Eine Zukunft ohne Geld

Es gab eine Wirtschaft vor dem Geld, und es wird eine danach geben. Das lässt sich historisch und theoretisch gut begründen. Aber es ist eine andere Sache, es sich vorzustellen. Obwohl wir schon längst auf dem Weg zur geldfreien Gesellschaft sind. Wir sehen es nur nicht.

Utopien einer Wirtschaft ohne Geld hat es immer wieder gegeben. In der Regel gehen sie davon aus, dass sich die meisten ökonomischen Probleme in Luft auflösen, sobald die Menschen nur kooperieren und alle ihre Güter und Fähigkeiten freigiebig teilen. Die Vorstellung, dass wir uns nur gegenseitig beschenken müssten, damit es allen gut geht, ist zwar wunderschön – im Leben haben sich solche Gesellschaftsordnungen nie gegen die des Geldes durchsetzen können.

Das liegt nicht nur daran, dass jede Alle-teilen-alles-Gesellschaft früher oder später an ihren rigiden moralischen Regeln gescheitert ist. Es liegt auch daran, dass Geld handfeste Vorteile mit sich bringt: Es gilt überall. Es ermöglicht Geschäfte zwischen Fremden, ja sogar Feinden. Niemand muss einer Community angehören oder sich bestimmten Verhaltensregeln verpflichten, um etwas zu erwerben.

Geld hat allerdings einige Nachteile, und zwar von Anfang an. Sie liegen bereits im Grunddesign, worauf der Philosoph Aristoteles recht bald nach der Einführung der Geldwirtschaft in Athen hingewiesen hatte. Geld erzeugt eine unstillbare Gier. Haben Menschen erst einmal ein wenig davon, können die wenigsten damit aufhören, immer mehr zu wollen. Das liegt daran, dass Geld drei Funktionen erfüllt: Bewerten, Zahlen und Speichern. Heute wird man den Eindruck nicht los, das Speichern sei zum Hauptzweck des Geldes geworden, genauer gesagt das Speichern von möglichst viel Geld in den Händen möglichst Weniger. Alles andere hat sich dieser "halb kriminellen, halb pathologischen Neigung", wie John Maynard Keynes es sagte, unterzuordnen. Die Annahme, dass Geld zwangsläufig verschwinden wird, geht indirekt auf die Finanzkrise vor zehn Jahren zurück.

Tauschgesellschaft hat es nie gegeben

Es war eine Krise der Banken, die mit Finanzpapieren auf Häuserkredite eine Blase hochspekuliert hatten. Die Theorien eines Hyman Minsky haben diese Dynamik am besten beschrieben. Er sieht im Kapitalismus eine nicht nur zyklische, sondern letztlich selbstzerstörerische Dynamik am Werk. Kreditzyklen erzeugen Übertreibungen, die sich irgendwann wie in einem Gewitter entladen. Demgegenüber gehen die bis heute die akademische Wirtschaftswissenschaft dominierenden neoliberalen Ökonomen davon aus, dass Märkte gerade wegen ihrer Schwankungen Ausgleich und Stabilität garantieren.

Dass die Finanzkrise von 2008 das Geld als solches betrifft, wurde spätestens klar, als sich zeigte, auf welche Art und Weise die Zentralbanken sie bekämpft haben. Ihr hauptsächliches Mittel dafür war Geld, oder genauer: Geldschöpfung. Bis heute fährt die EZB mit ihrem Notprogramm fort, und der Ökonom Michael Hudson hat völlig recht, wenn er in seinem neuen Buch J is for Junk Economics behauptet, die Krise sei durch immense, für einige Jahre auf Dauer gestellte Liquiditätshilfen nicht überwunden, sondern nur immer weiter aufgeschoben worden, und zwar bis heute.

Im Jahr 2011 erschien ein Buch mit dem Titel Schulden. Die ersten 5000 Jahre. Der britische Ethnologe und Occupy-Aktivist David Graeber zeigt darin, dass das Geld erst spät zur Wirtschaft stieß. Vorher lief Ökonomie weder mit Geld noch durch Tausch. Von den Tauschgesellschaften habe kein Archäologe oder Ethnologe je eine Spur gefunden. Es habe sie nie gegeben. Stattdessen wurde in kleinen Gemeinschaften erst miteinander gewirtschaftet und alles geteilt.

Dann kamen Städte mit Verwaltungen, die Steuern erhoben und Schulden notierten. Ein Großteil der mesopotamischen Aufzeichnungen dreht sich um Schulden. Von Geld ist dabei keine Rede. Es kam erst später. Und es hatte den Vorteil, dass Geschäfte ohne Aufzeichnungen abgewickelt werden konnten. Damit konnte die Wirtschaft über die Reichweite der Schuldbücher und Schreiber hinauswachsen.

Genauso wie Geld über die Aufschreibesysteme hinauswächst, kann es von ihnen auch wieder eingeholt werden. Möglich wird das, wenn wir alle wirtschaftlichen Transaktionen, das heißt alle Käufe und Gaben, notieren können. Seit gut einem Jahrzehnt sind Rechner und Netzwerke theoretisch dazu in der Lage.

Wir sind schon längst auf dem besten Weg, das Geld loszuwerden. Das zeigt sich in all den Apps und Plattformen, die unsere Wünsche und Profile besser kennen als wir selbst. Wenn aus den laufend gesammelten Daten hervorgeht, was ein Kunde haben möchte, dann lässt sich ziemlich gut berechnen, wie viel dieser Kunde auszugeben bereit ist. Liegen alle diese Informationen vor, dann übernehmen die Daten den Markt. Das verändert unser Verhältnis zu Preisen. In der klassischen Markttheorie gilt der Preis als eine wichtige Informationsquelle: Er bildet das Verhältnis ab, in dem das Angebot zur Nachfrage steht.

Die Geburt des Geldes

In einer Datenwelt ist das anders: Wenn Anbieter einer Ware über Ort, Zeit und Anzahl der Nachfrage perfekt informiert sind, liefert der Preis keine zusätzlichen Information mehr. Er bildet dann die Informationen nur noch ab, auf denen der Markt beruht. Den Anfang solcher datenbestimmter Preisbildung sehen wir auf dem Markt für Flugtickets. Auch Tankstellen berechnen ihren Preise dynamisch. Die Wunschvorstellung von Einzelhändlern ist, personalisierte, preisoptimierte Angebote genau dann zu verschicken, wenn ein Kunde den Laden betritt. Jeder Moment, jeder Ort, jede Person bekommt ihren eigenen, augenblicklichen Preis auf einem Minimarkt für genau eine Transaktion.

Je genauer unser Verhalten sich in Daten abbildet, desto besser lassen sich Preise optimieren. Die althergebrachten Mechanismen des einen großen Marktes hätten sich damit erledigt. Stattdessen ergäbe sich für jede einzelne Transaktion, für jeden Kauf ein Mikromarkt. Geld käme auf diesem Mikromarkt zwar noch immer vor. Aber es wäre nur noch ein Repräsentant der Datenlage. Irgendwann würden wir das Geld vergessen, weil Daten genügen, um die Dinge effizient zu verteilen.

Rein technisch gesehen heißt das, dass wir uns eine Wirtschaft vorstellen können, die die Frage der Verteilung ganz über Daten regelt. Auf dem Weg dahin gibt es drei Stufen. Zunächst kann man das Bargeld im herkömmlichen Sinn abschaffen. Alle Zahlungen laufen fortan bargeldlos über Datenverbindungen. Das ist aber höchstens ein Anfang und veränderte eigentlich nichts. Denn das Geld bleibt erhalten, es wäre nur nicht mehr sichtbar. Auch Bitcoin und andere Kryptowährungen änderten daran nichts – sie stellen nur eine dezentrale Art von Ersatzgeld dar.

Erst die zweite Stufe bringt uns voran. Dann übernähmen Daten die Aufgabe des Geldes. Das wäre erreicht, wenn die Verteilung von Aufgaben und Gütern nicht mehr durch Geld, sondern mithilfe von Algorithmen erfolgen. Der technische Name für einen solchen Prozess lautet Matching.

Wohnungen werden zum Wohnen gebraucht – nicht als Geldanlage

Wirtschaft ist immer ein soziales Verhältnis. Wir sind auf die Tätigkeiten anderer angewiesen und können unsere eigenen Fähigkeiten einbringen. Dieses Miteinander will koordiniert sein. Heutzutage erledigen das Unternehmen und Märkte mithilfe von Geld. In Zukunft könnten intelligente Matching-Prozesse bessere Lösungen finden. Wir dürfen uns das Matching nicht als Anweisung vorstellen, sondern eher als einen Vermittlungsprozess mit möglichst großen Freiheitsgraden. Durchsetzen werden sich diese Verfahren nur, wenn sie zufriedenere Menschen hinterlassen als die Geldwirtschaft. Wenn sie also dafür sorgen, dass jeder nach ihren Fähigkeiten etwas beitragen kann und jeder nach seinen Bedürfnissen etwas bekommt, um ein altes Zitat von Marx ein wenig abzuwandeln. Zwischen dem Geben und dem Bekommen muss es eine lose Verbindung geben. Je mehr wir zur Gemeinschaft aller beitragen, desto mehr können wir von der Gemeinschaft zurückerhalten.

Auch heute schon findet beim Gebrauch von Geld eine Art von Matching statt, mit von Fall zu Fall unterschiedlichen Regeln. In Auktionen bekommt derjenige den Zuschlag, der am meisten bietet. In Läden erhält jemand die Ware, wenn er kommt und zahlt, solange die Ware vorhanden ist. Am Immobilienmarkt gelten andere Regeln. So kommt es in der Geldwirtschaft dazu, dass Wohnungen leer stehen, weil sie jemandem gehören, der Vermögen parken möchte. In London betrifft das zum Beispiel ganze Stadtviertel. Es fällt nicht besonders schwer, sich ohne Geld in dem Fall bessere Matching-Lösungen vorzustellen, die etwa berücksichtigen, dass Wohnungen auch zum Wohnen gebraucht werden und nicht einfach dumm als Geldanlagen an der Straße stehen.

Die dritte Stufe der geldlosen Ökonomie wäre das vollkommene Verschwinden des Geldes. Die Idee eines allgemeinen Äquivalents, also eines Wertmaßes, mit dem alles bewertet wird, hätte dann gänzlich ausgedient. Dabei stellt sich die Frage, wie dann der Wert von etwas bemessen wird. In einer geldfreien Zukunft würde die Antwort wohl lauten: Ein Wert ist etwas, an das die Leute bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts in einer fast religiösen Verehrung glaubten, als sie noch dem Geldkult anhingen, der ihnen vorgaukelte, alles müsse einen und nur einen bestimmten Wert haben. Man wird dann über die Idee des Wertes ungefähr so sprechen wie über die Seele oder vergleichbare antiquierte Konzepte, von denen nur noch Ruinen geblieben sind.

Computerspiele als Modell

Die Wertfrage stößt an eine philosophische Grenze. Wenn Waren und Tätigkeiten nicht mehr durch einen Wert repräsentiert sind, sondern sich allein durch den weiteren Gebrauch bestimmen, erinnert das an eine These des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein. "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache." In den letzten Jahren hat der amerikanische Denker Robert Brandom diesen Ansatz zur Theorie des Inferentialismus weiterentwickelt. Auch dort heißt es: Was gilt, ist nicht eine Repräsentation, sondern das, was wir tun. Das lässt sich nicht nur auf Sprache und Bedeutung anwenden, sondern auch auf Ökonomie und Wert. Wir müssen den Dingen und unseren Tätigkeiten keinen festen Wert mehr geben, sondern nur dafür sorgen, dass sie möglichst gut und gerecht verteilt werden. Anstatt sie auf einer Werteskala abzubilden, müssen wir dafür sorgen, dass das Richtige mit ihnen getan wird.

Man könnte annehmen, dass die Idee, der Wirtschaft das Geld auszutreiben, unter Ökonomen kaum Freunde findet. Doch das ist ein Vorurteil. Das agent-based modelling versucht,  ökonomische Abläufe vom Verhalten einzelner ausgehend am Computer zu modellieren. Von da aus versteht man leicht, dass die Abkehr vom Geld ein ganz folgerichtiger und notwendiger Schritt ist. Seit drei Jahren gibt es an der Universität Bonn und der Wirtschaftsuni in Wien eine Forschergruppe zur "Gesellschaft nach dem Geld", wo nun daran gearbeitet wird, eine geldfreie Ökonomie zu simulieren.

Wenn man Wirtschaft, wie Verhaltensökonomen es tun, als einen Raum sozialen Verhaltens ansieht, dann liegt der Gedanke auf der Hand, im Geld nur eines von vielen verschiedenen Mitteln zu sehen, dieses Verhalten zu koordinieren. Aus der Geschichte der Medien lernt man, dass neue Technologien immer wieder neue Verhaltensweisen, Praktiken und Institutionen hervorbringen.

Unterdessen bewegt sich das Wirtschaftsleben ganz von selbst auf eine geldlose Ökonomie zu. Nicht weil die Gesellschaft es so wollte, sondern weil technische Entwicklungen es nahelegen. Nach Friedrich Kittler und der von ihm gegründeten Berliner Schule der Medienwissenschaft sind die treibenden Kräfte sozialer Veränderungen letztlich in den Techniken und Technologien zu suchen. Das Geld wird verschwinden, sobald sich ohne Geld bessere Lösungen für die ökonomische Kernfrage der Verteilung finden. Wie genau diese Lösungen aussehen, können wir nur ahnen.

Die Dystopie totaler Kontrolle

Derzeit kommen die sozialen Verhältnisse in Computerspielen der Idee einer geldlosen Wirtschaft am nächsten. Games sind längst mehr geworden als sinnloses Gemetzel in lächerlichen Monsterverkleidungen. Hinter dieser Kulisse haben sie sich in ein Labor der Zusammenarbeit verwandelt. Gerade Multiplayer-Spiele fördern Fähigkeiten zur Koordination. Die Spieler lernen gemeinsam Ressourcen zu verteilen. Sie koordinieren ihre Bewegungen und Quests mit Freunden und mit Gegnern und – auch das darf nicht außer Acht gelassen werden – mit computergesteuerten Bots.

Bei aller Unklarheit der Erwartungen steht eine Voraussetzung für die geldlose Ökonomie fest: Mit Datensparsamkeit werden wir nicht dorthin gelangen. Das soll kein Argument für eine Post-Privacy-Welt sein, sondern eine Anforderung. Digitale Technologien werden sich nicht mehr zurückdrängen lassen, und genauso unvermeidlich wird die Menge der Datenspuren, die wir durch ihren Gebrauch hinterlassen, stetig steigen. Ob es uns gefällt oder nicht, werden wir Mittel finden müssen, damit so umzugehen, dass alle gemeinsam davon profitieren, nicht nur einige wenige. Private Daten gehören abgeschlossen und verkapselt. Öffentliche Daten müssen verfügbar sein. Das ist das Gegenteil dessen, was sich heute bisher abzeichnet. Der utopischen Idee einer gerechteren geldfreien Wirtschaft steht ein dystopischer Abgrund gegenüber. Dieser entspräche einer digitalen Diktatur mit vollständiger Überwachung aller unserer Handlungen, Daten und Wünsche. Intelligente Maschinen dienen dann nicht dazu, ohne Geld eine gerechtere Verteilung herzustellen, sondern die laufende Bereicherung zu perfektionieren. Manche Staaten, wie etwa China, sind mit ihren Social-Credit-Systemen auf diesem Weg schon recht weit vorangeschritten. Wir sollten deshalb genau beobachten, was dort umgesetzt wird.

Hat man ein solches System der Verhaltensteuerung erst beieinander, wird es alle Aspekte des Lebens nach und nach an sich ziehen. Schon heute ist man in China so weit, Leuten bei fortgesetztem Fehlverhalten die Erlaubnis zu entziehen, Flug- oder Zugtickets zu erwerben. Bestimmt gibt es auch in Deutschland schon innovationsfreudige Politiker, die nur darauf warten, Hartz-IV-Sanktionen von "intelligenten" Maschinen verhängen zu lassen. Wir bewegen uns damit auf eine digitale, datengestützte Kontroll- und Sanktionsgesellschaft zu. Wie ein solches Szenario aussehen könnte, zeigt eine Episode der britischen Serie Black Mirror mit dem Titel Nosedive. Die Heldin der Geschichte scheitert an einer Welt, in der der Soziale-Medien-Terror von Likes und Friends darüber entscheidet, was ihr zusteht.

Dass die Sache schiefgehen kann, wird den Lauf der Geschichte nicht aufhalten. Die Voraussetzungen für eine geldlose Wirtschaft sind da. Umso wichtiger ist es, dass wir uns darüber Gedanken machen, welche Wirtschaftsform und welches Leben wir nach dem Abschied vom Geld haben wollen.