Am Hambacher Forst wurde am Samstag die Hambachbahn blockiert, seitdem können keine Braunkohletransporte mehr vom Hambacher Tagebau in die dortigen Kraftwerke von RWE gebracht werden. Nachdem ein Großteil der Aktivistinnen und Aktivisten am Sonntagmorgen die Gleisblockade verließ, begann die Polizei mit der Räumung der Blockade. Einige Kohlegegner haben sich an die Gleise der Hambacher Kohlebahn gekettet. Kathrin Henneberger, 31, ist Pressesprecherin von Ende Gelände, dem Bündnis für den Kohleausstieg.

ZEIT ONLINE:
Frau Henneberger, gestern überquerten Hunderte Aktivistinnen und Aktivisten in weißen Schutzanzügen die A4 bei Kerpen, noch heute früh blockierten mehr als tausend Personen eine Bahnstrecke zwischen dem Hambacher Tagebau und den Kohlekraftwerken von RWE. Wozu dient diese Verschärfung ihres Protests?

Kathrin Henneberger: Zuerst ist wichtig, dass die Autobahn sowieso von der Polizei gesperrt war – warum genau, wussten wir nicht, aber als wir in den Medien davon erfuhren, haben wir uns entschieden, diese Abkürzung zu nehmen. Wir würden niemals über eine befahrene Autobahn gehen, das ist uns viel zu gefährlich. Unser Ziel war von Anfang an, die Hambacher Kohlebahn zu blockieren.

ZEIT ONLINE: Inzwischen räumt die Polizei die Blockade.

Henneberger: Wir haben unser Ziel erreicht und die Hambachbahn fast 24 Stunden lang blockiert. Heute Morgen haben wir uns gemeinschaftlich entschieden, in unser Protestcamp zurückzukehren. Schätzungsweise 1.500 Aktivistinnen und Aktivisten sind jetzt auf dem Weg, einige sind aber dort geblieben. Wir hatten 40 Lock-ons dabei, Röhren, mit denen man sich an die Gleise ketten kann. Einige Personen haben sich angekettet.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Situation an den Gleisen jetzt?

Henneberger: Was genau gerade passiert, kann ich nicht sagen. Wenn die Polizei die Blockade vollständig räumen will, muss sie die Angeketteten losschweißen. Bis kurz nach elf waren wir dort noch alle zusammen, haben uns gegenseitig gewärmt, unsere Lieder gesungen und getanzt. Viele von uns hatten Lebensrettungsdecken dabei, es war ein goldenes Glitzermeer von AktivistInnen. Aber nach anderthalb Tagen auf den Beinen, nach den Wasserwerfern der Polizei und der Kälte der Nacht waren viele von uns sehr erschöpft.

ZEIT ONLINE: Wie kam es dazu, dass Sie die Blockade teilweise geräumt haben?

Henneberger: Die Polizei hatte uns umzingelt und rief alle 15 Minuten, dass wir jederzeit gehen dürften. Vorhin hat die Mehrheit von uns beschlossen, dass die Blockadeaktion erfolgreich beendet werden kann. Aber der Protest geht natürlich weiter.

ZEIT ONLINE: Sie bezeichnen ihre Aktionen als zivilen Ungehorsam. Wo endet der und wo beginnen Straftaten? Der RWE-Vorstand spricht davon, dass er Hassbotschaften und Drohungen erhält, dass im Forst RWE-Mitarbeiter angegriffen und verletzt wurden.

Henneberger: Ziviler Ungehorsam heißt für uns, dass wir bewusst Hausfriedensbruch begehen und auf das RWE-Gelände gehen, um zu zeigen, wie dringlich die Klimakrise ist. Wir wollen deutlich machen, dass wir ein Weiter-so nicht akzeptieren können. Die Erde hat sich durch die Verbrennung fossiler Energieträger schon um ein Grad erwärmt. Dem Weltklimarat IPCC zufolge muss die Menschheit in den nächsten 13 Jahren den Ausstoß von Treibhausgasen um die Hälfte reduzieren. Für Deutschland als CO2-Verursacher bedeutet das: Wir müssen jetzt raus aus der Kohle. Deswegen haben wir hier die Gleise blockiert. Und zum Thema Hassbotschaften kann ich sagen, dass wir Klimaschützerinnen und Klimaschützer die natürlich auch bekommen. Gestern zum Beispiel haben mich immer wieder Männer mit unterdrückter Nummern angerufen und mir Gewalt angedroht.

ZEIT ONLINE: Gab es in den vergangenen Wochen Situationen, wo Sie sagen würden: Hier hat die eine oder die andere Seite das Maß überschritten?

Henneberger: Alle Aktivistinnen und Aktivisten von Ende Gelände haben unserem Aktionskonsens zugestimmt. Der sagt ganz klar: Von uns geht keine Eskalation aus. Wir machen zivilen Ungehorsam, wir machen Blockaden, aber keine Eskalation.

ZEIT ONLINE: Die Gleisblockade und nun das Anketten auf den Gleisen könnte man in der derzeitigen Situation aber doch als Eskalation bezeichnen, oder?

Henneberger: Nein. Damit unterstreichen wir nur, wie dringlich die Lage ist.

ZEIT ONLINE: Wie verhält sich Ihrer Einschätzung nach die andere Seite? Die Polizei, RWE, die Pro-Kohle-Fraktion?

Henneberger: Da muss man unterscheiden. Zum einen gibt es die nordrhein-westfälische Landesregierung und den Innenminister Herbert Reul, der die Befehle anordnet, zum anderen die Beamten unten, die sie ausführen müssen. Die Landesregierung versucht, mit sehr viel Druck und Gewalt uns AktivistInnen die Lage schwer zu machen. Bei vergleichbaren Blockaden ist es zum Beispiel seit Jahrzehnten Konsens, dass AktivistInnen mit Essen und warmen Getränken versorgt werden können. Das hat die Polizei gestern Nacht unterbunden. Die Polizei agiert sehr hart und lässt uns keinen Spielraum.