen geht nicht. Es lässt sich nur anders rahmen.

Wer vorgibt, die Dinge zeigen zu können, wie sie eigentlich sind, gibt vor, die Dinge vereinzeln zu können. Das Nachdenken über Deutungsrahmen bringt die Erkenntnis, dass nicht die Dinge selbst gezeigt werden, sondern ihre Verknüpfung: was ist das gleiche, was dasselbe, was Ursache oder Wirkung, welcher Faktor ist entscheidend? Neutralität gibt es dabei nicht. Im Journalismus ist das eine problematische Einsicht, denn hier zählt das Ideal der freien und aufrichtigen Berichterstattung. Aber aufrichtig zu sein, heißt nicht, etwas als neutral zu präsentieren, sondern transparent zu machen, warum man wie berichtet.

Wenn es eine Debatte zu einem Thema gibt, so sind die dabei verwendeten Deutungsrahmen weder zufällig noch notwendig vorgegeben. Sie werden immer ausgewählt, und man kann jederzeit danach fragen, wie diese Auswahl zustande kommt. Entscheiden wir uns, über Chemnitz als eine "Hetzjagd auf Ausländer" zu sprechen, oder reden wir von "rechtsradikalen Ausschreitungen", die "ein Viertel der deutschen Bevölkerung" zum Ziel haben? Gerade in einem aufrichtigen Gespräch wird genau diese Auswahl immer auch ein Element der Debatte sein. Anderenfalls wird sie fremdbestimmt.