In meinem Buch-Club war in der vergangenen Woche Das weibliche Prinzip dran. Das ist das neue Werk von der New Yorker Autorin Meg Wolitzer. Man darf sich das also so vorstellen: Zehn Frauen aus der Nachbarschaft sitzen in meinem oder in den Wohnzimmern der anderen in Berlin-Pankow bei Wein und Salzstangen und sprechen über das Gelesene. "Um ehrlich zu sein, ich habe kein Wort verstanden", platzte es plötzlich aus einer heraus. "Ich habe eine Menge gegoogelt", sagte eine andere, bereit, die Königsmörderin zu stützen. "Danke", erwiderte die nächste, "endlich sagt es mal einer". "Mir ist das auch zu hoch", erklärte ich. Eine der Nachbarinnen klopfte mir auf die Schulter: "Du bist ja auch zu dumm für den Feminismus." Alle lachten. Ich auch.

Es war der Abend, an dem mir auffiel, dass wir uns zwar amüsierten, es aber eigentlich gar nichts zum Lachen gab, der Moment, in dem mir bewusst wurde, wie weit sich der feministische Diskurs von seinen so dringend benötigten Verteidigerinnen entfernt hat – nämlich von Millionen ganz gewöhnlicher Frauen wie uns.

Caroline Rosales, geboren 1982 in Bonn, arbeitet als Redakteurin der FUNKE Mediengruppe. Zudem ist sie Buchautorin. Im Jahr 2012 gründete sie den Blog Stadtlandmama.de, der bis heute zu den größten Elternblogs in Deutschland zählt. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin und ist Gastautorin von "10 nach 8". © Aram Pirmoradi

Denn die ewigen Diskussionen machen mich mürbe. Immer ist irgendetwas falsch verstanden worden und oft nehmen wir selbst Feministinnen und ihre Thesen nicht nur bis zum Erbsenzählen, sondern bis zur Kernspaltung auseinander.

Die Auseinandersetzungen über Frauenrechte seien schmerzhaft – aber nicht so schmerzhaft, wie die Art und Weise, in der sie kommentiert würden, schreibt Hannah Beitzer in der Süddeutschen Zeitung. Zickenkrieg, Spaltung, der Feministin schlimmster Feind sei die andere Feministin. Hannah Lühmann stimmt ihr zu. Schon vor Jahren schrieb sie bei ZEIT ONLINE: "Der zeitgenössische Feminismus, wie er derzeit als Diskursgespenst durch die unglaublich angestrengten und anstrengenden Auseinandersetzungen zwischen feministischen und weniger feministischen oder 'feminismuskritischen' (was genau ist das eigentlich?) Autoren und Autorinnen wabert, ist leider eine solche weitgehend unlustige Bewegung."

Hier zum Luftholen ein paar Beispiele zum Thema aus meinem Leben:

Falsch gemacht, Nummer eins: Ich schaue mit meiner fünfjährigen Tochter den Film Das Schlumpfdorf an. Und wer dank der schnellen Szenenwechsel und schrillen Bilder nicht irgendwann hyperventiliert, lernt: "Eine Schlumpfine kann alles sein." Meine Tochter ist begeistert. Meine Bekannte (Yogalehrerin, vierfache Mutter) nicht. "Ja, wie kannst du deinem Kind diesen Popfeminismus antun – und sowieso FERNSEHEN", echauffierte sie sich.

Falsch gemacht, Nummer zwei: Ich schreibe einen Artikel für das Magazin Emma. Alice Schwarzer, die große Frauenrechtlerin, kenne ich aus meiner Kindheit. Für meinen Vater war sie die Frau, die wie alle "Emanzen" in lila Latzhosen herumlief, Tee trank und zu viel redete. Doch ich fand schon als Kind: Nee, sie hat einen Punkt. Als der Text erscheint, schütteln Kollegen den Kopf: "Ja, ob du dir da mal ideologisch die richtige Seite ausgesucht hast."

Falsch gemacht, Nummer drei: Ich unterstütze meine Freundin Hanna Lakomy in ihrem Beruf als Escort-Lady. "Du bist mutig, du legst dich mit den Abolitionistinnen an", sagte sie, "also den radikalen Gegnerinnen der Prostitution". Abolitionismus? Ich musste wieder googeln. Der digitale Shitstorm ließ übrigens nicht lange auf sich warten, nachdem ich meinen Text über sie veröffentlicht hatte – es folgten Beleidigungen und sogar Gewaltandrohungen. Dabei war der Vorwurf, ich sei eine Schande für den Feminismus, noch einer der harmloseren Kommentare auf meinen privaten Accounts. 

Wenn es um Feminismus geht, so erscheint es mir als Frau, haben die Deutungshoheit immer die anderen – und nie bin ich gut genug. Ich muss damit rechnen, auf offenem Feld zerpflückt und bloßgestellt zu werden. Und diese Reaktionen gleichen den problematischen Argumentationsmustern, die häufig in politisch-ideologischen Diskursen auftauchen: Nicht die Ideologie ist falsch, sondern der Mensch, der sie falsch umsetzt. Ähnlich wurde in der Vergangenheit etwa das Scheitern des Sozialismus kommentiert.

Das Geschriebene bleibt derweil in der Regel für die gemeine Feminismus-Aspirantin oft bleiern und theoretisch. So plädiert die Autorin Svenja Flaßpöhler für eine neue Weiblichkeit. Erst wenn Frauen sich selbst und ihre Lust als potente Größe begriffen, könnten sie sich aus der Opferrolle befreien. "Wir wissen über Sex eigentlich nicht mehr als unsere Eltern", schreibt die junge britische Feministin Laurie Penny. Es ist noch ärger, antwortet daraufhin Alice Schwarzer. Es wird debattiert. Über weibliches Begehren, über die neue Generation der "zarten Männer" im Gegensatz zum abgewählten Mansplaining Man.

Doch wenn die Argumente zu verschachtelt sind und von -ismen und Fremdwörtern dominiert, verliert die ganze Diskussion an Substanz. Niemand hat Lust, über zwischenmenschliche Themen zu debattieren, wenn er dafür Genderforschung studiert haben muss. Bis heute sträuben sich mir beim Lesen feministischer Pamphlete, Abhandlungen und Artikel alle Haare. Lese ich von Männern, die sich "an der Reproduktionsarbeit beteiligen" oder Frauen, die der "Sanktionslogik von traditionalistischen Männern unterworfen" sind, steige ich aus. Und – machen wir uns nichts vor – viele andere ebenfalls.