Die Berufung von Brett Kavanaugh zum Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten ist eine Katastrophe für die Institutionen der USA. Ein Armutszeugnis für das, was in Amerika in einer leicht kafkaesken Wendung "der Prozess" genannt wird – also jene technokratischen Prüfmechanismen, die gewisse Teile des politischen Systems, und insbesondere des Rechtssystems, vor reiner Machtpolitik schützen sollen. Die Sonderanhörungen von Christine Blasey Ford und Brett Kavanaugh, das bizarre Kreuzverhör vonseiten einer aus Arizona eingeflogenen "weiblichen Staatsanwältin" (wie sie aus nur allzu erfindlichen Gründen ständig apostrophiert wurde), die Überprüfung durch das FBI, die aber keine richtige Überprüfung war und deren Ergebnisse kaum jemand einsehen durfte: Alles hatte den Anschein institutioneller Pflichtschuld und Gewissenhaftigkeit. Aber tatsächlich war es nur der geregelte Ablauf systemischer Exerzitien. Das Ergebnis dieses Vorgangs hat womöglich nie in Zweifel gestanden.

Man kennt das alibihafte Mahlen dieser Getriebe in den USA nur zu gut. Wenn wieder mal ein weißer Polizist einen Schwarzen erschossen hat, spielen alle zwei Jahre lang Prozess, nur damit dann am Schluss eine Jury uneinig bleibt und der Cop unter dem Jubel seiner Fans das Gericht verlassen kann. Wenn wieder mal ein junger Mann der Vergewaltigung bezichtigt wird und eindeutige Beweise wie so oft kaum zu finden sind, wird so lange mit Definitionen und Wahrnehmungen gespielt, bis am Schluss ein Richter den jungen Mann zu sechs Monaten Hausarrest verurteilen kann. "Vertrau uns", sagt dieses Mahlwerk, "vertrau dem Prozess."

Mit der fast epiphanischen Wucht einer religiösen Vision hat Kavanaughs Berufung an den Obersten Gerichtshof einmal mehr deutlich gemacht, dass hinter den Tücken des Systems keine Schusseligkeit, kein Unvermögen, keine Unbilden der Bürokratie stecken, sondern Machtpolitik. Es ist so gewünscht. Alle hören genau hin, nicken, zeigen Empathie. Und dann läuft alles wie bisher: Die alte patriarchalische Trickkiste übertrumpft alle Beweismittel, alle Logik, alles Bauchgefühl. Dass die Anhörungen von Ford und Kavanaugh durchgeführt wurden, um die Wahrheit, die Legitimität des höchsten Gerichts im Lande und die Integrität des Prozesses selbst zu stärken, das glaubt nun wirklich keiner mehr.

Bis zu den Kongresswahlen in einem Monat kann noch viel passieren. Aber der Fall Kavanaugh scheint vor allem den Demokraten geschadet zu haben. Sie sind zwar immer noch Favoriten im Streit um das Repräsentantenhaus, aber eben nicht mehr uneinholbar. Und die Hoffnungen der Demokraten auf eine Übernahme des Senats sind verpufft. Trumps Beliebtheit ist laut FiveThirtyEight.com in den letzten Wochen leicht gestiegen – sie liegt immer noch bei ziemlich matten 42 Prozent, aber vor drei Wochen noch waren es 39 Prozent.

Nicht "trotzdem", sondern "weil"?

Seit Christine Blasey Ford und zwei weitere Frauen Brett Kavanaugh sexuelle Nötigung vorwarfen, stehen die Chancen für die Republikaner wieder besser, das Wahlvolk findet zurück zu einer Partei, die eben noch am Abgrund zu stehen schien. Das mag einem bekannt vorkommen: Vor fast genau zwei Jahren, im Endspurt des Präsidentschaftswahlkampfes, wurde der berüchtigte Mitschnitt publik, in dem Donald Trump zu Billy Bush sagte, er mache sich Frauen auch notfalls handgreiflich gefügig. Der Ausdruck "grab 'em by the pussy" wurde zum Politikum. Trump sei am Ende, hieß es. Und er gewann die Wahl trotzdem. Trotzdem?

Wenn die Vorwürfe gegen Brett Kavanaugh, wie der Trump-freundliche Radiomoderator Hugh Hewitt und der CNN-Kolumnist Chris Cillizza behaupten, den Republikanern tatsächlich helfen sollten, wäre 2018 die zweite Wahl in Folge, in der die republikanische Partei Stimmen gewinnt, während sie in einen Missbrauchsskandal verwickelt ist. Nicht obwohl. Ist es etwa möglich, dass die Republikaner gewinnen, weil ihnen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden?

Manche Wählerinnen und Wähler wenden sich jetzt gegen die Demokraten "wegen dem, was sie dem armen Brett Kavanaugh antun". Unter gewissen Wählergruppen besteht eine Art Sucht danach, ein Opfer zu sein. Dass man, selbst wenn man alles kontrolliert und alles gewinnt, trotzdem eigentlich ein armes Schwein ist – das ist das Herzstück weißer Identitätspolitik. Ebenso verbreitet ist die Vorstellung, jemand sei ein Opfer, selbst wenn er getan habe, was ihm vorgeworfen wird. Auch im Fall Kavanaugh ist das merkbar. Dieselben Stimmen, die in den Vorwürfen gegen ihn ein Komplott wittern, scheinen den Vorwürfen gegen ihn zu glauben. Am Schluss bekommt Brett Kavanaugh den Job, den er wollte, und der Teil des Landes, den er repräsentiert, wird ihn als armes Opfer im Gedächtnis behalten. Christine Blasey Ford blickt auf ihr ramponiertes Leben, wird weiterhin Todesdrohungen erhalten und von Trump in Tweet um Tweet als Täterin dargestellt werden.

Donald Trump hat schon jetzt dem einzigen demokratischen Senator, der für Kavanaugh stimmte, vorgeworfen, er habe sich aus den falschen Gründen hinter den Richter gestellt. Zwischen Sieg und Niederlage, zwischen Alliiertem und Feind kann und will weiße Identitätspolitik nicht mehr unterscheiden. Sie geilt sich auf an ihrer eigenen Allmacht und stilisiert sich gleichzeitig als ohnmächtig und schutzbedürftig. Wenn Nichtweiße Opfer von etwas werden, wird das stets als Strafe für etwas interpretiert, das sie sich selbst zuzuschreiben haben: Sie hätten nicht solche Hosen oder so ein Sweatshirt tragen sollen, nicht so laut reden oder so nuscheln. Wenn konservative Weiße bestraft werden, sehen die eigenen Leute sie als Opfer.