An diesem sonnigen Tag in Leipzig wurde mir vorgeführt, dass ich falsch liege. Dass Ost- und Westfrauen augenscheinlich noch lange nicht am Ende ihrer Reisen in die jeweils andere (Frauen-)Welt angekommen sind. Nach der Wende erschien das Dilemma klar: Es trafen Frauen aufeinander, vereint im Glauben, dieselbe Diskriminierungserfahrung zu haben. Recht schnell stellten sie fest, dass Diskriminierung durchaus unterschiedlich empfunden werden kann und dass die Frauen einander vollkommen fremd waren. Mehr noch, sie hatten nicht dieselben Ziele. Diese Differenzen, die unlösbar erschienen, machten die Frauen sprach- und hilflos. Das Gefühl der Frauen aus dem Osten, auf Arroganz und Besserwisserei zu treffen, war so folgerichtig und berechtigt wie der Ärger der Frauen aus dem Westen über das fehlende feministische Bewusstsein.

Dieses Dilemma existiert heute offenbar immer noch. Und das nicht trotz, sondern obwohl fast 30 gemeinsame Jahre ins Land gegangen sind. Mütter im Westen arbeiten heute öfter denn je Vollzeit, Mütter im Osten bleiben "wegen der Familie" schon mal länger zu Hause. Der einst fremde Erlebnishorizont ist eingedrungen ins persönliche Leben. Warum also erhitzen sich Ost- und Westfrauen immer noch darüber?

Die einstige Sprach- und Hilflosigkeit scheint nach wie vor präsent zu sein. Die existenziellen Kränkungen, die Ostdeutsche nach der Wende empfunden haben, sind wirkmächtig und nachhaltig. Politische Abwertungen durch "Westparteien" und berufliche Herabwürdigungen durch westdeutsche Kader der "dritten Garde", die Ostdeutschen Job und Leben erklären wollten, haben die Ostdeutschen nicht vergessen. Heute lächeln Ostfrauen müde über den politischen Versuch, den Kitaausbau voranzutreiben: Wir hatten genügend Kindergartenplätze, und wäre nach der Wende der Westen über den Osten nicht hinweggefegt wie ein Orkan, müsste heute nicht wieder aufgebaut werden, was es schon mal gab. Was wollt ihr uns schon erzählen!

Das gegenseitige Unverständnis von Ost- und Westfrauen spiegelt sich bis heute auch in der Sprache: Während ältere Ostfrauen vehement darauf bestehen, "Ingenieur" oder "Arzt" zu sein, schütteln Westfrauen über so viel unkritische Anpassung an hegemoniale Männlichkeit den Kopf: Wie kann frau sich nur so hinter einem Mann verkriechen und komplett auf feministische Praktiken verzichten? Sprache ist für viele Ostfrauen ab 40 nach wie vor kein Kriterium für Gleichstellung und ebenso wenig ein Machtinstrument. Im Gegenteil, allein der Fakt, dass Ostfrauen unkompliziert "Ingenieur" und "Arzt" werden konnten, war ihnen Gleichstellung genug. Das regt Westfrauen zu Recht auf, haben sie doch die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mitgemeint sind, wenn sie nicht explizit mitgenannt sind. Ein Bauer auf dem Hühnerhof ist ein Mann und keine Frau. Westfrauen wissen aufgrund ihres feministischen Theorieverständnisses, was Ostfrauen oft nicht wahrhaben wollen: Dass die berufliche Gleichstellung und die ökonomische Unabhängigkeit im Osten Diskriminierungen wie sexuelle Übergriffe, Lohnungleichheit sowie einen Mangel an Machtpositionen verdecken.

Wie konträr sich ost- und westdeutsches Verständnis von Emanzipation gegenüberstehen, zeigt sich anschaulich in dem Satz "Das Private ist politisch". Für viele westdeutsche Frauen, insbesondere für jene der sogenannten 68er-Generation, eine Selbstverständlichkeit; für nicht wenige ostdeutsche Frauen das Gegenteil von Emanzipation. Denn die einzige Sphäre, die in der DDR nicht politisch war, war die private. Diese frei zu halten von staatlicher Doktrin, war im ostdeutschen Sinne höchst emanzipativ.

All diese Erfahrungen, Denkmuster, Zuschreibungen und Vorurteile halten sich hartnäckiger, als das vielen bewusst ist und als sie es sich vielleicht wünschen. Vermutlich müssen Ost- und Westfrauen noch lange miteinander reden, einander lange zuhören und dabei recht geduldig sein. Möglicherweise löst sich das Dilemma erst für die nachfolgenden Generationen.

Es gibt Hoffnung: Die Leidenschaft, die sich in Leipzig entfaltete, schien zumindest die beiden Frauen um die 50 mit ihren komplett unterschiedlichen Biografien und konträren Sichten auf den Osten nicht zu stören. Als die Putzkolonne begann, die Stühle hochzustellen, saßen sie immer noch nebeneinander und redeten.