Vier Monate lang hat die frühere Gewerkschaftschefin Monika Wulf-Mathies die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Mitarbeiter des Westdeutschen Rundfunks (WDR) untersucht. Nun hat sie ihren Abschlussbericht vorgestellt. "Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass das Thema sexuelle Belästigung nur die Spitze des Eisbergs ist, hinter dem sich Machtmissbrauch, vielfältige Diskriminierungserfahrungen und eine Unzufriedenheit mit dem Betriebsklima verbergen", heißt es darin.

Wulf-Mathies spricht von einem "Machtgefälle zwischen in der Regel männlichen Chefs und weiblichen Untergebenen". Noch viele Jahre später litten die Betroffenen. Es gebe subtile und verdeckte Formen von Diskriminierung, "um männliche Dominanz zu demonstrieren, zu rechtfertigen und zu festigen". Ihr sei bei ihren Recherchen und Gesprächen klar geworden, dass die Verantwortlichen im WDR "Gerüchten und Beschwerden, die seit den Neunzigern kursiert haben, zwar nachgegangen" seien, dass sie "aber wenig unternommen haben".

Es fehle beim WDR an klaren Regeln und gegenseitiger Wertschätzung, kritisiert Wulf-Mathies. Die dezentralen Strukturen des WDR förderten Seilschaften und Abschottung. Im WDR bestehe ein starkes Machtgefälle nicht nur zwischen der Führungsebene und den Beschäftigten, sondern auch zwischen Festangestellten und freien Mitarbeitern. Das sei ein Nährboden für Machtmissbrauch. Es fehle ein wertschätzendes Betriebsklima. "Es ist aus meiner Sicht notwendig, dass der Intendant die Verbesserung des Betriebsklimas zur Chefsache macht", sagte Wulf-Mathies. Gleichzeitig forderte sie einen Kulturwandel bei dem Sender.

Die 76-Jährige war von WDR-Intendant Tom Buhrow mit der Untersuchung beauftragt worden. Sie arbeitete unabhängig und stellte ihre Ergebnisse auf einer Pressekonferenz in Bonn vor. Neben ihr saß Intendant Buhrow. Dieser hatte bereits im Mai eingestanden, dass Fehler in seinem Haus passiert seien. "Es tut mir leid um jeden einzelnen Fall", hatte Buhrow gesagt. Allerdings glaube er nicht, dass das Thema sexuelle Belästigung beim WDR ausgeblendet oder nicht ernst genommen worden wäre.

Nun, nach Vorlage des Abschlussberichts, sagte Buhrow, er habe "ein paar Mal schlucken müssen". Ihm sei aber klar gewesen, dass sich unter der Oberfläche wesentlich mehr aufgestaut habe. "Dem müssen wir ins Auge sehen und wir müssen uns das ungeschminkt sagen lassen." Man habe in den vergangenen Monaten schon manches verbessert und werde jetzt noch mehr tun. "Wir sind dabei, Strukturen aufzubrechen. Ich werde all das, was Sie gesagt haben, ernst nehmen", sagte Buhrow.

"Hilfeschrei an den Intendanten"

Der WDR hat bereits eine Anlaufstelle eingerichtet, bei der sich Betroffene melden können. Insgesamt hätten sich etwa ein Dutzend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeldet, sagte Buhrow. Eine genaue Zahl wollte er nicht nennen, da es nicht immer um sexuelle Belästigung gegangen sei. Buhrow sprach davon, "Hilfeschreie an den Intendanten" erhalten zu haben, in denen es auch um andere Missstände im Hause ging. 

Die meisten bisher bekannt gewordenen Belästigungsfälle beim WDR datierten dem Abschlussbericht zufolge noch aus den Neunzigerjahren. "Generell lässt sich sagen, dass bei diesen Fällen ein größerer Ermittlungseifer notwendig gewesen wäre", sagte Wulf-Mathies. Inzwischen reagiere der WDR sehr viel konsequenter und schneller. Sie regte unter anderem eine dauerhafte externe Beschwerdestelle und eine neue Dienstvereinbarung mit klaren Regeln gegen Machtmissbrauch an. Außerdem müsse der Arbeitgeber Vorwürfe "gründlich und proaktiv" untersuchen. 

Im Mai hatte der WDR einem Mitarbeiter wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung fristlos gekündigt. Mit dem ehemaligen Fernsehspielchefs des WDR, Gebhard Henke, einigte sich der Sender außergerichtlich auf eine Trennung. Henke – der nicht nur Programmbereichsleiter im WDR war, sondern nach wie vor Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln ist – sieht sich als Opfer einer neuen mediengetriebenen Politik des Durchgreifens im WDR. Im Interview mit ZEIT ONLINE sagte er Mitte Juli: "Ich habe bestritten, jemals sexuell übergriffig geworden zu sein, denn ich bin mir keiner derartigen Handlung bewusst."