Dieser Artikel ist eine Kolumne, die das Autorinnenkollektiv von "10nach8" kuratiert. Die Autorin dieses Textes lebt in Berlin und Wien.

Sigi Maurer war vor Kurzem noch eine grüne Nationalratsabgeordnete in Österreich. Man kennt Sigi Maurer hier. Man kennt sie als Politikerin, als Feministin, als junge Frau also, die den Mund aufmacht; man erkennt sie, wenn sie auf der Straße an einem vorbeigeht, weil Österreich eben klein ist und man schnell einmal wen kennt.

Sigi Maurer ist dieses Jahr auf ihrem Arbeitsweg in Wien jeden Tag an einer Craft-Beer-Bar vorbeigegangen. Sie musste sich auf dem vollgestellten Bürgersteig vorbeidrücken am Hipsterbierbarbesitzer und seinen Freunden, die Sigi erkannten, diese junge Politikerin, sie jeden Tag ein bisschen mehr anschauten, sich wahrscheinlich über ihren offenen Mund ärgerten – bis irgendwann die unvermeidliche Schwanz-Nachricht auf Facebook kam.

Angela Lehner ist Autorin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebt in Berlin und Wien. Im Frühjahr 2019 erscheint ihr Roman "Vater Unser" bei Hanser Berlin. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Anja Kiesow

Was genau in der Nachricht stand, ist unwesentlich. Bedrohliche Schwanznachrichten sind ja immer ein bisschen unkreativ. Zwischen den Zeilen steht da im Grunde immer: Schau, Weib, das ist mein Schwanz. Mit meinem Schwanz werde ich dich bändigen. Hör auf, in der Öffentlichkeit zu sprechen, gleite auf meiner Spermaspur deiner Unterwerfung entgegen.

Jedenfalls hat auch Sigi Maurer so eine Schwanznachricht erhalten – vom Account des Hipsterbiermanns. Sigi Maurer wollte sich das nicht gefallen lassen und hat einen Screenshot der Nachricht auf Facebook gepostet. Die Folge ist nun, dass Maurer verklagt wird, sich vor Gericht verantworten muss, weil sie Persönlichkeitsrechte verletzt habe. 60.000 Euro Schmerzensgeld soll sie zahlen.

Die Menschen diskutieren. Social Media diskutiert. Maurer geht in einer ORF-Talk-Sendung der Frage nach, ob Männer Belästigungsgrenzen erkennen können oder ob sie von Natur aus diesbezüglich mental benachteiligt seien. Sie soll dazu Stellung nehmen, welche Fehler sie gemacht habe, als sie den Hipsterbiermann in der Öffentlichkeit beschuldigt hat. In der Sendung stellt sich ihr unter anderem die Autorin Christine Bauer-Jelinek entgegen, die sich über die Opfermentalität der österreichischen Frauen beschwert. Sie störe an der Sexismusdebatte, dass die Frauen sich als Opfer begreifen, dabei sei Sex doch Macht und was als Belästigung angesehen werde doch oft nur Alltagsblödelei. Boys will be boys, wir erinnern uns. Besser als den MeToo-Hashtag finde Bauer-Jelinek einen SoMachIchDas-Hashtag, mit dem Frauen zeigen, wie sie den Alltag meistern, ohne die "Blödeleien" der Männer öffentlich anzukreiden. Laut Bauer-Jelineks Logik hätte Sigi Maurer sich also einen Minirock anziehen und den Schwanz mit ihrer Sexiness in die Verzweiflung treiben sollen? Ihm ein Vulvafoto zurückschicken mit dem Betreff #SoMachIchDas?

Tendenziell geht es abwärts mit den Frauenrechten in Österreich, wo Feminismus eh immer ein Schimpfwort geblieben ist. Zusätzlich zum #SoMachIchDas sollten die Konservativen auch gleich den MiNed-Hashtag einführen. Gefühlt wurde nämlich jeder zweite MeToo-Beitrag in den sozialen Medien von konservativer Seite mit einem "Mi ned" gekontert. "Das betrifft mi ned" ist ein sehr österreichischer Satz, der eben auch exemplarisch ist für Frauen, die anderen Frauen in den Rücken fallen. Frauen in hohen Positionen, Politikerinnen, die finden, dass Sexismus nicht existent sei. Nina Proll, eine der bekanntesten österreichischen Schauspielerin, postulierte öffentlich, sie habe "das Jammern" in der MeToo-Debatte satt. Sexismus habe sie im Leben noch nie betroffen. Die aktuelle bürgerlich-konservative Frauenministerin (!) Juliane Bogner-Strauß musste sich herber Kritik von Frauenvereinen stellen, weil sie bald nach Amtsantritt Fördermittel für diese gekürzt hatte.

All diese Frauen, die offenbar keine Diskriminierung kennen, teilen großherzig ihre MiNed- und SoMachIchDas-Tipps mit uns. Sie erzählen uns herzerwärmende Geschichten darüber, wie ihnen das Selbstwertgefühl im Herzen erst erwachte, als ein Bauarbeiter ihren Körper bepfiff. Sie wüssten bei Gott nicht, worüber die Frauen sich beschweren – ihnen selbst sei kein Mann je im Weg gewesen. Und nicht nur, dass diese Frauen frei von Diskriminierung durchs Leben schweben, sie fordern auch öffentlich die Verstummung der zu lauten Frauen: Die Frauen müssten sich doch selbst behaupten, die Frauen jammerten nur.