Vielleicht verhält es sich mit dem ersten Liebesbrief ein bisschen wie mit dem ersten Kuss. Man vergisst ihn nie ganz. Meiner kam, als ich etwa elf Jahre alt war. Sein Absender hieß Alessandro, er war Italiener, hatte große braune Augen und war insgesamt, wie ich damals fand, "total süß". In den Briefen, die in der runden Schrift eines Sechstklässlers verfasst waren, standen allerlei reizende Dinge, die Blätter der Briefe rochen nach Zitronenblüten, weil einige davon während einer Klassenreise nach Sorrento geschrieben worden waren, ihre Ränder waren mit Herzen verziert. Kurzum: Sie waren toll.

Soweit ich weiß, liegen sie sogar noch irgendwo ganz weit hinten in meinem alten Kleiderschrank – nur liegen sie dort ganz allein. Denn der Liebesbrief wurde kurz darauf einfach ausrangiert. Den einen oder anderen Großstadtromantiker, der seitenweise in seiner Liebe schwelgen kann, findet man natürlich bis heute. Alles in allem begann aber damals, sagen wir vor knapp 20 Jahren, der Niedergang des klassischen love letter. Weil für die Generation, die das Verliebtsein gerade für sich entdeckte, ein neues Medium geboren worden war: die SMS.

Annabelle Hirsch, geboren 1986, ist Deutsch-Französin und lebt als freie Autorin in Paris. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Oliver Helbig

Manche Leute finden das schade. Manche stimmt das vielleicht sogar ein bisschen traurig. Manche meinen, unsere Generation wüsste gar nicht mehr, was es bedeutet, seine Liebe in Worte zu fassen, denken, in leicht apokalyptischer Grundstimmung badend, dass unser Liebesleben sich heute auf einen gelegentlichen Match, Dickpicks und das Hin-und-Her-Swipen von Profilbildern reduziert. Dass wir uns sowieso nur noch für uns selbst interessieren und die Liebe in dieser ganzen Entwicklung vollkommen baden geht. Nur stimmt das alles zum Glück überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil: Wahrscheinlich hat sich keine Generation so viel geschrieben, sich so viel Liebe entgegengetippt, wie wir das heutzutage tun. Wir schreiben uns immer und überall, zu jeder Uhrzeit, aus allen Ecken der Welt, manchmal sogar mehreren Liebesobjekten gleichzeitig. Wir spielen mit den Worten, tanzen mit ihnen, ganz wild und schnell. Unsere Liebesbekundungen sind, und das ist neu, ein Pingpong. Denn wo der klassische Liebesbrief im Grunde ein Monolog mit sehr verzögerter Reaktion ist (vorausgesetzt, es gibt überhaupt eine), rezitiert man die Liebe seit unserer Generation lieber als Dialog.

Wie witzig, spritzig, sinnlich, schön und poetisch dieser sein kann, zeigt die Französin Morgane Ortin mit ihrem Instagram-Account "Amours Solitaires", zu Deutsch: einsame Lieben. Seit etwas mehr als einem Jahr postet sie dort romantisch-erotische Korrespondenzen von Unbekannten, um, wie sie schreibt, ein "Testament der modernen Liebe, der Liebe 2.0" zu schaffen. Fragmente einer Sprache der Liebe für das 21. Jahrhundert, wenn man so will. Jeden Tag bekommt Ortin mehr als 300 Nachrichten aus ganz Frankreich. Und jeden Tag fischt sie die schönsten heraus. Manchmal sind sie lustig, wie etwa: "Bist du da? – Pscht! Stör mich nicht! Ich denke gerade an dich!" Oder: "Hast du eigentlich sonst nichts zu tun, als mir zu fehlen?" Oder: "Schwing deinen schönen Po hierher. – Wie redest du denn? – Pardon: Schwing deinen wunderschönen Po hierher. – Schon besser!" Oder: "Amour? – Ja? – Nichts, ich wollte nur deinen Namen sagen." Oder: "Ich glaube ich bin in dich verliebt, wenn ich dir zuhöre macht es bei mir xyxygxfyxhgyjhyxgfh."

Manchmal sind sie frech, wie: "Soll ich morgen im Kino Lippenstift tragen? – Warum fragst du mich das? – Um zu wissen, ob du mich küssen wirst oder nicht. – Trag keinen!"  Oder: "Ich bin betrunken und werde es morgen sicher bereuen, dir geschrieben zu haben, aber wenn du jetzt zu mir kommen und wir die ganze Nacht miteinander schlafen würden, dann könnte das doch etwas sein, dass uns beiden Freude bereitet, oder? – Ich komme!"

Natürlich geht es oft um Sex. Allerdings um den guten, den spielerischen, den ohne Dickpics und Konsorten. Zum Beispiel: "Meine Hüften und ich sind ganz ungeduldig. Darf mein Po auch kommen? – Dein Po. Aber auch deine Brüste. Und der Rest auch. Je mehr wir sind, umso lustiger wird es." Oder: "Und was macht ihr so? – Die reden. Ich stelle mir dich nackt vor." Oder: "Kommst du mich bald besuchen? – Wo? Im Süden? Oder im Regen? – In mir." Süß ist auch: "Ich habe meine Unterhose falsch herum angezogen. Aber seitdem du sie mir ausgezogen hast, ist sowieso alles verdreht." Oder: "Ich habe hier noch dein Fahrrad, deine Tupperware und mein Herz, die dir gehören und abgeholt werden wollen." Man würde sie am liebsten alle aufschreiben, weil sie so reizend sind. Weil sie in so kurzer Form so viel sagen, über die Menschen, über die Liebe, über unsere Zeit, die, zumindest glaubt man das, wenn man diese Nachrichten liest, vielleicht doch nicht so verdorben ist, wie man immer sagt.

Weil sie mit all ihren Ambiguitäten, den Dramen, den Bonmots, die hier hin und her geworfen werden, ein bisschen funktionieren wie ein Briefroman, wie eine moderne Version der Gefährlichen Liebschaften. Eine, in der nur ein Ausschnitt der Geschichte erzählt wird. Den Rest muss man sich selbst ausmalen. Denn anders als in den klassischen Korrespondenzen, erfährt man hier nichts über die Absender. Man kennt weder ihr Alter noch ihr Geschlecht noch sonst irgendwas, man weiß auch nicht, in welcher Beziehung die beiden Betroffenen stehen, sodass man sich alles Mögliche vorstellen kann.

Etwa bei einer Nachricht wie dieser: "Ich will dich zufällig auf der Straße treffen, damit du dich daran erinnerst, dass wir uns lieben." Ist das eine bedacht formulierte "Komm zurück!"-Nachricht? Oder einfach ein feines "Hallo" am Nachmittag, zwischen zwei Menschen, die sowieso zusammen leben? Kennen die beiden sich vielleicht nur virtuell, à la "You’ve got mail"? Oder kennt die Empfängerin/der Empfänger den Absender/die Absenderin womöglich überhaupt nicht?

Viele der fast 200.000 Follower wollen von Ortin wissen, wie es weitergeht: "Was hat er/sie geantwortet?", "Wie ist es ausgegangen?", schreiben sie dann, als ginge es um eine gute Freundin. Und wenn eine Nachricht mal das Ende einer Liebe besiegelt, ein trauriges, so wie: "Ich hätte deine Familie sein können. – Du hättest meine Familie sein sollen", oder ein mutiges: "Ich liebe dich. So. Jetzt ist es raus", und ohne Antwort bleibt, dann stehen alle der einsamen Liebe bei und kommentieren sie. In diesem Sinne kann man die Seite, wenn man will, auch als Selbsthilfegruppe verstehen. Insgesamt liest sie sich aber eher wie eine sehr unterhaltsame Studie über die Liebe von heute. Und die besagt vor allem zwei Dinge:

Der Liebesbrief ist, auch wenn er nicht mehr auf Dachböden vergammelt, kein bisschen tot. Und: Die Liebe ist so groß, frei, zärtlich und schön wie eh und je.