Ich habe unter kulturschaffenden Kolleginnen und Kollegen eine Erklärung angestoßen, die binnen 24 Stunden von 5.000 Menschen unterschrieben wurde. Es geht darum, dass wir Horst Seehofer für eine Fehlbesetzung als Bundesinnenminister halten. Zur Erklärung muss hier nichts hinzugefügt werden. Aber in mir, wie konnte es in mir so weit kommen?

Dass in den Kommentarspalten jetzt einige Vorwürfe gegen uns erhoben werden, erleichtert die Arbeit an dieser zweiten Erklärung ungemein. Abgesehen von dem bizarren Gedanken, Künstlerinnen und Künstler dürften sich nicht Künstlerinnen und Künstler nennen, so lange sie keine Nobelpreise oder Bambis gewonnen haben, geht es einigen darum, uns mitzuteilen, wir lebten in einer Blase oder im Elfenbeinturm – ein Turm, der zuletzt betreten und dann verwaist hinterlassen wurde von Peter Handke noch vor meiner Geburt –, wir hielten uns für etwas Besseres und verstärkten den Riss in der Gesellschaft. Das ist Unsinn. Und es kann daher gar nicht schaden, wenn in Zukunft auch Künstlerinnen und Künstler mal einen möglichst einfachen Einblick in ihren Alltag geben. Ich will es hier versuchen.

Kurz nachdem das Bundesinnenministerium in Berlin den Zusatz "für Bau und Heimat" bekommen hatte, erschien im März dieses Jahres mein neuer Roman. Darin benennt ein Architekt die Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist, der er entwachsen zu sein glaubt, die er nie wieder betreten wollte, abschätzig und titelgebend als Das Kaff. Sein gedankliches Klischee, es habe sich hier in den letzten 20 Jahren kaum etwas bis gar nichts getan, wird im Laufe des Romans entkräftet. Es verlaufen Drähte und Kräfte zwischen Großstadt und Provinz. Es treten auf: Bauinvestoren mit einem Hang zur hohen Rendite; eine hochengagierte Sozialarbeiterin; ein Tischlermeister, der eine schwere Krankheit übersteht und sich danach den Traum vom Kauf einer eigenen CNC-Fräse erfüllt, für die er einen sechsstelligen Kredit aufnimmt; ein Betreuer, der nach 35 ehrenamtlichen Jahren im örtlichen Fußballverein verabschiedet wird – mit einem Album, in dem sich alle Männer verewigt haben, deren Muskeln er geknetet hat. Es ist ein sehr deutscher Roman, man erkennt das schnell. Es soll auch aufbewahren, was den Autor an diesem Land und an seiner Heimatregion stört – und was er besonders gerne mag.

Dabei ist es sicherlich auch ein Buch, das aus dem Herzen eines Kleinbürgers kommt. Ich bin aufgewachsen mit sorgenden Eltern, die beide bei der Sparkasse tätig waren, als Kassierer, nicht in gehobener Stellung. Die Blöcke des niedersächsischen Hochhausviertels, in dem wir lebten, wirkten immer beklemmend, das Milieu hat mich – kein Widerspruch – so sehr unterfordert, wie es mich bereicherte. Das soziale Regelwerk meiner Mutter war pietistisch eingefärbt, es ließ nicht zu, dass man sich über andere erhob. In meiner späteren Jugend wurden die Alten dann lockerer, stärkten meine Zugewandtheit und Geselligkeit, vergaßen auch nicht, mir Auslauf zu geben, um diese Werte woanders zu erproben. Und ja, sie investierten auch in mich, weil das im Nordwestdeutschland der Achtzigerjahre möglich wurde. Nur so konnte ich nach meinem Englischlehrer weitere Mentoren finden, in der Universität, im zunächst viel zu großen Berlin.

Heute herumzureisen und aus Büchern zu lesen, empfinde ich als Privileg. In einem Hotel übernachten zu dürfen, kommt mir auch nach vielen Jahren noch immer seltsam unnötig vor. Aber darum geht es jetzt nicht. Wer kommt nun zu diesen Lesungen? In einer deutschen Großstadt mal nur 20 Zuhörer, in einem Dorf an der Schweizer Grenze viermal so viele, letztens auf einem Obsthof bei Vechta erschienen 230 Menschen, die mich weder alle kennen konnten noch kontaktscheu wirkten, und die sicherlich wussten, dass zu Hause noch Butter im Kühlschrank liegt. "Wir haben denen so viele Klamotten gebracht, die wissen gar nicht mehr wohin damit", sagte eine Frau stolz, als ich nach der nächstgelegenen Geflüchtetenunterkunft fragte. "Oh Gott, die ganzen Klamotten", lachte ihre Nachbarin, "ist gar kein Wunder, dass die ihre Familienmitglieder nachholen wollen." Das war ein Witz, der mir gefiel.

Aber klar, es gibt auch verängstigte Kulturgänger, die mit Hundeaugen fragen, wann denn die Wende kommt, wann denn das alles wieder besser wird mit ihren Nachbarn. Die in Franken geborene Literaturkritikerin Ursula März, mit der ich kürzlich auf der Bühne saß, stellte die Hypothese auf, ob vielleicht die Integration seit 2015 ebendort am besten gelänge, wo Menschen so viel Selbstbewusstsein für ihre regionale Kultur aufbrächten, dass sie sie jederzeit gern (re)präsentierten. Da ist bestimmt was dran. Läuft dies auf das gegenteilige Paradox hinaus, dass die Angst vor Überfremdung dort am größten ist, wo es gar nichts mehr an Heimat zu verlieren gibt?  

In der Klein- und Großstadt zu Hause

Wohl kaum. Heimat ist überall, zu verlieren gibt es immer etwas, und wer will schon unterscheiden zwischen den Dingen, die da sind, und den Dingen, die wir uns nur einreden. Ja, man führt Gespräche, wenn man durchs Land fahren darf. Ich sitze im Erzgebirge mit der letzten Buchhändlerin zusammen und höre am schönen Schloss Rheinsberg von einer hässlichen tschetschenischen Jugendbande. Auf der Bahnfahrt lese ich aktuell das überaus empfehlenswerte Buch Wer wir sind, in dem Jana Hensel und Wolfgang Engler im Dialog zusammentragen, was seit 1989 auf ostdeutsche Gemüter eingewirkt hat. Ich denke dabei zurück an die Tage meiner Ankunft in Berlin, als ich mich Gitarre spielend zwischen ostdeutschen Studenten wiederfand – und kein Wort ihres russischen Chorgesangs verstand.

Berlin war für uns Kleinstadtjungs zu aufregend, um wahr zu sein. Armut, Coolness, Intelligenz, die Sprachen in der U-Bahnlinie 8 – alles vom ersten Tag an wahrnehmbar auf einem beträchtlichen Niveau. Das Übermaß an Sicherheit, das mir das Hochhausviertel meiner Kindheit gespendet hatte, verlor sich ab Mitte der Neunzigerjahre zwischen Hörsaal, zusammengezimmerter Bar und den ersten Bühnenerfahrungen mit der Band. Ich war jetzt mehr so für Freiheit und Lektüre. Weshalb ich in meiner ersten Erzählung auch zuallererst mit meiner Heimatstadt Lüneburg abrechnen musste.

Noch kann man atmen in Deutschland

Welten paaren sich, das ist normal, im Leben wie in Büchern. Das Kaff führt, 15 Jahre nach meinem Debüt, auch die social skills meiner Mutter und meine Berliner Erfahrungen zusammen. Ich habe da einen Wutbürger in die norddeutsche Tiefebene geschickt, der nicht ganz lassen kann von seinen Provinzerinnerungen, auf den aber nach und nach auch die Kräfte der Toleranz einwirken. Dass ich mich in Klein- und Großstadt zu Hause fühle, sind die zwei vorrangigen Gründe dafür, warum ich in diesen Monaten so ungläubig auf das Heimatministerium und die Auftritte Horst Seehofers blicke. Hinzu kommt noch mein Faible für die großen deutschen Realsatiriker von Kurt Tucholsky über Heino Jäger bis Gerhard Polt, die ich mir nicht von Laiendarstellern ersetzen lassen will. Wenn Seehofer sich auch nur einen Augenblick für humorvoll hält, als er an seinem 69. Geburtstag 69 Abschiebungen feiert, die er gar nicht bestellt hat, dann hab ich genug Inneres aus dem Innenministerium gesehen.

An die wütenden Kommentatoren: Ich versichere, dass wir nicht das geringste Interesse daran haben, mit unserer Erklärung diese Gesellschaft zu spalten. Künstler und Kulturschaffende agieren im Dialog mit Menschen, sie machen Angebote für Menschen. Sie sind friedfertig und mögen die Demokratie. Das ist eigentlich zu blöd, um es noch hinzuschreiben, aber ich lasse jetzt nichts mehr unversucht. Und es darf schon protestieren, wer regionale wie internationale Kontexte schätzt und wer der Ansicht ist, dass auch die Luft nach 2015 hierzulande noch Sauerstoff zum Atmen enthält. 

Will ausgerechnet unser neues Heimatministerium die Mär mitverbreiten, wir müssten nun an jeder Ecke Messerattacken fürchten? Und kann das noch als Wahltaktik durchgehen, in diesen Tagen nicht eindringlich gegen Rechtsradikalismus vorzugehen? Nein, dieses Denken, Spielen, Sprechen und Handeln mache man sich nicht zu eigen, es führt direkt in eine muffige, fensterlose Abstellkammer von vier bis fünf Quadratmetern. Wir aber wollen Menschen einladen und zusammenbringen und vor sie hintreten und sie manchmal sogar bespaßen.

Das wollte schon meine Mutter.