Es gab eine Zeit Anfang der Neunzigerjahre, zu der Michael Crichtons Roman Enthüllung ein Muss war. Das Buch wagte es, die sexuelle Diskriminierung von Männern am Arbeitsplatz anzusprechen. In der Hollywoodverfilmung aus dem Jahr 1994 zitiert die neue Chefin (Demi Moore), ihren Mitarbeiter, der gleichzeitig eine alte Flamme ist (Michael Douglas), am Abend in ihr Büro. Sie schenkt ihm seinen Lieblingswein ein, will, dass er ihre Schultern massiert und versucht dann, ihn zu verführen. Er sagt wiederholt Nein, aber sie wird nicht zuhören, bis er sich schließlich befreien kann und aus dem Büro stürmt. Am nächsten Tag bezichtigt sie ihn der sexuellen Belästigung. Natürlich glaubt niemand seiner Version der Ereignisse, denn wer hätte das jemals gehört? Er ist ein Mann, oder?

Offensichtlich ist der Gedanke an einen Mann, der einer frechen Sexbombe Nein sagt, unglaubwürdig, wenn nicht gar lächerlich. Wenn über Gewalt und Geschlecht geredet wird, sind die Rollen eindeutig verteilt: Männer sind die Täter und Frauen die Opfer. Ein erwachsener Mann, der von einer Frau sexuell missbraucht wird, wirkt auf die meisten so, als würde er sich missbrauchen lassen, als würde er das wollen. Denn auch wenn wir heute in einer grundsätzlich aufgeklärten Zeit leben: Dass Männer von Frauen unterdrückt werden, können wir uns kaum eingestehen. 

Michael Crichtons reißerischer Roman und die Verfilmung waren antifeministische Gegenreaktionen auf den Beginn einer liberalen Periode in der US-amerikanischen Politik und Geschäftswelt. Dennoch funktionieren sie auch als egalitäre feministische oder postfeministische Untersuchung der Machtdynamik sexueller Belästigung. Etwas, das gerade jetzt wieder relevant ist. 

Stereotype von weiblicher Unschuld

Die italienische Schauspielerin Asia Argento, die von Anfang an zu den Hauptakteurinnen der #MeToo-Bewegung gehörte und eine der ersten und lautesten Anklägerinnen von Harvey Weinstein war, wird verdächtigt, sich an einem zwanzig Jahre jüngeren, minderjährigen Schutzbefohlenen sexuell vergangen zu haben. Während es kritische Stimmen gibt, die der selbst erklärten Feministin Heuchelei vorwerfen, gibt es auch Menschen, die den Vorwurf für unwahrscheinlich halten. "Jeder 17-Jährige träumt davon, 'belästigt' zu werden. Zu behaupten, dass es in solchen Dingen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt, ist lächerlich", steht etwa in einem Kommentar zum entsprechenden Artikel in der New York Times. Weiter heißt es: "Vielleicht habe ich altmodische Ansichten, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau, besonders eine Frau, die so attraktiv ist wie Asia Argento, einen siebzehnjährigen Jungen missbraucht."

Stereotype sowohl von weiblicher Unschuld als auch von männlicher Schuld haben zu doppelten Standards geführt. "Nein bedeutet Nein. Ist das nicht das, was wir Frauen sagen? Verdienen Männer weniger?", fragt die Anwältin im Film später Demi Moore und fährt fort: "Das Einzige, was Sie bewiesen haben, ist, dass eine Frau Macht genauso missbrauchen kann wie ein Mann." Das ist die zentrale Frage: Wenn es keine Unterschiede gibt in der Art und Weise, wie sich Männer und Frauen in Machtpositionen verhalten, als Täterin oder Täter und als Opfer, ist dann #MeToo überhaupt noch als feministische Kritik ernst zu nehmen? 

Als sich Harvey Weinstein der Polizei stellen musste, hatte Asia Argento auf Twitter mit einem einzigen Wort reagiert: "BOOM", gefolgt von einem Feuerwerk-Emoji. Jetzt scheint mit ihr das Gleiche zu passieren. Für viele Gegner der neuen feministischen Bewegung ist das natürlich eine Genugtuung. Wer austeilen kann, muss auch einstecken können, und wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen und so weiter. Karma is a bitch.

Ein Opfer, das anderen Schaden zufügt?

Auf den ersten Blick wirkten die beiden Ereignisse wie zwei unvereinbare Geschichten, die jedoch unsere komplizierte Beziehung zum Opfersein offenbarten. Wir lieben ein Opfer, das leidet, aber ein Opfer, das anderen Schaden zufügt? Eine Frau konnte nicht verletzen und gleichzeitig verletzt werden. Sie konnte entweder aktiv oder passiv sein. Sie konnte nicht behaupten, dass sie vergewaltigt wurde, und sich dann an einem Minderjährigen vergehen. Es war leichter, diese Widersprüche zu ignorieren, als anzuerkennen, dass sie sehr wohl im Körper ein und derselben Frau gelebt werden können.

So auch im Fall der kalifornischen Abgeordneten Cristina García. Sie gehörte zu jenen, die früh das Stillschweigen brachen und nach eigenen Aussagen von Kollegen wiederholt an Po und Brüsten begrapscht worden war. Das Time Magazine kürte sie zur Person des Jahres. Kurz darauf wurde García von einem Parlamentskollegen und einem Lobbyisten beschuldigt, unerwünschte Annäherungsversuche gemacht zu haben. 

Oder die an der New York University lehrende, lesbische Professorin Avital Ronell. Sie soll ihren homosexuellen Doktoranden Nimrod Reitman über den gesamten Zeitraum seines Promotionsstudiums sexuell und emotional belästigt haben. Reitman, der 32 Jahre jünger als Ronell ist, sagt, er habe sich dieses Verhalten gefallen lassen, weil seine Mentorin die Macht über ihn als seine Doktormutter hatte. Prompt veröffentlichte die New York Times im August einen Artikel mit dem Titel: Was passiert mit #MeToo, wenn eine Feministin beschuldigt wird? Obwohl Reitman seine Anzeige vor dem #MeToo-Eklat eingereicht hatte und sagt, dass die Bewegung nichts damit zu tun habe, weist sein Bericht viele Gemeinsamkeiten mit jenen Geschichten auf, die andere seit dem vergangenen Herbst erzählen.

Peinlicher Brief an die Universitätsleitung

Die 66-jährige Ronell, Professorin für deutsche und vergleichende Literaturwissenschaft, wies die Vorwürfe zurück. Die Beziehung "zwischen zwei Erwachsenen, einem schwulen Mann und einer schwulen Frau, die ein israelisches Erbe teilen", sei einvernehmlich gewesen, aber ein NYU-Untersuchungsausschuss befand die Akademikerin für schuldig, ihren Doktoranden des Rechts auf freies Lernen beraubt zu haben.

Das Urteil für die Doktormutter fiel relativ milde aus. Ronell wurde für das kommende akademische Jahr ohne Bezahlung suspendiert, aber zuvor hatte eine Gruppe prominenter Kollegen, darunter die Feminismus-Ikone Judith Butler und die Postkolonialismus-Theoretikerin Gayatri Spivak, mit einem peinlichen Brief an die Universitätsleitung versucht, Einfluss auf das laufende Verfahren zu nehmen – mit fragwürdiger Parteinahme für die Bezichtigte. Dass die Gruppe, ohne die Details zu kennen, Ronell in Schutz nahm, weil sie eine Frau, Feministin und eine der großartigen akademischen Köpfe unserer Zeit sei, wurde mancherorts als heuchlerische Doppelmoral bedauert. Auf eine gewisse Art und Weise verrät der Brief die Ideen, an denen viele der Unterzeichner im Laufe ihrer Karriere gearbeitet haben – nämlich Ideen, die Machtsysteme infrage stellen.

Diane Davis, Vorsitzende der Abteilung für Rhetorik an der University of Texas, die den Brief an die Universität ebenfalls unterschrieb, sagte der New York Times, sie und ihre Kollegen beunruhige besonders, dass Reitman ein feministisches Werkzeug benutze, um eine Feministin zu besiegen, nämlich Title IX – ein Bundesgesetz, das sexuelles Fehlverhalten an US-Universitäten verhindern soll.

Gewalt an Frauen wird systematisch begünstigt

Entlarven diese Frauen die Heucheleien von Feministinnen? "Be gentle", schrieb Rose McGowan, eine Schauspielerin aus dem Kreis der Weinstein-Anklägerinnen in einer ersten Reaktion auf Twitter, nachdem die New York Times den Bericht über Asia Argento und den Schauspieler Jimmy Bennett veröffentlicht hatte. "Seid milde." Wenn der Tweet eines zeigte, dann dass auch Frauen vor Kumpeleien nicht gefeit sind.

Aber viele Feministinnen verstehen auch, dass Argento nicht länger das öffentliche Gesicht einer Initiative sein kann, die es sich zum Ziel gemacht hat, sexualisierte Gewalt aufzudecken. Inzwischen hat sich auch McGowan in einem offenen Brief von ihrer #MeToo-Schwester distanziert und Sympathie für Bennett ausgedrückt. Die Ereignisse hätten sie zum Nachdenken gebracht. "Ich musste einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass ich mich in meinem eigenen Aktivismus (...) weiterentwickeln muss." Auch Judith Butler hat sich mittlerweile in einer Stellungnahme von einigen ihrer Aussagen distanziert. Das Gefühl des Verrats scheint in diesen Fällen irgendwie tiefer zu liegen, weil Frauen es doch "besser wissen müssten", aber die aktuellen Vorwürfe erinnern daran, dass Macht weder männlich noch weiblich ist. Es ist noch nicht mal immer klar, wer wirklich die Oberhand in den jeweiligen Machtkämpfen hat.

In der Kriminologie und Geschlechterforschung ist es eine alte Frage, ob Vergewaltigung ein Macht- oder ein Sexualverbrechen ist. Der Konsens besagt, dass es ein bisschen von beidem ist, je nach Fall in unterschiedlichen Mengen. Macht manifestiert sich in vielen Formen: Ein männlicher Täter könnte beispielsweise wegen sexistisch breiterer sozialer Strukturen mehr Macht haben. Aber Missbrauch kann auch durch einen einfachen Machtunterschied zwischen zwei Menschen entstehen.

"Sexuelle Gewalt bedeutet Macht und Privilegien"

Auf Twitter betonte die #MeToo-Initiatorin Tarana Burke wie so viele andere, dass die Vorwürfe gegen Asia Argento die Bewegung als Ganzes nicht diskreditieren sollten. Burke schilderte einige der Komplexitäten sexueller Gewalt und schrieb: "Sexuelle Gewalt bedeutet Macht und Privilegien. Daran ändert sich nichts, egal ob der Täter deine Lieblingsschauspielerin, Aktivistin oder Professorin eines beliebigen Geschlechts ist." 

Trotzdem gilt es, zwischen den Erfahrungen, die Männern und den Erfahrungen, die Frauen widerfahren, einen Unterschied zu betonen, der in dieser Debatte unterzugehen droht. Es ging und geht bei #MeToo um die Kritik an einer Gesellschaft, die Gewalt an Frauen systematisch begünstigt. Auch Gewalt von Frauen gegen Männer ist ein wichtiges Thema – aber es ist ein Argument, das leicht in eine Erzählung verwoben werden kann, die die weitverbreitete sexuelle Belästigung von Frauen herunterspielen soll. Noch leben wir in einer Welt, in der Männer erheblich häufiger machtvollere Positionen bekleiden als Frauen, während Letztere entscheidend häufiger von sexueller Gewalt betroffen sind.

Nein, dies ist nicht das Ende von #MeToo. Im Gegenteil. Schließlich war es die #MeToo-Bewegung, die es männlichen Anklägern erst ermöglichte, ernst genommen zu werden – weil dem Opfer der Logik des neuen Diskurses zufolge immer zu glauben ist. Es spricht nichts dagegen, dass eine Frau sowohl Täter als auch Opfer sein kann. Das steht aber noch lange nicht im Widerspruch zu einer Welt, die für Männer gebaut wurde.