ZEIT ONLINE: Was wird da gefressen?

Well: Beste Kulturlandschaft, auf die Bayern so stolz ist. Überall metastasieren Gewerbegebiete raus in die Natur. Diese Entwicklung hat viele Wertkonservative von der CSU zu den Grünen getrieben. Die stehen jetzt in den Umfragen bei 17 Prozent.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Söder denn von Seehofer?

Well: Dass der Söder noch weniger Haltung hat. Und Seehofer selbst wurde ja als Ministerpräsident schon Drehhofer genannt, weil er öfters seine Meinung wechselte als Lothar Matthäus seine Freundinnen. Genauso räumt Söder jetzt Entscheidungen wieder ab, die er noch vor Kurzem durchgesetzt hatte. Die dritte Startbahn am Münchner Flughafen etwa, oder die Genehmigung einer Skischaukel in einem Naturschutzgebiet. Er hat sich vom Franken-Mastino zum Landesvater gewandelt, auch im Asylbereich. Weil er durch Umfragen gemerkt hat, dass das bloß der AfD hilft. Aber die Kehrtwende haben ihm die Leute nach den Parolen von den angeblichen Asyltouristen nicht abgenommen. Und die CSU-Führung ist ja auch nicht besser. Schon die Erwähnung von Namen wie Dobrindt oder Scheuer sorgt bei neutralem Publikum für brüllendes Gelächter.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht traurig für Sie als Gegner, dass die CSU jetzt so zerbröselt?

Well: Es gibt Schlimmeres. Ich lebe, seit ich denken kann, unter der Herrschaft dieser Staatspartei. Vielleicht gibt’s ein Leben nach der CSU.

ZEIT ONLINE: Sie haben gerade zusammen mit Ihrer Frau Sabeeka Gangjee-Well und Ihren drei erwachsenen Kindern ein dokumentarisches Hörspiel mit dem Titel Rotes Bayern veröffentlicht. Ist das Bayern der Revolution, die jetzt ihr 100. Jubiläum feiert, ein alter Sehnsuchtsort von Ihnen?

Well: Wir wollten die Gründer des Freistaats Bayern bekannter machen. Viele von denen sind ja für die Gründung dieses Freistaats, mit dem sich auch die CSU so gern schmückt, umgebracht worden. Besonders imponierend ist der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern, Kurt Eisner, der im öffentlichen Bewusstsein und im Schulunterricht kaum eine Rolle spielt.

ZEIT ONLINE: Eisner war Preuße, Sozialist, Jude, Feuilletonist und unfrisiert. Was fanden die Bayern an ihm?

Well: Er war glaubwürdig und hatte eine Haltung. Als überzeugter Pazifist agitierte er während des Ersten Weltkriegs gegen die Burgfriedenspolitik, zettelte Streiks in der Rüstungsindustrie an. Dafür landete er 1918 in Untersuchungshaft. Er war in den wesentlichen Dingen radikal, in den unwesentlichen ging er Kompromisse ein. Das hat sogar die Bauern überzeugt.

ZEIT ONLINE: "Der Witz ersetzt ihm fast immer das Pathos", schrieb Victor Klemperer damals über Eisner.

Well: Sein Witz ist beeindruckend, damals redeten ja viele Politiker aus dem Zentrum und der Sozialdemokratie in einem ähnlich pathetischen Ton wie später Hitler. Eisner hingegen hatte Selbstironie. Seine Prämisse für die Revolution war: kein Blutvergießen.