Ich fand Hexen immer faszinierend. Obwohl die meisten Märchen sie mit furchtbaren Charakter- und Gesichtszügen schildern, stellten sie für mich, anders als die Jungfrau, die Prostituierte oder die Mutter, einen weiblichen Archetyp mit nennenswertem Machtfaktor dar. Vielleicht deswegen schenkte ich meiner Tochter ziemlich früh ein Hexenkostüm. Nur traute ich mich bisher nie, das Wort Hexe als positive Bezeichnung zu verwenden. Eine Hexe zu sein ist ja im üblichen Sprachgebrauch eine Beschimpfung. Man denke nur an die Hexen-Beschimpfungen, denen Hillary Clinton während des Wahlkampfes 2016 ausgesetzt war.

Seit letztem Herbst taucht diese Figur immer wieder in den französischen Medien auf: Im September 2017 demonstrierten einige Dutzend Frauen in schwarzen Gewänden mit spitzen dunklen Hüten und der Parole "Macron in den Kochtopf" gegen die Reform des Arbeitsrechts; die Tageszeitung Le Monde titelte daraufhin "Die große Rückkehr der Hexen". Die Gruppe, die sich selbst als Witch Bloc Paname bezeichnet (paname steht auf Französisch umgangssprachlich für Paris), erklärte, dass sie "militant und feministisch" sei und "für Aufruhr sorgen" wolle. In den folgenden Monaten gründeten sich weitere Gruppen in ganz Frankreich, die man immer wieder in Hexenkostümen demonstrieren sah. Die Pariser Gruppe zählt inzwischen mehr als 4.000 Follower auf Facebook.

Cécile Calla,1977 geboren, war Korrespondentin der französischen Tageszeitung "Le Monde "und Chefredakteurin des deutsch-französischen Magazins "ParisBerlin". Sie hat das Blog "Medusablätter" über Frauen und Feminismus gegründet. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © privat

Solche Witch-Gruppen hatten sich bereits in den Sechzigerjahren in den USA gegründet und damit die Figur der Hexe rehabilitiert – als Symbol der freien Frau im feministischen Milieu. Auch in Frankreich war bereits zwischen 1975 und 1982 eine Zeitschrift mit dem Titel Sorcières (Hexen) erschienen, an der unter anderem Hélène Cixous, Marguerite Duras, Luce Irigaray oder Julia Kristeva mitgewirkt hatten. Die Figur der Hexe wird jedoch erst in jüngster Zeit verstärkt aufgegriffen: Seit 2015 veröffentlicht der französische Buchverlag Cambourakis eine Reihe von feministischen Dokumenten unter dem Namen Sorcières, und seit 2016 erscheint halbjährlich das elegante englischsprachige Sabat Magazine, eine Zeitschrift über Feminismus und Magie.

Zu dieser Welle passt der vor Kurzem veröffentlichte Essay Sorcières, la puissance invaincue des femmes ("Hexen, die unbesiegte Macht der Frauen") der französisch-schweizerischen Autorin Mona Chollet, in dem sie die vielfältigen Spuren untersucht, die die Hexenverfolgung in unserer Gesellschaft hinterlassen hat.

Die Hexenverfolgung begann mit der Neuzeit und erreichte ihren Höhepunkt im 16. und 17. Jahrhundert, einer Epoche, in der die Wissenschaft anfing, die Welt neu zu ordnen. Den geistigen Weg ebneten unzählige misogyne Schriften, die Ende des Mittelalters verfasst wurden. Die Hexenjagd traf vor allem Frauen, die nicht den Normen entsprachen: Witwen, ältere Frauen, Frauen mit einer ungezügelten Sexualität oder solche mit einem starken Charakter. Oft waren es Heilerinnen oder Hebammen, die, wie die feministischen Historikerinnen Silvia Federici, Barbara Ehrenreich oder Deidre English gezeigt haben, wertvolles Wissen über Pflanzen und Heilmethoden besaßen und für die damaligen Mediziner und Wissenschaftler daher als Konkurrenz galten. In derselben Zeit wurde die Verhütung und Abtreibung kriminalisiert.

Wie viele Frauen, oft unter Folter, starben, ist umstritten. Historiker sprechen von 200.000 Prozessen wegen Hexerei und von 50.000 bis 100.000 weiblichen Opfern. Etwa 80 Prozent der Angeklagten waren Frauen, Mona Chollet spricht daher von einem "Krieg gegen Frauen". Interessanterweise waren die Verfolgungen besonders in Deutschland und in der Schweiz ausgeprägt, vor allem in katholischen Gebieten wie Köln oder Trier, die an der Grenze zu protestantischen Regionen lagen. Das 1487 veröffentlichte Buch Malleus Maleficarum, auf deutsch Hexenhammer, definiert, was eine Hexe kennzeichnet, beschreibt deren magische Praktiken und detailliert die Regeln für Hexenprozesse, unter anderem wie die Folter einzusetzen sei. Das Buch legitimierte die Hexenverfolgung, es wurde in ganz Europa gelesen und erreichte bis ins 17. Jahrhundert mehr als 15 Auflagen mit insgesamt 30.000 Exemplaren.