Hans Well wohnt mit seiner Frau in einem alten, von ihm selbst sorgsam restaurierten Haus im oberbayerischen Zankenhausen. Die Sonne scheint, in der Ferne sieht man die Alpen mit der Zugspitze, der Ammersee ist ganz nah. Den "blassen See" habe Lion Feuchtwanger den Ammersee in seinem Roman "Erfolg" genannt, sagt Well dem Besucher in einem Hochdeutsch, aus dem er dann und wann doch in ein auffallend melodisches Bayerisch verfällt. Der Roman sei für ihn das Beste, was jemals über Bayern geschrieben wurde. Ein Höhepunkt in Hans Wells bisheriger Karriere war deshalb auch der Auftritt mit seiner ehemaligen Band Biermösl Blosn und dem Schauspieler Jörg Hube in Feuchtwangers Exil-Villa Aurora in Los Angeles. Von 1976 bis 2012 sind Hans Well und seine beiden Brüder Stofferl und Michael als Biermösl Blosn in Bierzelten und den größten Theatern von München, Wien und Berlin aufgetreten. Der Vater der Brüder, ein Hauptschullehrer aus der bayerischen Provinz, hatte seinen insgesamt 15 Kindern das Musizieren beigebracht. Seit einigen Jahren tritt Hans Well nun mit seinen eigenen drei Kindern unter dem Namen "Wellbappn" auf.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich in ihren Liedtexten jahrzehntelang an der allmächtigen CSU abgearbeitet. Nun rangieren die Schwarzen in Umfragen weit unter 40 Prozent. Können Sie dem Rest der Republik erklären, was da los ist?

Hans Well: Kaum etwas hat der CSU so geschadet wie ihr radikales Auftreten in der Migrationsfrage. Das Reden über die Flüchtlinge hat nur der AfD geholfen. In Bayern gibt es viele Flüchtlingshelfer, auch aus dem kirchlichen Umfeld. Die hat die CSU damit verloren. Da hat auch das Kreuzevent vom Söder nichts geholfen.

ZEIT ONLINE: Sie meinen den Kreuzerlass, nach dem in bayerischen Behörden ein christliches Kreuz im Eingangsbereich aufgehängt werden soll …

Well: Die Kirche hat das, ganz richtig, als Wahlkampfmaßnahme eingestuft. Zwischen der CSU und den meisten Bischöfen und Kardinälen herrscht Entfremdung. Selbst alte Respektspersonen aus der CSU wie Alois Glück haben sich gegen die Migrationspolitik von Seehofer und Söder gewendet.

ZEIT ONLINE: Sie haben Markus Söder mal als Schmutzler bezeichnet.

Well: Nein, das kommt vom Seehofer. Und ich glaub, er weiß, warum er ihn so nennt. Wie der Söder den Seehofer mithilfe der Jungen Union letztes Jahr in Erlangen an die Wand gefahren hat: Seehofer ist zwar nicht nachtragend, aber vergessen tut er nix. Es könnte gut sein, dass Seehofers unpopuläres Verhalten in Sachen Chemnitz oder Maaßen ein einziger Rachefeldzug war. Er marodiert vor sich hin. Nach der Wahl wird von Bayern aus auf jeden Fall ein Raumschiff starten, eine Weltraummission ohne Wiederkehr, und der Kommandant heißt Seehofer.

ZEIT ONLINE: Seehofer wird die Wahl politisch nicht überleben?

Well: Er ist der Sündenbock und der ist bekanntlich kein Herdentier. Es gibt kaum einen unbeliebteren Politiker in Bayern. Seehofer wird für das Desaster der CSU verantwortlich gemacht. Dabei hat das viele Ursachen.

ZEIT ONLINE: Welche meinen Sie?

Well: Etwa die Verkehrspolitik: Die CSU, die ja auch im Bund seit Jahren den Verkehrsminister stellt, hat da für ein Desaster gesorgt. Alles, was mit Autos zu tun hat, wird hemmungslos gefördert. Auch beim Diesel machen die CSU-Verkehrsminister massiv Lobbyarbeit für die Autoindustrie. Viele Zugstrecken in Bayern verlaufen dagegen eingleisig wie vor hundert Jahren, etwa ins Chemiedreieck Burghausen. Dafür wird eine vierspurige Autobahn durchs Isental gebaut, ein enges, idyllisches Tal. Die Windkraft haben unser ehemaliger Heimatminister Söder und Seehofer aus Naturschutzgründen gestoppt.

ZEIT ONLINE: Interessiert sich denn die Mehrheit der Bayern für Windräder?

Well: Auf alle Fälle missfällt die Innovationsfeindlichkeit der CSU im Bereich erneuerbare Energien vielen. Auch die Bauern spüren den Klimawandel. Sie verlieren beispielsweise viele Bäume, der Borkenkäfer mag's gerne heiß und trocken. Dazu gibt's ein veritables Bauernsterben in Bayern. Dafür prosperiert der Flächenfraß.