Es gibt Sätze, die man nicht verzeihen kann. Die unter die Haut gehen und bleiben wie ein Tattoo. "Sag mal, kommst du aus Afrika, oder was?" Die Frage rief mir ein halbtrunkener Typ auf einem Festival zu. Damals war ich 16 Jahre alt und so unglücklich mit meinem Körper, wie man es in der Pubertät nur sein kann. 

Der Kommentar war sexistisch und rassistisch zugleich. Er speiste sich aus extremen Vorurteilen, wie das viele Kommentare dieser Art an sich haben. Das war mir in dem Alter nicht bewusst. Heute wäre ich wahrscheinlich zurückgegangen und hätte ihm vor die Füße gespuckt. Doch damals war ich noch nicht so weit. Ich blieb stumm und weinte.

Tasnim Rödder, 24 Jahre alt, ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für "ze.tt", "Missy Magazine", "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und "Mit Vergnügen". Außerdem ist sie Teil der Chefredaktion des Indie-Bookazines "transform – Magazin fürs Gute Leben". Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Marlen Müller

Je älter ich wurde, desto häufiger kommentierten Menschen aus meinem Umfeld meinen Körper. Ich habe eine zierliche Statur: dünne O-Beine, schmale Taille, herausstehende Wirbelsäule und großer Kopf. "Spargeltarzan" gehörte zu meinen gängigen Kosenamen und sogar beim Ballett riet man mir, mehr zu essen. All diese Kommentare lösten in mir Verwirrung und Trauer aus. Sie bewegten mich nicht dazu, mehr und gesünder essen. Sie gaben mir nur das Gefühl, hässlich zu sein.

Sowohl mein Opa, der mir mit dem Satz "Kind, du hast ja kaum was auf den Rippen" ein Stück Kuchen auf den Teller schiebt, als auch der Verkäufer, der mir mit dem Spruch "So dünne Beine passen ja in alle Hosen" eine Jeans andrehen möchte, sind übergriffig. Ihre Worte sind keine Komplimente für mich. Mein Körper ist meine Angelegenheit – mit dem Nachteil, dass er für jeden sichtbar ist. Aber nur, weil er für jeden sichtbar ist, heißt das nicht, dass jeder das Recht hat, ihn zu kommentieren. Viel zu lange gab ich mir selbst die Schuld dafür, dass andere meinem Körper wertende Namen gaben.

So wie mir geht es vielen. Skinny Shaming ist ein Begriff, der mit der Body-Positivity-Bewegung der Neunzigerjahre aufkam und über die sozialen Medien transparent macht, was mir und vielen anderen dünnen Menschen widerfährt. Allein auf Instagram posteten mehr als 7.000 User Fotos mit dem Hashtag #skinnyshaming und schrieben von ihren Erfahrungen. Der Nutzer robotracecar schrieb zum Beispiel am 8. Mai unter ein Foto von sich: "Normalerweise ignoriere ich solche Kommentare, aber das heißt nicht, dass ich sie nicht höre. Die Reaktion passiert in mir. Body Shaming muss aufhören."

Die Körperaktivistin Magda Albrecht betrachtet den Begriff Skinny Shaming kritisch. "Jede Form von Körperabwertung ist falsch", sagt Albrecht. "Aber ich sehe in unserer Gesellschaft keine systematische Abwertung von schlanken Körpern, jedenfalls nicht, weil sie schlank sind, sondern eher, weil sie als krankhaft oder abnormal gelesen werden." Dünne Körper sind laut Albrecht zwar Sexismus, Körperabwertung  und Pathologisierung unterworfen – aber keiner strukturellen Abwertung.

Das mag sein. Dennoch fühlen sich dünne Menschen diskriminiert. Ihnen das abzusprechen wäre anmaßend. Doch wenn der Begriff seinen Inhalt verfehlt, braucht es einen neuen Namen. Oder eine genauere Definition, die bisher nicht existiert.