Hier ein bisschen Wahrheit: Es gibt immer noch Rassismus in diesem Land. Gras ist die langweiligste Droge, die es gibt, und sie ist nur bisschen interessant, weil sie illegal ist. Craftbeer-Kneipen sind die Bubbletea-Läden von heute und Symptom einer sinnentleerten Gesellschaft. Leonard Cohen hätte den Nobelpreis verdient, Bob Dylan nicht. Radfahrer sind nicht aggressiver als Autofahrer, man kriegt es nur besser mit, wenn sie fluchen. Minimalistische Wohnungen wirken immer auch etwas psychopathisch. Reich sein ist schön. Schön sein ist schöner.

Und noch etwas: Gegen das, was ich hier so wild behaupte, können Sie momentan herzlich wenig tun. Selbst, wenn ich Sie beleidigen würde, Sie mittelschöner Zeitungsleser (Ich bin nicht so gut im Beleidigen). Sie können mich unsympathisch finden, aber das ist mir wahrscheinlich relativ egal. Lesen Sie weiter. Bleiben Sie ruhig.

Was hier ärgerlich ist, ist immer noch gut zu verdauen. Schließlich ist es ja nur ein Meinungstext, der dem Kleinhirn einer Mittzwanzigerin entsprungen ist. Da kann man am besten einfach ein "Wieso wird die für solche Texte bezahlt?!!!!!!" daruntersetzen, und wenn man richtig gut drauf ist noch ein "Schülerzeitungsniveau", und dann ist die Welt eigentlich wieder in Ordnung.

Durchatmen.

Wie gesagt, bei Kolumnen geht das alles noch. Schlimmer ist es bei Nachrichtentexten.

Hetzjagden im Chemnitz.
Seehofer empfindet Abschiebungen als Geburtstagsgeschenk.
Trump trennt Kinder von ihren Eltern.
Jugendliche zünden Obdachlosen an.
Jugendliche zünden Obdachlosen an.
Jugendliche zünden Obdachlosen an.

Und weil man meist sehr allein ist mit sich und seiner Zeitung, ist man auch allein mit seiner Reaktion auf Nachrichten wie diese. Man kann kein Gegenüber "Bitte WAS?" fragen. Man kann die Jugendlichen nicht schütteln oder ins Gesicht schlagen. Man kann nicht spontan Nazis zu solidarischen, guten Menschen erziehen. Und selbst wenn die Nachricht so ungeheuerlich klingt wie die Äußerungen des "Heimatministers", kann man seltsamerweise nicht dafür sorgen, dass dieser sofort zurücktritt.

Meist ist das Einzige, das möglich scheint: ein Empfinden wütender Ohnmacht. Manchmal Entsetzen, was zumindest noch den Überraschungsfaktor einräumt. Richtig schlimm ist, wenn man nicht mal mehr entsetzt ist. Nur noch hilflos. Wenn alles, was bleibt, ein kleines Entsetzen darüber ist, dass man nicht mal mehr überrascht ist.

Hilft nur Abstumpfung?

Ohnmacht: Das Gefühl, den Zivilisationsverfall live zu streamen, ohne irgendwas tun zu können, schlimme Nachrichten zu konsumieren, während gleichzeitig die Familie im WhatsApp-Chat fragt, ob man denn nun zur Hochzeit der Cousine käme, während gleichzeitig vielleicht das Baby brüllt, Nudeln überkochen, ein Kontrolleur nach dem Fahrschein fragt, als spiele das noch irgendeine Rolle. Jugendliche zünden Obdachlosen. Anzünden Jugendliche Obdachlosen. Obdachlos, angezündet, Jugendliche. Wesenlose Worte, die weiter herumhämmern, während der Tag den üblichen Lauf nimmt.

Ist die einzige Antwort auf diese Ohnmacht eine allmähliche Abstumpfung? Empathie abtrainieren? Oder vielleicht Ignoranz? Einfach keine Nachrichten mehr lesen, "weil das einen eh nur runterzieht"?

Lesen Sie weiter. Was sollen Sie sonst tun? Was?

Mit Ohnmacht verhält es sich wie mit den meisten Empfindungen: Es ist ein Gefühl, und Gefühle sind sehr selbstbewusst, viel selbstbewusster als die Vernunft. "ICH WEISS ALLES SEHR GENAU, JETZT ZUM BEISPIEL WEISS ICH SEHR GENAU, DASS ALLES SEHR SCHLIMM WIRD UND DIE MENSCHEN SCHLECHT SIND HILFE HILFE", krakeelt die Ohnmacht.

Sie schlägt einem keine konkrete Handlungsanweisung vor, außer sich in der Decke einzurollen wie in einem Burrito und alles unerträglich zu finden. Dabei hilft das weder dem Obdachlosen, noch dem zerschlissenen Selbst, das sich ja trotzdem in einer solchen Welt zurechtfinden muss. Das Einzige, das tatsächlich hilft, ist Aushalten.

Und Aushalten muss nicht Ignoranz bedeuten. Es kann bedeuten, weiterhin betroffen zu sein, geschockt zu sein. Das Gefährliche an der Ohnmacht sind ihre Konsequenzen. Entweder, man empfindet sich irgendwann einfach nicht mehr als Teil des ganzen Systems, beschließt, dass die Welt eh schlecht ist, und entschuldigt damit jedes Zusehen. Oder aber man konfrontiert seine Ohnmacht und antwortet mit Aktionismus.

Nur das ist Mut

Das bedeutet nicht immer, sofort 15 Online-Petitionen zu unterschreiben, drei Mahnwachen zu organisieren oder sich an einen Baum zu ketten. Es geht auch um den Entschluss, nicht erfrieren zu wollen in einer erkalteten Gesellschaft, sondern stattdessen ein Nachbarschaftsfest zu organisieren. Was natürlich viel schwieriger ist, als ein Deckenburrito zu sein: Was, wenn keiner kommt? Oder noch schlimmer, was wenn jemand kommt? Was, wenn das alles nichts bringt? Wenn alles nichts bringt! Wenn alles gar nichts bringt! Lieber nicht.

Dabei ist das ein schwaches Argument. Empathie ist kein Kapital, das man möglichst sicher anlegen muss, damit es nicht verschwindet. Je öfter man hin- statt wegsieht, desto größer wird die Anzahl der Dinge, die man tatsächlich ändern kann. Nur wer sieht, dass ein Obdachloser friert, schenkt ihm eine Jacke, nur wer sieht, dass die Gesellschaft sich spaltet, kann für ein Miteinander einstehen. Wer der Ohnmacht recht gibt, tut damit eben nicht nichts, sondern lässt all das Schlechte bereitwillig an sich vorbeiziehen. Populisten etwa profitieren von Ohnmachtsempfindungen, AfD, Trump, das Übliche, jaja.

Das einzige, was gegen Ohnmacht hilft, sind unsexy Begriffe wie etwa: Verantwortungsbewusstsein. Für sich, für andere. Anstrengung. Nächstenliebe. Das Herz weit öffnen, auch wenn es dabei verletzt werden kann. Verletzt werden wird. Am Ende tut nämlich doch nichts mehr weh, als zugesehen zu haben. Und nur das ist Mut: Die Bereitschaft, zu leiden für etwas, an das man glaubt. Pathos, Pathos, ich weiß. Aber brennende Obdachlose. Hetzjagden, Hitlergrüße sind deutlich schlimmer als Pathos. Deckenburritos haben wahrscheinlich eine längere Lebenserwartung als Menschen, die kämpfen. Dabei ist die "Lebenserwartung" ja eigentlich nicht nur eine möglichst hohe Anzahl von Jahren, sondern ein Leben, dass die eigenen Erwartungen erfüllt. Und die sollte man nie klein halten.

Gleich können Sie aufhören zu lesen. Gleich.

Oder eben: Jetzt. Ganz, wie Sie wollen. Ich bleib einfach noch ein bisschen hier und trinke kein Craftbeer.

Frühere Kolumnen von Ronja von Rönne sind im Band "Heute ist leider schlecht" (S. Fischer, 2017) erschienen. Auf ZEIT ONLINE führt sie alle 14 Tage ihre Kolumne fort.