Als ich am Morgen meines 24. Geburtstags erwachsen wurde, war mein erster Gedanke: "Okay. Ab jetzt kannst du nicht mehr einfach so abtreiben." Ich denke nicht oft an Abtreibungen und war etwas irritiert darüber, dass ich mich so früh morgens derart konkret mit dem Thema beschäftigte. Ich bin keine Abtreibungsgegnerin und war noch nie an einem Ort, an dem ich mir dachte: "Wie schade, dass hier nicht noch mehr Menschen mit schwierigen Schicksalen sind." Wenn ich mir ein Embryo vorstelle, das durch einen Katheter aufgesaugt und im Anschluss entsorgt wird, löst das nichts Negatives und nichts Positives in mir aus. Nicht, weil ich Kinder nicht mag – im Gegenteil, ich liebe Kinder –, aber ich halte es nicht für meine Aufgabe oder Fähigkeit, einen mir unbekannten Zellklumpen in Hoffnungen, Ängste und Liebe zu hüllen.

Jede Zeugung ist ein Wunder, klar, genauso wie es aber auch ein Wunder ist, dass rechtsdrehende Milchsäure Sauerkraut haltbar macht und es im Kosmos Sterne gibt, die nach ihrem Kollaps kleiner sind als die Ostseeinsel Hiddensee und trotzdem noch doppelt so viel wiegen wie die Sonne.

Aber zurück zu meinem Geburtstagsmorgen. Es war ein Samstag im Dezember, und ich war zum ersten Mal vierundzwanzig. Ich war nicht schwanger, war es auch vorher zum Glück noch nie gewesen, und später am Tag würden Freunde zum Essen kommen. Es gab also keinen rationalen Grund, um über Schwangerschaftsabbruch zu sinnieren, und trotzdem tat ich es, bis mein zweiter Gedanke plötzlich kam: "Oh fuck, ich bin erwachsen." 

Erwachsen ist man dann, wenn man skeptisch wird, dass man gerade zu viel Spaß hat. Wenn man im Rausch schon an den Kater denkt und wenn es beim Naschen weniger um den Geschmack geht als um den Kick, weil man eigentlich nicht sollte. Unzufriedene Erwachsene mögen nicht nur selbst keinen Spaß, sondern tolerieren ihn auch nicht bei anderen, und glückliche Erwachsene schaffen es wenigstens ab und zu, sich trotz Klarheit über die Konsequenzen etwas Sündiges zu gönnen.

Frauen sind von Natur aus bessere Spaßbremsen als Männer und daher auch die erwachseneren Leute. Vielleicht ist es, weil Frauen sich schon während des Orgasmus im Hinterkopf die Geburtsschmerzen als Konsequenz davon vorstellen, vielleicht, weil sie häufiger Opfer von körperlicher Gewalt in Beziehungen sind oder weil es sie einfach ermattet, ständig gegen das Patriarchat und sexistische Vorurteile anzukämpfen. Aber selten trifft man ein erwachsenes Paar, in dem die Frau die kindischeren Ideen hat als der Mann. Witze, die weder mutig noch kreativ, aber irgendwie milde lustig sind, heißen schließlich nicht ohne Grund "Dad Jokes". Und "onkelhaft" heißt laut deutschem Duden "freundlich", während "tantenhaft" ein paar Dutzend Seiten weiter hinten mit "betulich", also "übertrieben fürsorglich" übersetzt wird.

Frauen haben den Segen und den Fluch, sich schon früh im Leben bewusst fürs Erwachsenwerden entscheiden zu müssen. Wahrscheinlich ist das soziokultureller Sexismus, aber wenn eine Frau als Teil der Gesellschaft und von sich selbst respektiert werden will, muss sie, salopp gesagt, auf jeden Fall ihren Scheiß zusammenkriegen, bevor sie dreißig ist. Das ist ein Fluch, weil es heißt, dass Frauen nicht machen können, was sie wollen, und ein Segen, weil es auch heißt, dass Frauen sich nicht dazu herablassen, geistig, körperlich und sozial zu verwahrlosen, selbst wenn es das sein sollte, was sie wollen. Eine Frau über dreißig, die weder Familie noch Karriere verfolgt, gilt nicht als cool und in der Findungsphase. So eine Frau ist sozial untendurch. Oder anders ausgedrückt: Wenn der Dude aus Big Lebowski eine Frau wäre, fände man den Film einfach nur abartig.

Eine Helikoptermama will ich auch nicht sein

Ich habe Freundinnen Ende zwanzig, die manchmal laut rückwärts rechnen, wie viele Monate ihnen noch bleiben bis zum nächsten Schritt auf dem Verantwortungstreppchen. Das ist zwar kein gutes Erwachsensein, wenn man leidet und sich um jeden Preis davon ablenken will, aber ein Erwachsensein ist es schon. Mit tickender Gebärmutter sitzen mir meine Freundinnen dann im Café gegenüber und halten plötzlich völlig ernsthaft und ungefragt einen Vortrag über ihre Kapitulation vor der Natur, den eigenen Idealen und sämtlicher Romantik:

Ehrlich unoptimistisch mit der Welt

"Wenn ich bis April jemanden kennenlerne, kann ich drei Jahre mit ihm zusammen sein, bevor ich mich von ihm trennen muss, falls es nicht passt. Dann habe ich ein Jahr Zeit, bis ich den Typen gefunden haben muss, mit dem ich dann Kinder haben will. Ich würde dann schon gerne zwei Jahre mit ihm zusammen sein, vielleicht sogar zusammenleben, bevor ich schwanger werde. Außer ich merke sofort, dass er der Richtige ist, dann verschiebt sich der Zeitplan natürlich um ein paar Jahre nach hinten, aber wer weiß, ob es dann auch gleich klappt. Und so eine Helikoptermama in ihren Vierzigern will ich eigentlich auch nicht sein."

Ich kann nach solchen Redeschwallen immer nur nicken und sagen, dass schon alles gut werden wird. Schade, dass nichts eine Frau weniger sexy macht als das Verlangen, um jeden Preis für sexy gehalten zu werden.

Obwohl Erwachsenwerden für Männer und Frauen etwas Unterschiedliches bedeutet, ist wirklich gutes Erwachsensein geschlechterunabhängig. Für mich bedeutet gutes Erwachsensein zunehmend, Leidensphasen auch einfach mal auszuhalten. Eine Stille, einen Streit, ein Unglück oder den eigenen Zerfall hinzunehmen, ohne sich gleich in die Ablenkung zu stürzen. Cool bleiben. Würde ist das Recht, Scheiße tonlos zu ertragen.

Ich hab okay geschlafen

Ich versuche heute sehr bewusst, Konfrontationen manchmal hinzunehmen und nicht immer nach der erstbesten Lösung zu greifen. Es fällt mir nicht leicht, bei Kopfschmerzen keine Tablette zu nehmen, obwohl ich eine im Portemonnaie habe, oder dem Drang zu widerstehen, meinen traurigen Freund mit Kuchen zu füttern, anstatt ihm zu sagen, dass er sich selbst helfen muss. Zum Glück ist mein trauriger Freund älter und ehrlicher als ich und hält meine Flucht vor Problemen zu Recht für kindisch. Erwachsensein heißt, ehrlich unoptimistisch mit sich selbst und der ganzen Welt zu sein.

Es ist eine Form von Meditation, den störenden Lärm um sich, unangenehme Gerüche und Schmerz genau zu beobachten, anzunehmen und nicht ändern zu wollen.

"Dann bin ich ab jetzt wohl erwachsen", dachte ich und starrte auf meine nackten Füße, die mich vom anderen Ende meines von nun an nur noch schlaffer werdenden vierundzwanzigjährigen Körpers unter der Bettdecke knorrig anstarrten. Ich war minimal verkatert, aber hatte ganz okay geschlafen.

Babys schadet es angeblich, wenn man sie nachts der Selbstberuhigung überlässt und sie sich bis zur Verstummung ausschreien. Die Ferber-Methode wird in nationalsozialistischen Erziehungsratgebern propagiert und sorgt Studien zufolge für bleibende seelische Schäden. Die Kinder verlernen, gesund mit Stress umzugehen, verlieren ihr Vertrauen in die Eltern und wachsen mit einer irreparablen Unglücklichkeit auf.

Ich schaute auf mein Handy und sah Ballon-Emojis und Gratulationen. Ich war müde und freute mich, dass ich noch ein wenig liegen bleiben könnte, bis die ersten Gäste kämen.