Vor einem Jahrzehnt, auf einer Heimreise nach Kalifornien, beschloss ich, von San Francisco nach San José zu laufen. Die Idee war entstanden, als meine Mutter und ich auf der Autobahn in einem Stau stecken geblieben waren. "Schau mal", sagte meine Mutter und zeigte auf eine große Missionsglocke, die an einem krummstabartig gebogenen Haken hing. "Wir müssen wohl auf dem Camino sein."

Sally McGrane kommt aus Berkeley in Kalifornien und lebt seit mehr als zehn Jahren in Berlin. Sie ist Journalistin und schreibt unter anderem für die "New York Times" und den "New Yorker". Ihr Spionageroman "Moskau um Mitternacht“ ist im April 2018 als Knaur-Taschenbuch erschienen. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Julia Fischer

Anfangs, als die spanischen Missionare ankamen, bauten sie an der Küste meines Heimatstaats Missionen. Jede war einen Tagesritt oder drei Tagesmärsche von der nächsten entfernt. El Camino Real war der Weg, der die Missionen miteinander verband. Irgendwann im Laufe des 20. Jahrhunderts begannen Frauengruppen damit, Glocken aufzuhängen, um ihn zu markieren. In meiner Familie waren diese Glocken wohlbekannt, denn mein Großonkel hatte eine geklaut. Er stellte Außenleuchten her – große Laternen und kleine Lichterketten für Wüstengärten und Veranden –, und man muss fairerweise sagen, dass er zunächst beim Staat Kalifornien nachgefragt hatte, ob er ein Modell haben könne, um es zu kopieren.

Als die Behörden Nein sagten, nahm er die Dinge im Schutz der Dunkelheit selbst in die Hand. Eine dieser riesigen nachgemachten Glocken beleuchtete später die Auffahrt meines Großvaters.

"Es muss damals, als die Missionare ankamen, ganz anders ausgesehen haben", ergänzte meine Mutter, als wir im Stau standen und auf die öde, tot aussehende Schallschutzwand starrten, über die sich zarte Bougainvillea-Zweige rankten. "Ich frage mich", sagte ich, "wie es wohl wäre, den Camino jetzt zu laufen."

Einige Tage später beschlossen meine Mutter und ich, es auszuprobieren. Wir fingen an zu planen und konnten nur einen einzigen Menschen ausfindig machen, der behauptete, den Camino schon gegangen zu sein. Sein Name war John Black, und die Geschichten, die er aufgeschrieben hatte – wie er die Nacht bei einem heftigen Wolkenbruch inmitten eines kalifornischen Felds verbrachte, der Wind an seinen Kleidern zerrte und er den Himmel anrief –, klangen wie aus dem Leben früher christlicher Heiliger. Seiner Aussage nach hatte er den Bundesstaat im Laufe eines Jahres von oben nach ganz unten durchwandert. Ich war geneigt, anzunehmen, dass er gar nicht existierte: Schon sein Name klang erfunden. Meine Mutter schickte ihm jedoch eine E-Mail und er schrieb zurück. John Black war den Weg im Zuge seiner Konvertierung zum Katholizismus gelaufen und informierte meine Mutter fröhlich, dass er mit leeren Taschen losmarschiert war und darauf vertraut hatte, dass Gott ihn versorgen würde. Er war freundlich und aufmunternd und schrieb uns, wann immer er unterwegs etwas gebraucht habe – Essen, eine Unterkunft, medizinische Hilfe –, habe er es erhalten.

"Er scheint echt nett zu sein", meinte meine Mutter. "Aber ich glaube, wir nehmen doch lieber unsere Kreditkarten mit." Das Ziel, das wir uns vornahmen, war kleiner – wir würden bei der Mission unserer Heimatstadt San Francisco loslaufen und drei Tage bis zur nächsten wandern. Von dort aus wollten wir mit dem Silicon-Valley-Nahverkehrszug nach Hause fahren.

Also packten wir unsere Rucksäcke, steckten unsere Geldbeutel ein und gingen los. Doch nach einem Tag Fußmarsch – der uns bis zum Best Western am Flughafen von San Francisco brachte – taten meiner Mutter die Wanderschuhe weh. Wir waren ausschließlich auf Asphaltwegen gelaufen und ihre Füße waren von Blasen übersät. Meine Mutter hat vier Kinder und beklagt sich nie über irgendetwas. Als sie meinte, sie bräuchte neue Schuhe, anderenfalls wäre sie nicht in der Lage, noch einen weiteren Tag zu laufen, wusste ich deshalb, dass sie es ernst meinte. Der Empfangsmitarbeiter im Hotel half uns nicht weiter. Wir humpelten über die Straße, um einen Kaffee zu trinken. "Kein Schuhladen hier", sagten die Einheimischen und schüttelten den Kopf. Wir tranken unsere Cappuccinos, aßen unsere Bagels und schlenderten ziellos eine ruhige Wohnstraße entlang. Dann blickte ich auf: An einer kleinen Ladenfassade stand "Happy Feet". Dort wurden allerdings keine Schuhe verkauft, sondern irgend so ein deutsches System maßgefertigter Fußstützen; doch nachdem der philippinische Inhaber anhand unserer Fußabdrücke eindeutig festgestellt hatte, dass meine Mutter und ich miteinander verwandt sind, klopfte er ihr auf die Schulter und klebte ein paar Plastikeinlagen in ihre Wanderschuhe. Draußen machte sie ein paar Schritte und lächelte. "Das fühlt sich großartig an!", sagte sie. Federnden Schrittes liefen wir weiter.

Schließlich schüttelte meine Mutter den Kopf. "Weißt du, an wen mich das erinnert?"

Ich nickte: Ich hatte genau dasselbe gedacht. "An John Black."