Vor einiger Zeit produzierte die BBC eine etwas reißerische, aber informative Doku, die nachzeichnet, wie die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie zuerst in der Werbung und dann in der Politik eingesetzt wurden. Die uns heute so vertrauten Werbestrategien, die darauf abzielen, Lifestyles zu verkaufen, also Wünsche eines Soseins in die Welt zu setzen und zu nähren (man denke zum Beispiel an den Marlboro Man), werden dort zu ihrem Ursprung verfolgt, dem begnadeten Erfinder der Public Relations, Edward Bernays, einem Neffen Sigmund Freuds. Es wird aber auch erzählt, wie diese Strategien Eingang in die Politik fanden, die sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts von einer Arena, in der politische Interessen verhandelt wurden, in einen Raum verwandelte, in welchem dem Wahlvolk ein "Sein" statt eines "Habens" versprochen wurde. 

Bernadette Grubner arbeitet als Literaturwissenschaftlerin an der FU Berlin und denkt über Literatur, Psychoanalyse und Theorien der sexuellen Differenz nach. Aktuell forscht sie an der Yale University zur Begriffsgeschichte des Genießens. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Die PolitikerInnen begannen, Gefühle zu vermarkten und das eigentliche politische Geschäft – die konkreten Entscheidungen mit materiellen Auswirkungen – sozusagen nebenbei zu erledigen. Die Strategie ging voll auf, denn tatsächlich spielte die sogenannte Realpolitik für das Wahlverhalten eine immer geringere Rolle. Auch heute ist es ja augenfällig, wie wenig sich Personen in ihrer Wahl einer politischen Partei von rationalen Überlegungen, ja selbst von ihren materiellen Interessen leiten lassen. So konnte zum Beispiel die österreichische ÖVP-FPÖ-Regierung mit einer Steuerreform punkten, die nur einem sehr geringen Teil der FPÖ-WählerInnen nutzt. Viel wichtiger war, dass die Parteien das Gefühl vermittelten, sie seien auf der Seite der "kleinen", "normalen", "rechtschaffenen" Leute, was dann konkret heißt: der *weißen* KonsumentInnenschicht mit geringem oder mittlerem Einkommen.

Die Raumnahme einer gefühlszentrierten Politik – einer Politik, die primär die Empfindungen der WählerInnen adressiert (thematisiert, ernst nimmt, manipuliert und in diesem Sinne Entscheidungen trifft) – ermöglicht es in atemberaubendem Maße, globale Fragen, in denen es um Gesundheit und das Überleben geht, beiseitezustellen und Global Player aus Wirtschaft und Industrie ungehemmt agieren zu lassen. Das betrifft Themen der sozialen Gerechtigkeit bis hin zu der Frage, wie überhaupt produziert werden soll. Es betrifft wesentliche Fragen von Ökologie und Klimapolitik und die Geschlechterhierarchie dort, wo Reproduktion und materielle Teilhabe zur Debatte stehen.

Unterwerft euch und ihr werdet glücklich sein

In diesen Belangen fungiert eine Politik der Gefühle auf perfide Weise als Instrument der Befriedung: indem sie Genuss und Zufriedenheit in Aussicht stellt, die auf freiwilliger Unterwerfung basieren. Diese Dynamik hat längst alle politischen Lager erfasst. Man findet sie zum Beispiel auch in der sorgfältigen Rhetorik der Nichtdiskriminierung, die in manchen Teilen der USA üblich geworden ist. Ein Kindergarten, der etwas auf sich hält und viel auf seine kulturelle Vielfalt gibt, sorgt beispielsweise für "skin color awareness". Damit sind dann alle Beteiligten hochzufrieden. Dass Gebühren in Höhe Tausender Dollars, die Eltern bezahlen, um ihre Kinder in diese Einrichtungen zu schicken, nicht nur Geringverdienende, sondern aufgrund der Ethnisierung der sozialen Segregation auch People of Color strukturell ausschließen, gerät völlig aus dem Blick. Es ist einfach kein Thema.

Nun fordern viele emanzipatorische Bewegungen – von feministischen Strömungen über LGBTQ-Initiativen bis hin zu antirassistischen Gruppen – seit Längerem eine stärkere Rücksichtnahme auf Verletzbarkeit. Ihnen geht es um Anerkennung und Aufwertung kultureller Vielfalt und Differenzen. Sie setzen an bei einer sorgfältigen Sprache und Ausgleichsinstrumenten, die Schieflagen beseitigen, wie quotierten Redelisten oder der Reflexion der eigenen Privilegien.

Können diese Forderungen der Rücksichtnahme nicht problemlos mit "handfesten" politischen Forderungen koexistieren, sie flankieren und ergänzen oder sogar vorantreiben? Könnte eine Politik, die die Verletzungserfahrungen von marginalisierten oder unterdrückten Personen auszugleichen beziehungsweise zu verhindern sucht, diese nicht stärker und handlungsfähiger machen, sodass sie politisch schlagkräftiger agieren können? Um beim erwähnten Beispiel zu bleiben: Können color awareness und gelebter Multikulturalismus in einer amerikanischen Kita den Weg ebnen zur politischen Auseinandersetzung über die materielle Grundlage sozialer und ethnischer Segregation?