"'Beweis, dass Leben unmöglich ist' (Kafka). Sehr aktuell. Das ist sehr aktuell." Diese Sätze stammen aus den Aufzeichnungen Anna Achmatowas (1889-1966). Was für ein Leben ist nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts noch möglich? Wie können wir – die Nachkommen der Generation von Opfern Hitlers und Stalins – das Gedenken an jene Ereignisse bewahren, sinnhafte Fäden zwischen jenen Zeiten und unseren knüpfen? Ohne Achmatowa ist das für uns in Russland nicht möglich. Ihre Poesie bewahrt die Erfahrung mutigen Widerstehens – gegen Vergessen, gegen Unmenschlichkeit und das Abreißen kultureller Kontinuität.

Xenia Menschikowa wurde 1986 in St. Petersburg geboren. Seit dem Abschluss ihres Studiums der Museumspädagogik an der Universität für Kultur und Künste 2008 arbeitet sie im Achmatowa-Museum. Außerdem leitet sie das Literaturprojekt "Slowoformy" für Kinder, unterrichtet ihren Sohn Sawaa zu Hause und gestaltet im Sommer Kinderfreizeiten am Lagodasee. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

In der heutigen Kulturszene, unter den Intellektuellen Russlands, wird Achmatowa ständig zitiert: auf Ausstellungs- und Konzertplakaten, bei Begegnungen mit Künstlern, bei öffentlichen Aktionen, zum Beispiel zum Gedenken an die Opfer des Stalinschen Terrors. Überall, wo man der Ereignisse des 20. Jahrhunderts gedenkt, ist Achmatowas Stimme zu hören.

Ihre Zeitgenossen erinnern sich daran, dass ihre Mütter und Großmütter, die im Zweiten Weltkrieg evakuiert wurden, ihre Nähmaschine und einen Band Achmatowa mitnahmen. Was haben die Menschen in ihrer Dichtung gehört, für sich gefunden? Warum bleibt Achmatowa auch heute die meistgelesene russische Dichterin des 20. Jahrhunderts? Ich kann darauf natürlich keine erschöpfende Antwort geben – ich will aber einige Eindrücke mitteilen, die ich als Mitarbeiterin des Achmatowa-Museums in St. Petersburg gewonnen habe.

Ich begann dort 2008 zu arbeiten, in meinem letzten Studienjahr. Gewiss, ich wusste schon zu dieser Zeit von Verwandten, deren Leben durch Stalins Lager ausgerenkt wurde. Aber des Umfangs dieser Tragödie Russlands und seiner Nachbarvölker und der Auswirkungen dieses Teils der russischen Geschichte auf meine Familie bin ich mir erst durch meine Arbeit im Museum richtig bewusst geworden, als ich durch Achmatowas Dichtung in das Schicksal ihrer Generation eintauchte.

Als literarisches Gedenkmuseum wurde es 1989, ein Jahrhundert nach der Geburt der Dichterin, eröffnet und war damit das erste Museum in Russland, das vom Leben der russischen Intellektuellen unter den Bedingungen des totalitären Staates erzählt. Von Anfang an war es ein Ort der Begegnung für die Petersburger Intellektuellen. Bis heute kommen Menschen hierher, die Achmatowa persönlich kannten. Aber der Kreis der Besucherinnen und Besucher wird ständig größer – jedes Jahr kommen mehr junge Menschen.

Die Jungen kommen nicht nur, um das Fontänenhaus am Hof des Scheremetjew-Palais zu sehen, wo Achmatowa einen großen Teil ihres Lebens – 35 Jahre lang – gewohnt hat, sondern auch, um etwas von der Persönlichkeit einer Dichterin in einer für Russland katastrophalen Zeit zu erfahren. Viele sagen, dass sie mit Achmatowa intuitiv geistige Kraft, Unabhängigkeit und innere Freiheit verbinden, woran es im öffentlichen Leben mangele, und dass das Museum sie darin bestärke, bei Achmatowa nach diesen Werten zu suchen. Viele kommen öfter, auch zu Veranstaltungen und Treffen, die den Dialog der Gegenwart mit der Zeit Achmatowas auf fruchtbare Weise fortführen.

Diese Verflechtung des eigenen Lebens mit der Geschichte war auch für Achmatowa wichtig: "Ich bin in dem Jahr geboren, als der Eiffelturm gebaut wurde, die Kreuzersonate Lew Tolstois erschien, in dem Charlie Chaplin, die chilenische Dichterin Gabriela Mistral und Adolf Hitler geboren wurden."

Achmatowa – ihr Künstlername – ist der Familienname ihrer Urgroßmutter. Schon über die ersten Gedichtbände Abend (1912) und Gebetsperlen (1914), mit denen Achmatowa berühmt wurde, hieß es bei Kritikern und Leserinnen und Lesern: "In ihren Versen klingen altbekannte Worte neu und scharf." Die Gedichte in Achmatowas ersten Büchern – zum "ewigen" Thema der Liebe – erstaunten durch die Direktheit, mit der sie von ihren Gefühlen sprach, durch die Konkretheit ihrer Bilder und die verborgene Dramatik.