Im Februar 2014 rollte mein Kopf wie ein Fußball über eine Straße in Aleppo. Die Augen geschlossen, Blut lief aus der Nase, mit mir überschlugen sich Ingeborg Bachmanns Worte: "Jeder, der fällt, hat Flügel."

Ich wollte mich in den Tod stürzen in Erwartung der Flügel, die mich in eine andere Welt bringen sollten. Eine gerechtere, menschlichere Welt, in der Liebe nicht grausam war. Das Auto, vor das ich mich geworfen hatte, war ein Militärfahrzeug. Als ich das bemerkte, war es schon zu spät. Es hätte mein Leben beenden sollen, ein Leben bestimmt von Krieg, unerwiderter Liebe, Checkpoints, Angst vor Verhaftung, täglicher Bombardierung, Hoffnungslosigkeit, Strom- und Wasserknappheit, Flucht von Freunden und Familie, dem Mangel an Dingen in einer kriegsgebeutelten Stadt. 

Widad Nabi, geboren 1985 in Kobani/Syrien, lebt heute in Berlin. Die kurdisch-syrische Lyrikerin und Autorin absolvierte einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an der Universität Aleppo. 2013 erschien ihr Buch "Zeit fūr Liebe, Zeit fūr Krieg" in Aleppo. 2016 folgte "Syrien und die Sinnlosigkeit des Todes" in Beirut. 2017 nahm Widad Nabi am Poesiefestival in Berlin teil. Zur Zeit ist sie Stadtschreiberin von Wiesbaden. © Heike Steinweg

Doch der Tod wollte mich nicht, wies mich brüsk ab, übergab mich dem Soldaten, vor dem ich geflohen war, gegen den ich laut demonstriert hatte. Ironie des Schicksals. Er half mir von der Straße, sein Gewehr streifte meine Stirn. Ich öffnete kurz die Augen, sah das Gewehr. Ein zweites Mal begegnete mir Ingeborg Bachmann, ich fragte sie: "Warum tut es so weh? Wie hat dein Herz sich vor dem Feuer gerettet? Warum kann ich das nicht?"

Mein Becken war gebrochen. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen worden war, musste ich drei Monate lang das Bett hüten, auf dem Rücken liegend. Die Worte des Arztes hallten noch in meinen Ohren: "Der erste Verkehrsunfall seit zwei Jahren. Sonst sind die Patienten Opfer von Granaten, Raketen, Bomben, Scharfschützen und Gasangriffen. Bei einem Autounfall verletzt zu werden, grenzt in Aleppo an ein Wunder." Er lachte.

Es war kein Verkehrsunfall, wollte ich sagen, sondern ein Suizidversuch, um dem Elend dieser Stadt zu entkommen. Doch ich schwieg. Bachmanns Gedicht kam mir wieder in den Sinn: "Jeder, der fällt, hat Flügel." Nun stürzte ich ohne Flügel in die Leere.   

Im Krankenbett las ich Bachmann, rettete mich in die Poesie, gab mich ihren Liebesbeziehungen mit Paul Celan und Max Frisch hin, den Briefen an die beiden, dem endlosen Leiden, der letzten Zigarette, mit der sie ihr Leben verbrannte.

Die Bachmann wurde in den schweren Zeiten in Aleppo zu meinem ersten Flügel, sie half mir, wieder laufen zu lernen. Ihre Gedichte trösteten mich. Sie begleiteten mich, als ich in einer nahe gelegenen Gärtnerei das Gehen übte. Vielleicht gedeiht ihre Poesie in den Blumentöpfen, sollte der Krieg in Aleppo eines Tages verstummen.

Ein Jahr war vergangen. Ich war dem Tod entkommen, dank des Flügels, dank Ingeborg Bachmann.

Ich kam in Berlin an, im Gepäck ein schweres Erbe aus persönlichen Erfahrungen, Krieg, Liebe und Überlebenskampf. Noch immer hinkte ich. Der Bruch war unsichtbar, nicht im Becken – im Herzen. Das wurde mir erst bewusst, als ich mit einem Freund über Ingeborg Bachmann und ihre Beziehung zu Max Frisch sprach. Ich wollte mehr über sie erfahren. Dieses Mal mit dem bisschen Deutsch, das ich konnte. Sie sollte mich vor der Einsamkeit retten, mir helfen, zu mir selbst zu finden.

Bereits in der Heimat hatte ich gespürt, dass in mir viele Identitäten wohnten, ohne dass ich mich für eine entscheiden konnte. Ingeborg Bachmann sollte mir helfen, mit dem Gefühl zurechtzukommen, es gebe keine Gerechtigkeit in der Welt. Von ihr erhoffte ich mir Kraft und Zuversicht für einen Neuanfang im Leben und im Schreiben.