Ein Bauprojekt, ein Musikfestival, die Schließung eines Krankenhauses oder die Demonstration von Flüchtlingsgegnern: Was vor der eigenen Haustür passiert, bewegt viele Menschen. Verlässliche und ausgewogene Informationen dazu sollten lokale Medien liefern. Wie gut das gelingt, hat ein Team der Universität Trier nun erforscht. 

Die Qualitätsdebatte über den Lokaljournalismus gibt es schon seit den Sechziger- und Siebzigerjahren. Die Kritik damals lautete: Die Lokalpresse sei unausgewogen, schreibe langweilig, berichte nur über Vereine und Unfälle, kritisiere und kontrolliere zu wenig. Stimmt das jetzt noch, da Lokaljournalismus auch im Netz stattfindet und eine Social-Media-Gegenöffentlichkeit die einstigen Monopole vieler Lokal- und Regionalblätter infrage stellen kann? Führt die Konkurrenz zu einer Professionalisierung oder verschärfen fehlende Ressourcen aufgrund von Auflageverlusten und der Abwanderung von Anzeigenkunden ins Netz eher das Problem?   

Mehr als 100 Lokalzeitungen und Lokalausgaben von Boulevard- und überregionalen Blättern sowie deren Onlineausgaben wurden für die Studie ausgewertet, über 18.000 Artikel wurden analysiert. 

Das Ergebnis: So pauschal stimme die Kritik nicht mehr, sagt die Medienwissenschaftlerin Anna-Lena Wagner, die an dem Forschungsprojekt mitgearbeitet hat. "Das Themenspektrum ist breiter geworden, es findet nicht mehr nur Vereinsberichterstattung statt, sondern es wird zum Beispiel auch über Soziales und Kultur geschrieben."

Dennoch gebe es zu wenig Hintergrund, etwa in Form von Erklärkästen, zu wenig unterschiedliche Perspektiven von Experten oder Betroffenen. Auch Interviews, Kommentare oder Reportagen seien deutlich in der Minderheit gewesen: Die meisten Artikel der untersuchten Texte (86 Prozent) waren Berichte oder Meldungen. Einige Redaktionen schrieben demnach häufiger unausgewogene Texte, ließen bei umstrittenen Themen nur eine Seite zu Wort kommen oder "lassen sich vor den Werbekarren spannen", heißt es vonseiten der Universität. Kritisch berichtet sei kaum worden.

Ein Grund dafür mag sein, dass gerade im Lokalen die Angst der Redaktionen verbreitet sein könnte, größere Teile ihrer Leserschaft mit einem Kommentar so zu verärgern, dass sie ihr Abo kündigen. Oder aber, dass einflussreiche Werbekunden ihre Anzeigen zurückziehen. Auch die Sorge, dass Lokalpolitiker oder ortsansässige Unternehmerinnen aus Verärgerung keine Interviews mehr geben, könne eine Rolle spielen, sagt Wagner. Möglicherweise haben Redaktionen in vielen Fällen schlicht nicht genug Mitarbeiter, die Zeit für eine umfassende und einordnende Berichterstattung aufwenden zu können. Obwohl es gerade die Einordnung ist, die den Mehrwert gegenüber der blanken Nachricht bietet: Was bedeutet eine Entscheidung, welche Folgen hat sie für die Steuerzahlerin oder den Anwohner?

Mit steigender Zeitungsgröße – und der damit meist verbundenen besseren finanziellen Ausstattung – wurde auch die Berichterstattung positiver bewertet. Metropolenzeitungen schnitten demnach am besten ab. Sie wurden als besonders unabhängig eingestuft und bildeten deutlich diversere Themen ab.

Allerdings fehlten in deren Angebot häufig Serviceinformationen, etwa Kontaktmöglichkeiten oder Ratgeberthemen. Hier waren Zeitungen in Kleinstädten und auf dem Land besser. Dafür mangelte es dort an Texten über wirklich relevante Themen und Kontroversen würden eher vermieden. Bei einigen Zeitungen gab es in der gesamten Untersuchungswoche auf den ersten Seiten gar keinen Kommentar. 

Regionale Unterschiede, etwa ob der Lokaljournalismus im Osten andere Stärken und Schwächen als im Westen hat, sollen in einer nächsten Auswertungsrunde erhoben werden.

Was heißt Unabhängigkeit genau?

Gute Noten vergaben die Forscher bei der Frage, wie unabhängig und glaubwürdig die Lokalpresse alles in allem sei. Wagner schränkt allerdings ein, dass die Glaubwürdigkeit eigentlich eine Kategorie sei, die man direkt beim Leser erfragen müsste und nicht allein mit einer Textanalyse klären könne. Die Glaubwürdigkeit eines Blattes bemaß das Forscherteam unter anderem danach, ob Korrekturen veröffentlicht und Quellen für Texte und Bilder genannt wurden. Eigentlich beschreiben diese Kriterien eher die Transparenz einer Publikation, aber Wagner glaubt: "Wenn diese Kriterien erfüllt sind, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Nutzerinnen und Nutzer die Zeitung als glaubwürdig empfinden."

Die Unabhängigkeit wurde gemessen, indem geprüft wurde, ob zwischen Werbung und redaktionellem Teil getrennt wurde, ob eigene Recherchen angestellt wurden, ob über Veranstaltungen ausschließlich positiv berichtet wurde und ob die Bilder und Texte von unabhängigen Quellen stammen und kritische Stimmen zu Wort kamen. "Aber mit einer Inhaltsanalyse konnten wir natürlich nicht konkret messen, inwiefern Journalisten und lokale Eliten miteinander vernetzt sind und sich möglicherweise informell beeinflussen", sagt Wagner.

Was empfiehlt sie nun den Zeitungen, um besser zu werden? "Lokalzeitungen sollten mehr Hintergründe liefern, Leserinnen und Leser mehr beteiligen und sich mehr kritische Berichterstattung erlauben." So könnten sie sich unentbehrlicher machen.