Moral scheint derzeit einen schlechten Ruf zu haben. In den politischen Debatten unserer Zeit nimmt kaum jemand für sich in Anspruch, die Moral zu vertreten; Moral ist vielmehr das, was man seinem Gegner vorwirft. Dass die sogenannten liberalen Eliten in einem hypermoralischen Taumel das Land vor die Wand fahren und jeden Widerstand dagegen als "böse" diffamieren, gehört zur Standardrhetorik des Rechtspopulismus. Doch auch bürgerliche Rechte fühlen sich zunehmend von einem allmächtigen Moralismus, gar "Hypermoralismus", bedrängt und beherrscht. Der linksliberale Moralismus sei weltfremd, naiv, und vergifte in seiner Hysterie die gesellschaftlichen Debatten. Und sogar in der SPD führt der Grundsatzreferent und Autor Nils Heisterhagen einen Kreuzzug gegen Moralismus und "postmodernen Liberalismus," der angeblich bisher die Sozialdemokratie dominierte.

In diesem Kontext entdecken nun auch Linke die Kritik des Moralismus. Zwei Monate vor dem offiziellen Start der linken Sammlungsbewegung Aufstehen publizierten zwei ihrer führenden Köpfe, Bernd Stegemann und Sarah Wagenknecht, einen gemeinsamen Text in der ZEIT. Darin nahmen sie das aufs Korn, was sie für einen überbordenden Moralismus der arrivierten Schichten halten, jenen "Komplex aus Moral, Interessen und Herrschaftstechnik". Auch kritisierten sie die angebliche Doppelmoral der sogenannten Willkommenskultur. Deren "absolute moralische Forderung" nach "Grenzen offen für alle" müsse eine "linke Position" entgegengestellt werden.

Aufstehen - Sahra Wagenknecht stellt linke Sammlungsbewegung vor Die Linken-Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht hat vor einer Verrohung der Gesellschaft in Deutschland gewarnt. Sie forderte einen neuen politischen Aufruhr. © Foto: Sean Gallup/Getty Images

Erst kommt das Fressen

Ein weiterer prominenter Unterstützer von Aufstehen, Wolfgang Streeck, schrieb vergangene Woche in der ZEIT von "gutmenschlichen Bessertuern", die gemeinsam mit "‘Marktkräften, internationalen Organisationen, technokratischen Besserwissern" von den Menschen "passiven Gehorsam für ihre von 'oben' nach 'unten' durchgereichten Entscheidungen verlangen". Er warnt davor, dass diese "moralischen Überwältigungsversuche Gefahr laufen, Unmoral populär zu machen" – also für den Aufstieg der Rechten verantwortlich seien. Natürlich sprachen die drei Autoren auch über Ungleichheit und soziale Marginalisierung als Nährboden des Rechtsrucks, doch der Moralismus der gutbetuchten Linksliberalen schien ihnen ein ganz besonders drängendes Anliegen. Was ist also von diesem linken Antimoralismus zu halten? Ist er nicht bestenfalls verantwortungslos, in einer Zeit, in der liberale Grundsätze gegen eine rechte Regression verteidigt werden müssen?

Gegen eine linke Kritik am liberalen Moralismus ist a priori nichts einzuwenden, es kommt nur darauf an, wie sie im Detail argumentiert. Linke Moralkritik zielt darauf, das gute Gewissen der Mächtigen zu stören, sie will die Selbstzufriedenheit der Privilegierten infrage stellen. "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", dieser berühmte Satz aus Brechts Dreigroschenoper will nicht das unmoralische Verhalten der Armen und Unterdrückten entschuldigen, er ist vielmehr ein Vorwurf an die Mächtigen. Diese könnten sich ihre tugendhaften Predigten nur deshalb leisten, weil sie von einer zutiefst ungerechten Gesellschaftsordnung profitierten. "Ihr Herrn, die ihr uns lehrt, wie man brav leben / Und Sünd und Missetat vermeiden kann / Zuerst müßt ihr uns was zu fressen geben / Dann könnt ihr reden: Damit fängt es an." 

Liberale Illusionen

Moral, das ist Brechts Pointe, hat materielle Voraussetzungen, und wer von der Wirtschaftsordnung nicht sprechen will, soll sich die Predigten sparen. Und diese Kritik bleibt heute natürlich relevant. Ein Statussymbol der gegenwärtigen Mittelschicht ist zum Beispiel der bewusste, ethische Konsum. Auf Billig-Airlines und Primark werden nur jene gern verzichten, die sich sowieso etwas Besseres leisten können. Vor allem aber sind diese kleinen, privaten Akte der Tugendhaftigkeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein der globalen Wirtschaftsordnung. Sie beruhen auf der Illusion, dass globale Ausbeutung und Klimakatastrophe sich durch kleine Gesten bekämpfen lassen, ohne einen Plan für systemischen Wandel.

Der unpolitische, privatistische Moralismus der Mittelschicht gibt sich engagiert und kritisch, dient dabei aber auch und vor allem dem psychologischen Nebeneffekt der Gewissenserleichterung. Mit diesem Moralismus lassen sich, überspitzt gesagt, die ungerechten Verhältnisse und die eigenen Privilegien ein wenig stressfreier genießen. Hier liegt der Kern der linken Kritik am liberalen Moralismus: dass dieser notwendigerweise an seinen eigenen Ansprüchen scheitern muss, weil er nicht bereit ist, die Logik des Kapitalismus und die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft ernsthaft anzutasten. Ein ähnlicher Gedanke verbirgt sich hinter dem Begriff des "progressiven Neoliberalismus", den die feministische Theoretikerin Nancy Fraser eingeführt hat. Sie wirft progressiven Liberalen vor, sich zwar für "Anerkennungskämpfe", also für den Feminismus und Antirassismus begeistern zu können, bei den "Verteilungskämpfen" aber kampflos den neoliberalen Status quo zu akzeptieren.