Zu den Klassikern der jüngeren ARD-Sonntagabendkrimigeschichte gehört, dass Drehbucheinfälle, die bei der Etablierung eines neuen Teams super wichtigtaten, sich irgendwann verdünnisieren. Im Berliner Tatort hat sich, wie letzte Woche zu sehen war, die Familie von Kommissarin Rubin (ein Mann, zwei Söhne) mit dem achten Fall so weit ausgeschlichen, dass sie künftig nur noch antanzen muss, wenn das Drehbuch wirklich Bock drauf hat. Oder Zeit füllen muss.

Der Polizeiruf: Magdeburg brauchte dagegen die nun neunte Folge Crash (MDR-Redaktion: Johanna Kraus), um sich des Motorrads von Kommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) zu entledigen. Das ja – nirgendwo besser zu sehen als in der letzten Folge – ein ziemlicher Sacktreter war, was die Bewegungsoptionen des Ermittlerteams anging: Weil Brasch immer auf ihrem Alleinstellungsmerkmal durch die Gegend düsen musste, hatten es Szenen schwer, in denen sie und Kollege Köhler (Matthias Matschke) sich auf einer lauschigen Autofahrt erzähleffizient und kostengünstig gegenseitig im Fall updaten konnten.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Wer es gut meint, erkennt in diesen praxisfernen Schnörkeln an den Figuren das PR-Kalkül ("die mit der Familie", "die mit dem Motorrad"). Wer es nicht so gut meint, sieht die Schwäche der Bücher, die solche Schnapsideen nicht über die Auftaktfolge hinausdenken.

Und darf sich dabei durch Crash durchaus bestätigt fühlen. Auch hier finden sich einige Einfälle, die eher äußerlich gedacht sind (Drehbuch: Wolfgang Stauch). In diesem Polizeiruf geht es ums medial-gesellschaftlich hotte Thema illegaler Autorennen mit Todesfolge. Young Sara Wagner (Hanna Stange) ist, schwanger zudem, von einem Boliden mit weit über Tempo 50 zu Tode erfasst worden. Die Tatwaffe und das mögliche Teilnehmerfeld schränken den Verdächtigenkreis schon mal gehörig ein, sodass man fast Sorge haben muss, der Fall könnte nach einer halben Stunde durch sein.

Zumal der Polizeiruf ja viel zu wenig Geld hat, um die Attraktion seiner Geschichte filmisch entsprechend aufzubrezeln – in den immer mal wieder angedeuteten Autorennen kommt die Action einfach nicht aus dem ersten Gang raus. Spaßvögel mit einer Affinität zu Automatikschaltungen würden vermutlich vom P-Modus sprechen.

Deshalb streicht Crash sein Personal also möglichst bunt an. Wie bei den Schlümpfen werden die Kollegen des nämlichen Autoclubs, den Brasch und Köhler früh erschöpfend beobachten und fotografieren, mit grellen Eigenschaften bedacht – die Frauendichte ist dort ebenfalls so gering wie bei den Schlümpfen, weshalb Young Sara als Groupie der Raser für die Rolle der Schlumpfine infrage kommt.

Für die zweite Runde der Ermittlungen qualifizieren sich aus dem Teilnehmerfeld der Reichenschlumpf Henry Müller (Anton von Lucke) und der Unterprivilegiertenschlumpf Tommy Otto (Dennis Mojen): Ein Schnösel mit Managervater, der aus Hongkong kommend den nächsten Karriere-Move in Magdeburg macht und ohne Mutter (die ist in Hongkong geblieben) allein in einer Villa lebt, in der eine tolle Carrera-Bahn aufgebaut ist. Auf der anderen Seite ein Paketbote mit Oma, der sein Salär durch Autodiebstahl und Drogenhandel aufpeppt, um im kostenintensiven Wettlauf um die Gunst von Schlumpfine mithalten zu können.

Kann man alles machen, den Reichenschlumpf großkotzend im braunen Mantel durch die Szenerie wehen lassen und sich zu gleich an I-love-Tommy-Plüschtierkitsch in der Wohnung der angeblich einfachen Leute erfreuen.

"Die Dresdner sind jetzt die neuen Wessis" – echt?

Wenn aber am Ende kurz gemutmaßt wird, Reichenschlumpf könnte Schlumpfine deshalb umgefahren haben, weil es in seiner "gesellschaftlichen Schicht" (Köhler) als uncool gilt, Kinder mit Bäckereifachangestellten zu haben – dann fällt leider doch auf, dass Crash keinen Sinn für Milieus hat. Alle Figuren sprechen gleich eloquent und witzig, was auch für Ben Beckers Schlumpfinenvater gilt, der doch auch einer von den vermeintlich einfachen Leuten sein soll. Hauptsache, er haut sich bei der Überbringung der Todesnachricht nach geduldiger Ruhe schließlich die Hand blutig in der eigenen Fensterscheibe als Krassheitssignal für seine Trauer.

Ein anderes Beispiel für die Etikettenhaftigkeit der Charaktere wäre der Versuch von Revierchef Lemp, ein bisschen Lokalkolorit in den Fall zu bringen mit einer – vermutlich kaum mehrheitsfähigen – Ost-West-Behauptung ("Die Dresdner sind jetzt die neuen Wessis"). Erzählt später Doreen Brasch dagegen, ihr erstes Auto sei ein GTI gewesen, Baujahr '83, noch vor dem Kind, dann fehlt da der Hinweis aufs erste Westauto. Der doch aber für eine Ost-Erfahrung des Westens wesentlich wäre.

Nicht Hund, nicht Wolf

Nimmt man nun Abstand vom psychologischem Realismus, ist das Personal dieses Polizeirufs wiederum zu brav und bieder, um wenigstens ein bisschen groteskes Theater abzufackeln in einer Szene (unter Autopimpern), in denen Prätention als Liebe zum eigenen Geschoss doch großgeschrieben wird.

Dieser Film ist nicht Hund, nicht Wolf, wie die Französin sagt. Crash bewegt sich in einer – für Magdeburger Verhältnisse freilich okayen – Mittellage. Es gibt auch mal Witz in den Dialogen, und wie Brasch zu Beginn drei Kfz-Werkstätten nacheinander abgrast, ist immerhin eine Variation des Erzählduktus (Regie: Torsten C. Fischer).

Dabei ließe sich das Krimihafte am Krimi durchaus spannungsverschärfender in der Ermittlungsarbeit suchen, statt wie nicht nur in diesem Polizeiruf auf die finalen Verhöre zu setzen, die eigentlich daraus bestehen, dass die Kommissare dem Verdächtigen sein Verbrechen erzählen. Wobei der Verdächtige da auch nur als Stellvertreter der Zuschauerin fungiert.