Angesichts ihrer gemeinsamen afrikanischen Abstammung sind alle Menschen als natürlich miteinander verwandt zu begreifen. Die aktuellste paläontologisch-biologische Forschung beweist es. Selbst von Prähominiden finden sich noch Spuren in unserer DNS, vom Neandertaler immerhin circa 1,8 bis 2,6 Prozent.

Für Rechte ist offenbar schon dieses Wenige eine unannehmbare Vorstellung. Sie wollen als Identitäre ganz unter sich bleiben, und das heißt: mit Fremden nichts gemeinsam haben, mag es mit der biologischen Verwandtschaft aller Menschen stehen, wie es wolle. Dass jedermann auch sich selbst fremd ist, hat sich bei ihnen offenbar noch nicht herumgesprochen. Nichts oder doch nur so wenig wollen Identitäre mit Anderen gemeinsam haben, dass sie sie im Grunde nichts angehen müssen. Mit Stacheldraht bewehrte und scharf bewachte Grenzen wie diejenigen im Süden Ungarns sind nur der sichtbarste Ausdruck dieser Mentalität, die längst jeden von uns bedroht. Denn ganz "unter sich" bleiben zu wollen, heißt in letzter Konsequenz, keinen Anderen mehr hereinlassen zu wollen und sich in einer erstickenden, gewaltträchtigen Ho­mo­genität einzuschließen. Dass in diesem Sinne das sogenannte Abendland ausgerechnet von mehrfach wegen Einbruchdiebstahl, Volksverhetzung, Handel mit Drogen und Körperverletzung vorbestraften "patriotischen" Subjekten wie dem Anführer der sogenannten Pegida "verteidigt" werden soll, müsste eigentlich allen zu denken geben, die in dieser Bewegung ihre viel zitierten "Ängste" ernst genommen sehen.

Gegen eine Aufkündigung jeglicher universalen menschlichen Verwandtschaft und Ge­meinsamkeit durch diejenigen, die "unter sich" bleiben wollen, ist immer wieder das Recht aufgeboten worden, das allen Menschen zukommen soll, ganz gleich, wie fremd sie einander sind. In jüngster Zeit hat in diesem Sinne anti-identitäres Denken unter Berufung auf eine angeblich universale Gastfreundschaft eine bemerkenswerte Wendung genommen.

Niemals werden alle Menschen Freunde

Während diese Art der Freundschaft in der Regel mit lokalen und in fremden Ländern hochgelobten Sitten in Verbindung gebracht wird, die es gebieten, Fremde freundlich zu empfangen, zu bewirten und zu beherbergen, wollen der Philosoph Étienne Balibar und viele andere die Gastfreundschaft auf ein strenges Recht gegründet sehen, welches jedem unbedingt zustehen soll. Dabei wird auf den Artikel 6 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verwiesen, der die Rechtsfähigkeit jedes Menschen und seinen Anspruch auf Anerkennung als Rechtsperson verbürgt. Dieses Recht ist nicht an die Staatsangehörigkeit oder andere Kriterien wie die Zugehörigkeit zu einer Ethnie, einem Volk oder einem Staat gebunden, obgleich es staatlicherseits garantiert werden muss. Kurz gesagt attestiert es jedem Menschen das Recht, als Rechtssubjekt behandelt zu werden, beziehungsweise das "Recht auf Rechte", wie es Hannah Arendt genannt hat. Kann auch dieses Recht wiederum auf einem Recht beruhen? Droht hier nicht ein unendlicher Regress, in dem jedes Recht wiederum nach einer rechtlichen Begründung verlangte?

Die Freunde des universalen Rechts auf Gastfreundschaft irritiert diese Frage offenbar nicht. Und sie bestehen darauf, dass sich dieses Recht nicht in einer formellen juridischen Gemeinsamkeit aller Menschen erschöpft, sondern höchst Konkretes gebietet: eine besondere Art der Freundschaft nämlich. Und zwar jedermann gegenüber. Nur auf diesem Wege glauben sie, dem Schrecklichsten entgegenwirken zu können, das darin liegt, absolute Entrechtung in ungastlichem "nacktem Leben" erfahren zu müssen. Wohin das führen kann, hat Giorgio Agamben mit Blick auf den Nationalsozialismus deutlich gemacht. Aber bürdet man so nicht dem Recht etwas auf, was es tatsächlich niemals leisten kann?

Niemals werden alle Menschen Brüder, Schwestern oder Freunde werden. Denn es liegt im Sinn wirklicher Freundschaft, nur wenigen Anderen aus freien Stücken entgegengebracht und erwidert zu werden. Sie ist niemals zu verordnen und einseitig zur Pflicht zu machen. Die Rhetorik sozialistischer "Völkerfreundschaft" zeigt, wohin es führt, wenn man das nicht sieht: in den politischen Kitsch nämlich. Kein Recht der Welt kann einen Anspruch auf Freundschaft begründen beziehungsweise zur Freundschaft verpflichten.