Stellen wir uns ein Brettspiel vor, dessen Regeln Verhandlungssache sind, dessen farblich verschiedene Steine sich zu wechselnden Konstellationen gruppieren lassen und dessen Züge mal kühl erwogen, mal heiß ersonnen werden; mal mit dem Kopf, mal mit dem Bauch. Auf diesem Brett haben drei Spieler ihre Steine so platziert, dass sich nichts mehr bewegt. Das sind Angela Merkel, Horst Seehofer und Andrea Nahles. Ihre Steinchen schieben alle drei nur noch deshalb lustlos herum, weil ein Neubeginn keine Besserung verspricht. An eine kleine Koalition ist nach kommenden Wahlen nicht zu denken. Ein erneuter Rechtsrutsch steht zu befürchten und Jamaika ist schon einmal geplatzt.

Es lohnt sich, daran zu erinnern, warum das schwarz-gelb-grüne Bündnis vergangenen Herbst scheiterte. Im Nachdenken über Jamaika lassen sich die Spielzüge entdecken, die heute wieder Bewegung ins Feld bringen, ja vielleicht sogar das ganze Spielfeld neu und smarter aufzustellen vermögen.

Gescheitert ist das Polit-Abenteuer 2017 hauptsächlich an den Differenzen in der Energiefrage. Die Grünen verlangten einen schnellen Kohleausstieg, um die Klimaschutzziele 2020 zu erreichen. Um acht bis zehn Gigawatt wollte die Partei die Leistung der Kohlekraftwerke drosseln, rund 20 von ihnen schließen. Merkel schlug einen Kompromiss vor, man könne schließlich "Jamaika nicht an ein paar Gigawatt scheitern lassen". Doch die FDP sah das anders. Im Namen einer "realistischen Energiepolitik", wie es später aus der Führungsriege heißen sollte, grätschten die Liberalen dazwischen. Das kann man verstehen. Denn es ging eben nicht nur um ein paar Gigawatt, wie Merkel meinte, sondern symbolisch um die Energiefrage als solche. Und die ist für jede Gesellschaft entscheidend.

An der Energiefrage entscheidet sich alles

Energie ist die Zentralressource komplexer Gesellschaften, ohne steigende Energie kein steigender Wohlstand. Seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hat billige und schier endlos verfügbare Energie aus Kohle, Öl und später der Atomspaltung den westlichen Gesellschaften einen weltgeschichtlich einmaligen Modernisierungsschub gegeben. Kann dieses System auf der Basis von regenerativen Energien weiterlaufen? Das ist die Frage aller Fragen – und die FDP hat sie bislang verneint.

Auch das ist verständlich. Als man in den Achtzigerjahren über regenerative Energien zu debattieren begann, waren Solarzellen und Windräder etwas für überdrehte Aussteiger, die auf abgelegenen Resthöfen ihr Transistorradio mit erneuerbaren Strom zu betreiben hofften. Noch in den Nullerjahren erschien die Vorstellung, eine komplexe, hochmoderne Wohlstandsgesellschaft über solare Energie in Fahrt zu halten, wie ein kruder Technotraum, so teuer und mager war die Energieausbeute selbst. Seither hat die Performance der Erneuerbaren aber rasant zugelegt. In vielen Regionen der Welt sind sie schon jetzt günstiger als fossile Energie. Auch die Speicherkapazitäten entwickeln sich in Quantensprüngen. Kurz: Die einstige Utopie der ökologischen Modernisierung ist zur gestaltbaren Wirklichkeit geworden. Doch bislang hat noch keine Partei aus dieser Tatsache politisch-strategische Konsequenzen gezogen.

Die Liberalen könnten unter Christian Lindner damit beginnen. Sie müssten nur erkennen, dass die von den Grünen initiierte ökologische Modernisierung sich inzwischen von ihrer moralischen und lebensweltlichen Begründung gelöst und zum technischen Selbstläufer entwickelt hat. Als gerade anspringender Arbeitsplatzgenerator, der neue, von Jahr zu Jahr stärker nachgefragte Wirtschaftspotenziale erschließt, passt die ökologische Modernisierung perfekt zum liberalen Mantra von Fortschritt, Freiheit und Innovation. Cool rüberkommen kann man mit ihr auch. Die libertären Posterboys des Silicon Valley, von denen Teslas Elon Musk nur der bekannteste ist, machen längst vor, dass green tech eine formidable Disruption darstellen kann. Die fossilen Energieträger Kohle, Gas und Öl gehören nicht nur der ökologischen Vergangenheit an. Häufig werden sie auch von Staaten wie Russland, Katar oder Aserbaidschan geliefert, die für das Gegenteil liberaler Werte stehen.

Den Carbon-Chauvinismus überwinden

Auch aus streng ökonomischen Gründen passt der Klimaschutz ins FPD-Profil. Denn je mehr Zeit wir heute bei der Bekämpfung der Erderwärmung verlieren, desto stärker werden wir in Zukunft zum Handeln gezwungen sein. Wir verlagern die Kosten auf später und steigern sie dadurch nur. Ein solcher Zwang und ein solch schlechtes Geschäft ist mit dem liberalen Gedanken unvereinbar. Eigentlich müsste es in der DNA der Liberalen, dieser versierten Betriebswirte liegen, dass sie den Carbon-Chauvinismus hinter sich lassen und stattdessen auf Wind, Sonne und Energieeffizienz setzen. Sie könnten Deutschland global als grünen Innovationsvorreiter positionieren. 

Warum tut die FDP sich mit diesem Schritt so schwer? 

Weil dort, wo die Liberalen hin müssten, schon die verhassten Grünen sitzen. Die FDP müsste sich eingestehen, dass sie heute Technologien favorisiert, die im vergangenen Jahrhundert von Waldschraten erdacht wurden. Aus Angst vor diesem Eingeständnis zieht die Partei es vor, als energiepolitischer Hinterwäldler dazustehen. Wie die Bayern-Wahl zeigt, bei der massenhaft Wähler aus dem konservativen Lager nicht etwa zur FDP, sondern zu den moderner wirkenden Grünen übergelaufen sind, wird diese Position sich immer schwerer halten lassen.