ZEIT ONLINE: Die Bayern waren in Deutschland nicht nur die Ersten, die am 7. November ihren Monarchen absetzten, es gelang ihnen auch ohne Tote …

Well: Und die Revolutionäre konnten sich hier, anders als in Berlin, sieben Monate lang in unterschiedlichen Konstellationen halten. Der Acht-Stunden-Tag wurde damals eingeführt, das Wahlrecht für Frauen, man versuchte Kirche und Staat zu trennen. Die Politik der Revolutionäre in Bayern war damals sehr fortschrittlich. Gustav Landauer wollte etwa die Oper für alle etablieren, den lehrerzentrierten Unterricht abschaffen. Es ist ungerecht, dass diese Figuren heute als Spinner und Träumer beschrieben werden. Die haben immerhin die Demokratie eingeführt, mit der es nach der Monarchie noch keine Erfahrung gab.

ZEIT ONLINE: Man kennt das Bild vom Lederhosen tragenden Schriftsteller Oskar Maria Graf, von all den vollbärtigen Politikern der Räterepublik. Welche Rolle spielten die Frauen in der Revolution?

Well: Keine unwichtige. Hier am Ammersee, in Riederau, gab es sogar eine Frauenräterepublik. Der päpstliche Nuntius und spätere Papst Pius der XII. berichtete voller Sorge nach Rom, dass sich unter den Anführern der Räte in München auch Frauen von wenig beruhigendem Aussehen befänden, eine von ihnen würde sogar rumkommandieren. Als dann im Frühjahr 1919 die ersten weißen Truppen, die sogenannten Freikorps, gegen die Räterepublik vorrückten, wurden sie in Dachau von den Arbeiterinnen der dortigen Fabriken gestoppt, abgewatscht und in Züge zurück nach Pfaffenhofen gesetzt.

ZEIT ONLINE: Woran scheiterte dann doch die Revolution?

Well: Zum einen war Eisner kein Wahlkämpfer. Er verlor mit der USPD die von der KPD und den Anarchisten boykottierten Wahlen im Januar 1919 krachend. Die Versorgungslage war nach dem 1. Weltkrieg katastrophal, die Erwartungen auf eine schnelle Besserung durch die Volksregierung waren nicht realistisch. Ein Großteil des Bürgertums hatte Angst vor Enteignung. Auf dem Weg zu seiner Rücktrittsrede im Landtag wurde Eisner im Februar von dem rechtsextremen Anton Graf von Arco erschossen. Am Trauerzug nahmen über 100.000 Menschen teil, es kam zu Unruhen, einem Generalstreik, schließlich wurde die Räterepublik ausgerufen. Anfang Mai rückten dann Regierungstruppen mit den Freikorps in München ein und verübten ein überaus blutiges Massaker. Vermeintliche Kommunisten wurden in den Kellern und Hinterhöfen von Giesing, Haidhausen und anderen Arbeitervierteln einfach liquidiert. Es gibt keine genauen Zahlen, aber einige Historiker schätzen die Zahl der Opfer auf bis zu 2.000.

ZEIT ONLINE: Gerade ist ein Film über den Widerstand gegen die Atomwiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in die Kinos gekommen. War Wackersdorf ein historischer Moment, an dem die revolutionären Traditionen Bayerns wieder aufflackerten?

Well: Der Widerstand kam aus der Mitte der Bevölkerung. Wir sind da oft aufgetreten, sogar bei dem großen Festival mit 100.000 Leuten. Vor unserem Auftritt hatten die Toten Hosen gespielt, wir begannen dann mit einem Landler. Der Großteil des Publikums war fassungslos. Die hielten das für CSU-Musik. Wie sie dann die Liedtexte hörten, fingen die 100.000 an zu jubeln. Das war eine unglaubliche Atmosphäre. Bei diesem Festival ist auch die Freundschaft zu den Toten Hosen entstanden, die damals noch Punk spielten statt kritischer Schlagermusik.

ZEIT ONLINE: Würden Sie Ihre Musik auch als kritischen Schlager bezeichnen?

Well: Bestimmt nicht. Uns graust es vor Bayern-Pop. Der hat mit der Vielfalt der Volksmusik überhaupt nichts zu tun. Volkstümliche Musik ist möglichst globalisiert und einfältig in Text und Melodie. Beim Schreiben der Liedtexte war es mir wurscht, ob diese mehrheitsfähig waren. Und unsere Mischung aus Witz und Schärfe ist auch bei den konservativen Zuhörern gut angekommen. Wir wollten nicht bloß das Publikum im Wiener Burgtheater erreichen, sondern auch die Leute im Bierzelt.

ZEIT ONLINE: Gerade werden in München die ganz großen Bierzelte abgebaut, es war Oktoberfest. Was halten sie von den Massen, die dort in Tracht hinpilgern?

Well: Mei, auch Hamburger kleiden sich gern in Lederhosen, das ist wie Fasching. Offenkundig ist die Suche nach Heimat, Identität und Ursprünglichkeit für viele ein großes Bedürfnis, auch wenn die Lederhose aus Plastik ist. Ich selbst war eher Trachtenverweigerer, habe sie mit einem militant konservativen Denken gleichgesetzt. Bei der Tracht war auch die Tracht Prügel nicht weit. Meine Kinder haben ein unverkrampftes Verhältnis dazu.