So. Jetzt ist es passiert. Genau so wie erwartet. Nämlich unerwartet. Angela Merkel zieht sich zurück, und noch am gleichen Abend bringt Spiegel Online eine Bildstrecke über Merkels vergangene 18 Jahre als Parteivorsitzende. "Ein Rückblick" heißt die Klickmeile, und vielfach lesen sich die ersten eilig zusammengeschriebenen Kommentare, als hätte man sich hier und da bereits aus den Nachrufen bedient, die für jede Person von Rang und Namen in den Schubladen bereitliegen. Ja, das alles hat etwas von Requiem. Vielleicht weil man spürt, dass hier nicht eine Politikerin abtritt, das ist banal und gehört sich in einer Demokratie auch so – das Kommen und Gehen ist ja das Prinzip dieser Herrschaftsordnung –, sondern dass mit Angela Merkel weniger ein Mensch als vielmehr ein Stil geht. Ein Stil, von dem man ahnt, dass man sich nach ihm noch sehnen wird, wie es der Chefredakteur der taz prophezeite.

Was nach Angela Merkel an vergifteter Rhetorik in der Union folgen wird, konnte man in den vergangenen zwei Jahren schön beobachten. Das war nur die Version, in der sie sich zusammenrissen, der Seehofer, der Spahn, der Bosbach (gut, der ist weg, aber im Moment kugeln sie ja gerade alle wie Golfbälle aus ihren Löchern, wer weiß, wer nach Friedrich Merz noch mit herauskullert?). Was wurde anlässlich der Million Syrer, die vor drei Jahren ins Land kam, nicht alles gestänkert und Haarsträubendes herausgezerrt! Je besonnener sie reagierte, je kühler und strategischer, umso mehr flippten die Leute aus. Auf der Straße, in den Parteien und in den Landesparlamenten. Oh ja, auch in den Medien drehten sie durch.

Eine Million Syrer, und keine drei Jahre später steht das Heimatministerium, die Ausländerheime brennen, der Hitlergruß ist wieder ein üblicher Anblick, der Verfassungsschutzpräsident weiß von nichts, und Jens Spahn sehnt sich nach dem Anblick von nackten Arabern in der Dusche. Angeblich genierten sie sich in seinem Fitnessstudio, unten ohne zu duschen, "eine gesellschaftliche Veränderung" habe da stattgefunden, die offenbar nicht nur er dezidiert nicht will, sondern, wie es scheint, auch Teile der Bevölkerung.

Und das genau ist das Bedrohliche, das Millionen von Menschen in diesem Land spüren. Die sich von der Fülle der expliziten genauso wie von den verdruckst geäußerten Ressentiments angesprochen fühlen. Immer dann, wenn von einer vermeintlichen Islamisierung oder Bedrohung gegen "die eigene Kultur" (gemeint ist "die" deutsche Kultur) und allerhand anderen Identitätsschwierigkeiten die Rede ist, dann sind von diesen Sätzen nie nur die Flüchtlinge betroffen, sondern ein paar Millionen Menschen, die durch Herkunft, Migrationsgeschichte und Religionszugehörigkeit zwar seit Jahrzehnten in Deutschland leben, aber immer noch als  Fremdkörper wahrgenommen und angesprochen werden.

Jedes Wort nahm man ihr ab

Die Kanzlerin, die zwar mal vor einer gefühlten Ewigkeit davon sprach, dass "Multikulti" tot sei, eine Formulierung, die aus ihrem Mund grotesk schrill klang, nicht weil der Satz selber eine Albernheit sondergleichen ist, sondern weil sie mit ihrer Biografie als Ostdeutsche aus einer Diktatur stammend, als unverheiratete Wissenschaftlerin mit Patchworkfamilie, nun ja, selbst ziemlich viel Multikulti in die BRD mitbrachte. In den "Communitys" nahm man ihr den Satz nur kurzzeitig übel. Weil sie alles an Blödsinn, den sie jemals über die Migranten sprach (einmal titulierte sie diese Leute als Menschen, "die bei uns leben", nicht "mit uns" oder einfach "Mitmenschen", sondern, ach egal), spätestens nach ihrer Rede 2012 auf der Gedenkfeier für die NSU-Opfer wiedergutmachte. Jedes Wort nahm man ihr ab, die Scham und auch die Fassungslosigkeit. Es handelte sich immerhin um ihre Landsmänner und Landsfrauen, die gemütlich mordend durch das Land reisten. Wenn sie es nicht verstand, die aus der gleichen Gesellschaft kam, wer soll es dann verstehen? An diesem Tag waren die Ostdeutsche und die westdeutschen Migranten miteinander vereint. Vereint im Unvermögen, diesen brennenden Hass zu verstehen und vielleicht auch verstehen zu wollen.

Sie war geknickt, sie sagte: "Wir vergessen zu schnell, viel zu schnell. Wir verdrängen, was mitten unter uns geschieht; vielleicht, weil wir zu beschäftigt sind mit anderem; vielleicht auch, weil wir uns ohnmächtig fühlen gegenüber dem, was um uns geschieht."

Kein Fremdeln

Eine Bundeskanzlerin, die Ohnmacht zugibt, vielleicht ist das ein viel wichtigerer Satz, als man denkt. Denn seitdem passiert es weiter. Der Rechtsextremismus ist stärker geworden, Schmalspurautokratieanwärter sitzen im Bundestag, die Angriffe auf Minderheiten geschehen in horrender Zahl, der Verfassungsschutzpräsident ist noch im Amt und weiß immer noch von nichts. Man nimmt ihr diese Ohnmacht ab. Eine einzige Person kann kein System ändern, wenn sie keine Bewegung hinter sich hat. Aber sie stand oft wie ein Fels und weigerte sich, mitzumachen. Mitzumachen bei dieser grenzenlosen Entwertungssemantik gegenüber allem, was sich nicht nackt ausziehen und die Nationalhymne singen möchte. Im Gegensatz zu Joachim Gauck, der mit seinem Fremdeln gegenüber den Migranten gerne kokettierte, versuchte Angela Merkel den Zusammenschluss. Bei einem Essen vor vielen Jahren in kleiner Runde sagte sie: "Glauben Sie mir, ich weiß, wie es ist, in der Minderzahl zu sein." Sie sagte das in einer Runde von vielen Männern, die neben Deutsch noch eine weitere Muttersprache hatten. Die Männer klatschten sich mit der Hand an die Stirn und glaubten, es verstanden zu haben. Sie dachten, sie sprach auf das Ossisein im Wessiparlament an. Sie meinte aber nicht nur das. Männer sind manchmal bräsig im Denken, sie brauchen eine Weile, um auch das Geschlechterverhältnis zu überblicken.

Seit ihrer NSU-Rede, in der sie die Opferangehörigen um Entschuldigung bat, hatte sie diese rote Linie. Sie sagte niemals mehr etwas gegen Muslime, gegen Türken, irgendetwas, das ausschließend wirken könnte. Diese rote Linie ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn Deutschland ist nur komplett mit seinen Muslimen, seinen Juden, seinen Arbeitslosen und FDP-Wählern, mit seinen ehemaligen Gastarbeitern, Migranten und seinen Hardcore-Deutschen; mit den vielen verschiedenen Menschen, die es nicht schaffen, eine Einheit zu werden, weil die Sehnsucht nach Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit in dieser Gesellschaft ungleich ausgeprägt ist. Wenn Angela Merkel auch als Kanzlerin geht, nimmt sie ihre rote Linie mit. Alles Mögliche wird von ihr bleiben, nicht aber ihre Weigerung, Teile dieser Gesellschaft ungehemmt auseinandertreiben zu wollen. Das macht einen Teil der Deutschen mit einer bestimmten Migrationsgeschichte in ihrer Biografie nervös. Womöglich zu Recht.