Sind Ostfrauen emanzipierter?

"Ich will Ihre gute Laune ja nicht stören, aber mich regt die Mythologisierung der Ostfrauen total auf." Was für ein Knallersatz. Gesagt von einer Frau um die 50, hinein in die heitere Stimmung von Teilnehmerinnen der Bundesfrauenkonferenz der Grünen, die kürzlich in Leipzig über alles Mögliche debattierten: sexualisierte Gewalt und #MeToo, Religion und Digitalisierung, Karrierefrauen und Kapitalismus, Intersektionalität und Antifeminismus, Ost-West. Worüber grüne Frauen eben so reden, wenn sie sich zu einem Feminismuskongress verabreden.

Monika Lazar, grüne Bundestagsabgeordnete aus Leipzig, hatte den Ost-Workshop, in dem der Knallersatz fiel, organisiert. Es sollte um "emanzipatorischen Wind aus dem Osten" gehen, um "feministische Perspektiven aus und auf Ostdeutschland". Ich – selbst aus dem Osten – war eingeladen, einen kurzen Input zu liefern, ein paar Zahlen und Fakten, politische Einschätzungen und Entwicklungen seit der Wende.

Simone Schmollack ist Journalistin und Buchautorin. Sie studierte Germanistik, Slawistik und Journalistik in Leipzig, Smolensk und Berlin. Sie war über zehn Jahre Autorin und Redakteurin der "taz". Ihre Themenschwerpunkte sind Frauen, Familie, Gender, Soziales, Ostdeutschland, Migration/Integration. Von Dezember 2017 bis Juni 2018 war sie Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Barbara Dietl

Der Raum war voll, es war stickig und heiß, einige Ostfrauen hatten gerade von sich erzählt, von ihren Müttern und Großmüttern und wie diese den Jüngeren vorlebten, dass Erwerbsarbeit so selbstverständlich war wie der Wunsch nach Kindern, die selbstredend in die Kita gingen. Und dann sagte die Frau diesen Satz: "Ich will Ihre gute Laune ja nicht stören, aber mich regt die Mythologisierung der Ostfrauen total auf."

Stille. Irritierende Blicke. Die Frau schaute sich um, dann nach vorn und erzählte: Kurz nach der Wende sei sie aus beruflichen Gründen mit der Familie aus dem Westen in den Osten gezogen. Sie hatte sich darauf gefreut, zu erleben, was im anderen Teil Deutschlands vor sich ging. Vor allem aber war sie – als Feministin – neugierig auf die Frauen aus dem Osten und den emanzipatorischen Schwung, den sie aus allen Zeitungstexten über die DDR herauslas und aus allen Erzählungen heraushörte. Sie hatte das Bild von Kämpferinnen im Kopf, von Frauen, die Widerworte geben, um ihre Rechte ringen, die angriffslustig sind. Aber dann traf sie auf graue Gestalten, die von ihrem Alltag gestresst waren und den Männern im Haushalt nichts abforderten, die keine Ahnung vom Feminismus hatten und statt gelassen eher verbittert waren. Was soll daran bewundernswert, emanzipiert sein? Sehen so Vorreiterinnen in der politischen Auseinandersetzung um gleiche Rechte aus, im Kampf für Abtreibung und mehr weibliche Sichtbarkeit?

Manche Frauen rutschten auf ihren Stühlen hin und her, Raunen, Arme schnellten in die Höhe, jede wollte etwas sagen. Aus manchen brach es förmlich heraus: Wir mussten nicht um unsere Rechte kämpften, wir hatten sie einfach. Wir konnten uns vom Partner trennen, wenn wir das wollten, und hingen nicht – wie viele Frauen aus dem Westen – in männlicher Abhängigkeit fest. Kitas mögen von 6 bis 18 Uhr geöffnet gewesen sein, weil Frauen ihre Arbeitskraft voll dem Staat zur Verfügung stellen sollten, aber wir konnten eben arbeiten, auch in leitenden Positionen. Insgesamt hatten Frauen im Osten, so das Fazit, gegenüber Frauen im Westen eben doch einen emanzipatorischen Vorsprung: Während Ostfrauen weitgehend gleichberechtigt lebten, ohne darüber in jeder Sekunde nachzudenken und das zu theoretisieren, hatten Westfrauen zwar feministisches Basiswissen, in der Regel aber keine Chance, das in die Realität umzusetzen.

Ich saß mitten unter den Frauen, schaute von einer zur anderen, hörte zu und sagte gar nichts mehr. Was war hier los? Solche und ähnliche Debatten hatten Frauen aus Ost- und Westdeutschland unmittelbar nach der Wende geführt, ich kenne sie in- und auswendig. Die Journalistin Ulrike Helwerth hatte bereits kurz nach der Wende gesagt: "Westfrauen sind arrogant, wissen alles besser, sind kinder- und männerfeindlich, dogmatisch und intolerant. Ostfrauen sind angepasst, biedere Muttis, männerfixiert und kein bisschen radikal." Jedes Mal, wenn in den Neunzigerjahren Frauen aus den verschiedenen Teilen Deutschlands aufeinandertrafen, hagelte es Vorwürfe. Sie warfen sich gegenseitig ihre Biografien vor und moserten, die andere Seite verstände so vieles nicht, weil das eigene Erleben fehlte. Die Heftigkeit, mit der Ost- und Westfrauen noch heute, fast 30 Jahre nach der Wende, darüber diskutieren, irritierte mich zutiefst.

Ich hatte angenommen, dass sich im Laufe der Jahrzehnte, in der sich Erwerbsbiografien und die Geburtenrate ost- und westdeutscher Frauen in nicht geringem Maße angeglichen hatten, dass in einer Zeit, in der sich Frauen in Ost wie West Sorgen um ihre Rente und ihre Reproduktionsrechte machen müssen, sich Debatten um die Deutungshoheit historischer Realitäten abgeschwächt hätten. So wie ich das nahezu täglich privat und in meinem beruflichen Umfeld erlebe: Kulturelle und feministische Differenzen unter Frauen nehme ich nur noch in homöopathischen Dosen wahr. Eher sind wir uns einig über die "großen Probleme": Finanzkapital, Klimawandel, Armut, Rechtspopulismus.

Kitaausbau, jetzt? Im Osten gab's genug Plätze

An diesem sonnigen Tag in Leipzig wurde mir vorgeführt, dass ich falsch liege. Dass Ost- und Westfrauen augenscheinlich noch lange nicht am Ende ihrer Reisen in die jeweils andere (Frauen-)Welt angekommen sind. Nach der Wende erschien das Dilemma klar: Es trafen Frauen aufeinander, vereint im Glauben, dieselbe Diskriminierungserfahrung zu haben. Recht schnell stellten sie fest, dass Diskriminierung durchaus unterschiedlich empfunden werden kann und dass die Frauen einander vollkommen fremd waren. Mehr noch, sie hatten nicht dieselben Ziele. Diese Differenzen, die unlösbar erschienen, machten die Frauen sprach- und hilflos. Das Gefühl der Frauen aus dem Osten, auf Arroganz und Besserwisserei zu treffen, war so folgerichtig und berechtigt wie der Ärger der Frauen aus dem Westen über das fehlende feministische Bewusstsein.

Dieses Dilemma existiert heute offenbar immer noch. Und das nicht trotz, sondern obwohl fast 30 gemeinsame Jahre ins Land gegangen sind. Mütter im Westen arbeiten heute öfter denn je Vollzeit, Mütter im Osten bleiben "wegen der Familie" schon mal länger zu Hause. Der einst fremde Erlebnishorizont ist eingedrungen ins persönliche Leben. Warum also erhitzen sich Ost- und Westfrauen immer noch darüber?

Die einstige Sprach- und Hilflosigkeit scheint nach wie vor präsent zu sein. Die existenziellen Kränkungen, die Ostdeutsche nach der Wende empfunden haben, sind wirkmächtig und nachhaltig. Politische Abwertungen durch "Westparteien" und berufliche Herabwürdigungen durch westdeutsche Kader der "dritten Garde", die Ostdeutschen Job und Leben erklären wollten, haben die Ostdeutschen nicht vergessen. Heute lächeln Ostfrauen müde über den politischen Versuch, den Kitaausbau voranzutreiben: Wir hatten genügend Kindergartenplätze, und wäre nach der Wende der Westen über den Osten nicht hinweggefegt wie ein Orkan, müsste heute nicht wieder aufgebaut werden, was es schon mal gab. Was wollt ihr uns schon erzählen!

Das gegenseitige Unverständnis von Ost- und Westfrauen spiegelt sich bis heute auch in der Sprache: Während ältere Ostfrauen vehement darauf bestehen, "Ingenieur" oder "Arzt" zu sein, schütteln Westfrauen über so viel unkritische Anpassung an hegemoniale Männlichkeit den Kopf: Wie kann frau sich nur so hinter einem Mann verkriechen und komplett auf feministische Praktiken verzichten? Sprache ist für viele Ostfrauen ab 40 nach wie vor kein Kriterium für Gleichstellung und ebenso wenig ein Machtinstrument. Im Gegenteil, allein der Fakt, dass Ostfrauen unkompliziert "Ingenieur" und "Arzt" werden konnten, war ihnen Gleichstellung genug. Das regt Westfrauen zu Recht auf, haben sie doch die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mitgemeint sind, wenn sie nicht explizit mitgenannt sind. Ein Bauer auf dem Hühnerhof ist ein Mann und keine Frau. Westfrauen wissen aufgrund ihres feministischen Theorieverständnisses, was Ostfrauen oft nicht wahrhaben wollen: Dass die berufliche Gleichstellung und die ökonomische Unabhängigkeit im Osten Diskriminierungen wie sexuelle Übergriffe, Lohnungleichheit sowie einen Mangel an Machtpositionen verdecken.

Wie konträr sich ost- und westdeutsches Verständnis von Emanzipation gegenüberstehen, zeigt sich anschaulich in dem Satz "Das Private ist politisch". Für viele westdeutsche Frauen, insbesondere für jene der sogenannten 68er-Generation, eine Selbstverständlichkeit; für nicht wenige ostdeutsche Frauen das Gegenteil von Emanzipation. Denn die einzige Sphäre, die in der DDR nicht politisch war, war die private. Diese frei zu halten von staatlicher Doktrin, war im ostdeutschen Sinne höchst emanzipativ.

All diese Erfahrungen, Denkmuster, Zuschreibungen und Vorurteile halten sich hartnäckiger, als das vielen bewusst ist und als sie es sich vielleicht wünschen. Vermutlich müssen Ost- und Westfrauen noch lange miteinander reden, einander lange zuhören und dabei recht geduldig sein. Möglicherweise löst sich das Dilemma erst für die nachfolgenden Generationen.

Es gibt Hoffnung: Die Leidenschaft, die sich in Leipzig entfaltete, schien zumindest die beiden Frauen um die 50 mit ihren komplett unterschiedlichen Biografien und konträren Sichten auf den Osten nicht zu stören. Als die Putzkolonne begann, die Stühle hochzustellen, saßen sie immer noch nebeneinander und redeten.