Camille Froidevaux-Metterie ist Professorin für Politikwissenschaft und Gleichberechtigungsbeauftragte an der Universität Reims Champagne-Ardenne. Seit einigen Jahren befasst sie sich mit dem weiblichen Körper und mit weiblicher Körpererfahrung. In ihrem Buch "La révolution du féminin" ("Die Revolution des Weiblichen", 2015) und dem eben erschienenen Essay "Le corps des femmes, la bataille de l’intime" ("Der Körper der Frauen, die intime Schlacht") entwirft sie eine, wie sie sagt, "weibliche Phänomenologie". Im Rahmen unseres Schwerpunkts #MeToo – Ein Jahr danach haben wir mit ihr gesprochen.

ZEIT ONLINE: Frau Froidevaux-Metterie, in Ihrem letzten Buch sprechen Sie von einer genitalen Wende im Feminismus. Was meinen Sie damit?

Camille Froidevaux-Metterie: Es geht mir in meinen Büchern darum, die weibliche Phänomenologie oder die Idee eines leiblichen Feminismus zu erläutern. Welche Bedeutung hat der Körper für Frauen in den verschiedenen Lebensphasen, die gleichzeitig körperliche, existenzielle und gesellschaftliche Dimensionen haben? Ich schlage einen neuen Interpretationsrahmen der weiblichen conditio humana vor.

ZEIT ONLINE: Was genau meinen Sie damit?

Froidevaux-Metterie: Die bisherigen philosophischen Prismen sagen nicht viel über das heutige Leben der Frauen aus. Die eine Seite, der Universalismus und die Dekonstruktion, erklärt die Unterscheidung zwischen Mann und Frau für obsolet. Die andere, der Differenzialismus und der Essenzialismus, behauptet, dass Frauen aufgrund ihrer Biologie selbstverständlich bestimmte Charakterzüge oder Verhaltensweisen zeigen würden. Der Körper der Frauen wird entweder als Entfremdung betrachtet oder die Frauen werden auf ihren Körper reduziert. Der phänomenologische Feminismus bringt ein zusätzliches Prisma: die Idee, dass der weibliche Körper auch der Träger einer Emanzipation sein kann.

Camille Froidevaux-Metterie wurde 1968 geboren und unterrichtet heute an der Universität in Reims. © Catherine Hélie/Gallimard

ZEIT ONLINE: Geht es Ihnen nicht einfach auch darum, die Frauen als mündige Menschen wahrzunehmen, die in der Lage sind, ihre Freiheit selbst auszuüben?

Froidevaux-Metterie: Ja. Was ich dabei aber ernst nehme, ist die Frage des Körpers. Mit dem Körper hat meine Verwunderung angefangen. Ursprünglich habe ich über Politik und Religion geforscht. Eine leibliche Erfahrung hat mich dann dazu gebracht, mein Forschungsspektrum zu ändern. Ich bekam meine erste Stelle an der Universität, als ich mit meinem ersten Kind schwanger war. Innerhalb von wenigen Monaten machte ich zwei wesentliche Erfahrungen: mein erstes Kind, meine erste Stelle. Alle um mich fanden das fantastisch.

ZEIT ONLINE: Sie nicht?

Froidevaux-Metterie: Ich fand es sehr kompliziert, beides gleichzeitig zu erleben. Ich habe mich dann gefragt, was meine Kollegen – Philosophen, Soziologen, Politologen – zu diesen Erfahrungen zu sagen haben, und entdeckte die Gender Studies. Über Mutterschaft fand ich dort allerdings nichts, oder: Ich fand nur eine Beschreibung von Mutterschaft als Entfremdung. Das entsprach nicht dem, was ich selbst erlebte. Es erschien mir sehr merkwürdig, dass dieses zentrale Element so sehr entwertet wurde.

ZEIT ONLINE: Ihr Ansatz kam bei vielen Feministinnen nicht so gut an.

Froidevaux-Metterie: Als La révolution du féminin 2015 in Frankreich veröffentlicht wurde, musste ich mich ständig gegen den Vorwurf wehren, eine Differenzialistin oder sogar eine Antifeministin und Reaktionäre zu sein. Ironischerweise sagen heute nach Harvey Weinstein dieselben Leute, die mich damals kritisierten, dass das 21. Jahrhundert das Jahrhundert des Frauenkörpers sein wird. Im Feminismus setzt sich inzwischen die Erkenntnis durch, dass man Themen, die im Leben der Frauen zentral sind, zu wenig bedacht hat.

ZEIT ONLINE: Welche Themen zum Beispiel?

Froidevaux-Metterie: Zum Beispiel die Menstruation. Ganz plötzlich ist sie zu einem Debattenthema geworden. Es wurde darüber gestritten, ob die Mehrwertsteuer für Binden und Tampons gesenkt werden muss [Anm. d. Red.: 2016 wurde der Steuersatz in Frankreich von 20 auf 5,5 Prozent gesenkt]. Vor Kurzem bin ich gefragt worden, was ich von der Idee eines Menstruationsurlaubs halte. Nach meinem Empfinden hat die genitale Wende, von der ich spreche, ungefähr 2014 oder 2015 angefangen. Die junge Generation fühlt sich freier, über solche Themen zu sprechen.