Eine Frau lässt sich ein warmes Bad ein. Während es aus dem Wasserhahn sprudelt, geht sie zurück ins Wohnzimmer und setzt sich an einen Tisch voll mit gutem Essen und warmem Tee. Zwei weitere Frauen befinden sich im Raum und unterhalten sich, eine sitzt am Tisch, die andere liegt auf der Couch mit einer Wärmflasche. Was diese Frauen gemeinsam haben, ist, dass sie in einem Land leben, in dem der Schwangerschaftsabbruch kriminalisiert ist, dass sie alle gerade eine Abtreibungspille genommen haben und nun in diesem Prozess füreinander da sind: In Polen gibt es solche Frauengruppen, die den Abbruch in freundlicher solidarischer Atmosphäre unter fachkundiger Anleitung mit der Abtreibungspille selbst organisieren. Als ich zum ersten Mal davon hörte, war mein erster Gedanke: verrückt.

Verrückt, dass wir Frauen so sehr in einem medizinischen und moralischen System gefangen sind, dass wir gar nicht darauf kommen, zu fordern, dass wir eine zutiefst private und intime Erfahrung wie einen Schwangerschaftsabbruch selbst gestalten können. Dass ausgerechnet in der Illegalität, wenn Frauen nichts Anderes übrig bleibt, als den Abbruch eigenständig zu organisieren, sie Strukturen aufbauen, mit denen sie diese Erfahrung zu ihren Bedingungen machen. Unabhängig von einem paternalistischen Spießrutenlauf an Rechtfertigungen und Formalitäten mit ÄrztInnen und BeraterInnen, den Frauen in Deutschland und anderswo mitmachen müssen und der ihnen vermittelt, darum bitten zu müssen, Entscheidungen über ihre Körper und ihre Zukunft treffen zu können. Verrückt.

Sarah Diehl lebt als Autorin und Aktivistin in Berlin. Sie arbeitet zum Thema Reproduktive Rechte im internationalen Kontext, hat den Dokumentarfilm "Abortion Democracy: Poland/South Africa" gedreht sowie den Roman "Eskimo Limon 9" und das Sachbuch "Die Uhr, die nicht tickt" geschrieben. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Nane Diehl

Der bisher letzte von sieben ÄrztInnen, die in den USA von AbtreibungsgegnerInnen ermordet wurden, war George Tiller. Er hatte gesagt: Wenn er eines in seiner langjährigen Tätigkeit als Abtreibungsarzt gelernt habe, sei es, dass man Frauen vertrauen könne. Dieses "Trust women" wurde zu einem zentralen Slogan der US-amerikanischen Pro-Choice-Bewegung, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt, und machte ihn damit zum Ziel der Kritik fundamentalistischer ChristInnen. Er machte auf das frauenfeindliche Denken hinter Abtreibungsverboten und -debatten aufmerksam: Wir wollen den Frauen nicht vertrauen und nichts verzeihen, wenn es um ihre Sexualität und ihre Gebärfähigkeit geht. Nur deswegen erscheint es uns überhaupt akzeptabel, dass Staat und Gesellschaft Zugriff auf die Frau bekommen wollen, sobald sie schwanger wird. Wir wollen nicht anerkennen, dass die betroffenen Frauen die kompetentesten Expertinnen in dieser Situation sind, die die Konsequenzen einer Mutterschaft, die nur sie tragen müssen, überblicken können.

Hinter dem mangelnden Vertrauen steckt ein althergebrachtes patriarchales Motiv: Das Mutterideal teilt Frauen immer noch in Huren oder Heilige ein. Frauen sollen Heilige sein, also eher für andere Menschen (und Embryonen) da sein als für sich selbst. Wir wollen Zugriff auf die Frau als Ressource haben, die Wärme und Liebe in unserer Gesellschaft spenden soll. Hinter dem Kult um das Mutterideal stehen aber auch ökonomische Interessen. Die Strukturierung der Lohnarbeit, des Steuersystems ebenso wie die geschlechtliche Arbeitsteilung in der Kleinfamilie beruhen auf der emotionalen Zurichtung der Frau als unbezahlte Fürsorgearbeiterin, die freiwillig Liebe gibt.

Das Gruselnarrativ

Auf der anderen Seite steht die Hure, die Hedonistin, die nicht verantwortungsvoll mit ihrer Reproduktionsfähigkeit umgehen kann. So kommentierte etwa der jetzige Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) 2014 anlässlich der Debatte um die rezeptfreie Vergabe des Notfallverhütungsmittels Levonorgestrel, Frauen würden diese "Pille danach" wie Smarties essen, sollte sie rezeptfrei erhältlich sein. Wieso glaubt ein Gesundheitsminister eine solche Aussage wie von einem moralischen Feldherrenhügel aus treffen zu können, die aber nur seine Inkompetenz bezeugt?

Fakt ist: Ungewollte Schwangerschaften entstehen auch trotz Verhütung. Die Vorstellung, Frauen seien zu verantwortungslos zum Verhüten, speist sich aus der Unwissenheit über die Fehlerquote, Kosten und Unverträglichkeit der gängigsten Verhütungsmethoden und die mangelnde Kooperation von Männern. Frauen müssen ihre Gebärfähigkeit wohl oder übel managen und es gibt keine hundertprozentig sichere Methode gegen ungewollte Schwangerschaften.

Eine einfache Zahl hilft, um die Lebensrealität von Frauen ins rechte Licht zu rücken: In der Bundesrepublik haben mehr als 60 Prozent der Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden, bereits Kinder. Sie führen einen Abbruch durch, weil sie wissen, wie viel Zeit, Geld und Fürsorge Kinder benötigen, die sie unter ihrem Nachwuchs aufteilen müssen, oder weil sie wissen, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt einem weiterem Kind eine bessere Grundlage bieten können. Doch diese Perspektive, dass Abtreibung eine verantwortungsvolle Entscheidung ist, die Frauen für sich und ihre Familien treffen, dass sie sogar oft den Weg bereiten, für eine spätere Mutterschaft, die für alle Beteiligten besser ist, hat im gängigen Gruselnarrativ keinen Raum.

Zu diesem Gruselnarrativ gehört etwa die Vorstellung, Frauen würden nach einer Abtreibung unvermeidbar psychische Probleme bekommen. Christliche AbtreibungsgegnerInnen sprechen gar von einem "Post-Abtreibungs-Syndrom". Tatsächlich ist das PAS von keiner seriösen wissenschaftlichen Institution weltweit als Krankheitsbild anerkannt. Natürlich können Frauen ambivalente Gefühle und auch Traurigkeit über ihren Schwangerschaftsabbruch verspüren und es ist wichtig, dass sie sich darüber austauschen können. Eine Langzeitstudie der American Psychological Association (APA) ergab jedoch, dass die Zeit des größten Stresses, der Angstgefühle und der Unsicherheit vor der Abtreibung liegt, also in der Zeit der Ungewissheit, wie und wo man Hilfe bekommt. Laut APA haben Abtreibungen keinen negativen Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit von Frauen. Hingegen könne eine ungewollte Schwangerschaft und Geburt und der Umstand, keinen Zugang zu Abtreibungen zu haben, sehr wohl Traumata auslösen.