Der Empörungssturm in den sozialen Medien brach schon los, bevor Elternschule überhaupt in die Kinos kam: Ein Dokumentarfilm, der zeigt, wie die Kinder ratloser und überforderter Eltern – "wenn das hier nicht klappt, müssen wir sie in einem Heim unterbringen" – in einer Gelsenkirchener Kinder- und Jugendklinik dazu gebracht werden, zu schlafen, zu essen, zu kooperieren, nicht auszurasten. KritikerInnen fühlen sich beim Anblick weinender Mädchen und Jungen, die in hohen Gitterbetten in dunkle Zimmer geschoben werden, an Nazimethoden erinnert und rufen dazu auf, den Film zu verbieten.

Hella Dietz lebt in Berlin. Sie arbeitet als Soziologin und als Familientherapeutin. Beide Tätigkeiten eint das Interesse daran, wie Menschen ihre Welt und ihr Leben erzählen. Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Katrin Penschke

Auch nachdem Elternschule angelaufen ist, reißt die Kritik nicht ab. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster schreibt in seinem Blog: "Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die Schamlosigkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird." Seine Kritik zielt auch auf die mediale Rezeption des Films ab: Eine Kinorezension im Bayerischen Rundfunk habe die im Film gezeigten Methoden als "kraftvollen Blick auf die Suche nach einer guten Erziehung" gelobt. Renz-Polster findet: "Wir sollten uns schämen, dass dieser Film in unserer Gesellschaft nicht mehr Widerspruch bekommt."

Die Verantwortlichen der Gelsenkirchener Klinik wiederum fühlen sich missverstanden. Kurt-André Lion, Leitender Arzt der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik, betont: "Das Schlaftraining wird sorgsam vorbereitet, etwa mit Trennungsübungen über Tag und nach einer mehrtägigen Eingewöhnungszeit der Familie." Der Regisseur Ralf Bücheler entgegnet, viele Menschen glaubten, "Therapie müsse nur schön sein. Die Familien, die wir begleitet haben, sind aber in absoluten Notsituationen. Kein ambulantes Angebot konnte ihnen mehr helfen. Dann ist Therapie nicht mehr nur schön." In einem FAQ zu Elternschule auf der Website des Vertriebs Zorro Film wird außerdem betont, dass sich die gezeigten Methoden nur zum Teil auf den Erziehungsalltag übertragen lassen.

Da ich seit einiger Zeit auch selbst als Beraterin von Familien, Paaren und Organisationen arbeite, wollte ich es genauer wissen: Worum geht es in dem Film?  Zunächst einmal – hier haben die KritikerInnen ganz unstrittig Recht – beschränkt sich Elternschule nicht darauf, zu zeigen, wie Therapie in Notsituationen funktioniert. Die Schlussfolgerung der Süddeutschen Zeitung, dieser Film sei für jeden, der Kinder hat, ein Muss, nimmt im Grunde nur die Botschaft aus der Eingangssequenz des Films auf, in der der leitende Therapeut Dietmar Langer deutlich macht, dass er dieses Notfallprogramm für hilflose Eltern durchaus als Modell für gute Erziehung verstanden wissen will: "Ich muss nicht warten, bis ich mit dem Rücken zur Wand stehe, Theater gibt es sowieso. Also lieber gleich Grenzen setzen." Durch diesen Einstieg gelingt es den Filmemachern, die Ausnahmesituationen der dargestellten Familien als Probleme zu zeigen, die grundsätzlich in allen Familien vorkommen können – und jeden Anflug von Überheblichkeit bei den ZuschauerInnen im Keim zu ersticken.

Unverantwortlich ist es aber, nun so zu tun, als ließen sich auch die angewandten Methoden bruchlos auf den Alltag übertragen. Was in einer Kinderklinik im Rahmen einer Notfalltherapie unter bestimmten Umständen gerechtfertigt sein könnte, ist noch lange keine empfehlenswerte Erziehungsmethode für zu Hause. Es mag sein, dass BetreuerInnen bei einem Kind, das nichts mehr essen mag, irgendwann vor der Entscheidung stehen, es zum Essen zu zwingen oder es verhungern zu lassen. Es mag auch sein, dass es in einer Klinik angezeigt erscheinen mag, ein Kind hungern zu lassen, bis es von sich aus isst, was ihm vorgesetzt wird. Doch die Stimme aus dem Off, die immer wieder warnend auf die unerwünschten Folgen elterlicher Führung verweist, sagt weder etwas über die möglichen unerwünschten Folgen solcher Maßnahmen aus, noch gibt sie zu bedenken, dass weder Eltern noch ErzieherInnen in Kitas Kinder zum Essen zwingen oder hungern lassen sollten. Auch der Kinderarzt Renz-Polster betont: "Medikamente brauchen einen Beipackzettel. Umstrittene Behandlungsmethoden auch."

Den UnterzeichnerInnen der Petition, die den Film verbieten lassen will, geht es aber nicht nur darum, dass hier Notfalltherapie und Erziehungsmethode vermischt werden, sondern auch darum, dass überprüft werden müsse, ob "diese Art der Therapie überhaupt zulässig ist, denn sie nutzt psychische und physische Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen". Darauf zielen auch viele Kritiken in den sozialen Medien ab, die der Klinik vorwerfen, Kinder zu brechen und zu traumatisieren und gegen das in Paragraf 1631 Absatz 2 BGB verbürgte Recht auf gewaltfreie Erziehung zu verstoßen, nach dem "körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen" als unzulässig erklärt werden.

Die rechtliche Grundlage dieser Kritik ist jedoch nicht so eindeutig, wie einige KritikerInnen hoffen. Auch die am stärksten kritisierten Zwangsmaßnahmen des Schlaf- und Esstrainings scheinen sich immerhin weitgehend an den von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) veröffentlichten verhaltenstherapeutischen Leitlinien zu orientieren. Diese sehen bei Essstörungen im Falle fehlender Einsicht oder Einsichtsfähigkeit unter bestimmten Bedingungen Zwangsmaßnahmen vor, und die Leitlinie für nichtorganische Schlafstörungen für jüngere Kindern unter fünf Jahren empfiehlt "die Extinktion von unerwünschtem Verhalten wie Herausklettern aus dem Bett, Rufen nach den Eltern, Verlangen der elterlichen Anwesenheit zum Einschlafen."