Aber statt einer wissenschaftlichen Betrachtung über die tatsächlichen Entwicklungsstadien von Embryonen werden den Frauen genüsslich Fantasien über hilflose empfindsame Babys im Mutterleib vorgehalten. Im Aufbauen der emotionalen Erpressbarkeit der Frauen haben sich AbtreibungsgegnerInnen professionalisiert. Das Internet ist voll mit Websites, die sich auf den ersten Blick als Hilfsangebote an ungewollt Schwangere darstellen, aber tatsächlich mit einseitigen oder falschen Informationen den Frauen Angst und Schuldgefühle machen wollen. Organisierte AbtreibungsgegnerInnen wie Aktion Lebensrecht für alle e.V. (ALfA) machen Angebote für den Schulunterricht und haben Stände auf Messen für Jugendliche. Sollte der Staat nicht eher dort eingreifen, wo manipulative Falschinformationen über medizinische Methoden an Schutzbefohlene verbreitet werden?

Der Staat selbst trägt stattdessen zur Stigmatisierung von Schwangerschaftsabbrüchen bei: Abtreibung wird in Deutschland im Strafgesetzbuch unter §218 geregelt und gilt dadurch als kriminell – die Straftat "Abtreibung" wird bei Einhaltung bestimmter Voraussetzungen (12 Wochen Frist, Schwangerschaftskonfliktberatung mit Bedenkzeit) lediglich nicht verfolgt. Durch die Stigmatisierung als illegal nimmt das Erlernen der Methoden jedoch eine sehr untergeordnete Rolle in der medizinischen Ausbildung ein. ÄrztInnen in Deutschland müssen eine Hospitanz bei anderen ÄrztInnen selbst organisieren, um die Methoden zu lernen. Die Logik dahinter lautet, man könne die Auszubildenden nicht zwingen, sich mit etwas auseinanderzusetzen, was strafbar ist. Ein Teufelskreis, denn durch die mangelnde Kenntnis über Abtreibung in der Ausbildung und die Gefahr der Kriminalisierung halten sich stereotype Vorbehalte gegenüber dem Thema und den Betroffenen auch in der ÄrztInnenschaft, weshalb jüngere ÄrztInnen keine Abbrüche mehr anbieten und ältere sich nicht über die neuesten Methoden weiterbilden lassen. Demnach verschlechtert sich die Versorgungslage für Frauen, die eine Abtreibung durchführen lassen möchten. Viele Frauen in Deutschland wissen nicht, wo sie entsprechende ArztInnen finden. Und AbtreibungsgegnerInnen können den Vorgang als eine albtraumhafte Prozedur instrumentalisieren. Dabei gilt der Eingriff als sehr sicher. Sogar sicherer als eine Geburt.

Dass es auch anders gehen kann, zeigt das Vorbild Kanada. In den Siebzigerjahren nahm der kanadische Arzt Henry Morgenthaler mehrere Verhaftungen, Verurteilungen und Gefängnisaufenthalte in Kauf, da er öffentlich darüber sprach, Frauen Zugang zu einem Schwangerschaftsabbruch zu ermöglichen. Mit den Geschichten der Frauen sowie der Sichtbarmachung der Mängel im Gesundheitssystem, die bei seiner Gerichtsverhandlung zutage kamen, wollte er den Teufelskreis aus Stigmatisierung, Fehlinformation und Scheinmoral durchbrechen. Mit Erfolg: Der Oberste Gerichtshof in Kanada entkriminalisierte 1988 Abtreibung vollständig. Es gibt seither weder Fristen noch andere gesetzliche Beschränkungen, die einer Frau den Zugang zu einer sicheren Abtreibung verwehren. Der Eingriff wird wie jede andere medizinische Versorgung behandelt, die sich nur zwischen Patientin und ÄrztIn abspielt. Beratung und psychologische Betreuung schließt das nicht aus, wenn die Frau es möchte.

Die Auswirkungen in Kanada waren sehr positiv. 90 Prozent der Abbrüche finden – wie in anderen Ländern auch – vor der 12. Schwangerschaftswoche statt. Abbrüche nach Ablauf dieser Frist erfolgen meist aus medizinischen Gründen. Die Vorstellung, dass Frauen bei völliger Legalität "einfach so" noch im 8. Monat abtreiben würden, speist sich also aus einer frauenverachtenden Fantasie; in der Realität ist sie unhaltbar. Weltweit zeigt sich, dass Länder, die liberale Abtreibungsgesetze haben, auch die Länder mit den wenigsten Schwangerschaftsabbrüchen sind. Denn nicht Zwang und Kontrolle verhindern ungewollte Schwangerschaften, sondern es ist eine Atmosphäre, in der Sexualaufklärung, günstige oder kostenlose Verhütungsmittel und ihre Selbstbestimmung in den Händen der Betroffenen liegen. Wenn die Komplexität der Frauengesundheit anerkannt wird, funktioniert sie auch am besten.

Unsere christlich-männlich geprägte Kultur macht jedoch aus einer Stärke der Frau, ihrer Gebärfähigkeit, eine Schwäche. Ein sensibler Umgang mit Abtreibung könnte sich generell gut auf die Frauengesundheit auswirken, denn er könnte helfen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Bedürfnisse aller Schwangeren berücksichtigt werden. Einen Raum, in dem Abtreibung, Fehlgeburten, postnatale Depression, selbstbestimmte Geburt, verbesserte Kenntnis über die Pannenanfälligkeit von Verhütungsmitteln, eben allen Aspekten der Gebärfähigkeit mit Kenntnis und Verständnis begegnet wird – anstatt Schwangerschaft und Mutterschaft zum Glückszustand zu verklären, was die Frauen mundtot macht. Henry Morgenthaler wurde 2008 aufgrund seines Engagements für Frauengesundheit übrigens zum Member of the Order of Canada ernannt, Kanadas höchste Auszeichnung für Zivilpersonen.

Wollen wir also hoffen, dass ÄrztInnen wie Kristina Hänel, die im vergangenen Jahr zu einer Strafzahlung verurteilt wurde, weil sie auf ihrer Homepage darüber informiert, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbietet, bald in Deutschland eine ähnliche Ehre zuteilwird.

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