ZEIT ONLINE: Würden Sie das Verweigern von warmem Tee schon als "Gewalt" bezeichnen?
Henneberger: Ein anderes Beispiel: Gestern haben berittene Polizeibeamte versucht, unsere Gruppe abzudrängen. Polizeipferde in eine Gruppe von 1.000 Menschen hineinzulenken, ist extrem gefährlich. Die Pferde bekamen Panik und haben gescheut. Es gab zum Glück keine Verletzte, aber es war eine extreme, inakzeptable, für uns alle sehr gefährliche Situation. Das meine ich mit Gewalt. Die Räumungen im Forst sind zum Glück vorläufig gestoppt, aber auch die waren sehr gefährlich und wurden mit extremem Druck durchgeführt. Das setzte die Menschen, die dort geräumt wurden, auch seelisch unter großen Stress.
ZEIT ONLINE: Aber die Polizisten setzen damit auch die Rechtslage durch.
Henneberger: Dann sage ich, da kann etwas mit der Rechtslage nicht stimmen, wenn man alten Wald abholzen muss, nur um weiter Braunkohle zu verfeuern. Hinter den Räumungen steckte auch der politische Wille, so schnell wie möglich den Widerstand aufzulösen, bevor es zu dem Gerichtsurteil über den vorläufigen Abholzungsstopp kommen konnte.
ZEIT ONLINE: Wann rechnen Sie mit einer endgültigen Entscheidung über den Tagebau am Hambacher Forst? Wie lange werden Sie weiter protestieren?
Henneberger: Ein abschließendes Gerichtsurteil wird in zwei Jahren erwartet. Ich würde sagen, unser Widerstand beginnt gerade erst. Unser Ziel ist wirklich, den Hambi zu retten und aus der Kohle auszusteigen. Wir werden so lange wiederkommen und blockieren, bis der Tagebau beendet ist.
ZEIT ONLINE: Gerade hat die Kohlekommission darüber beraten, wie man den Strukturwandel weg von der Kohle mittelfristig hinbekommen könnte. Ist es in der jetzigen Situation sinnvoll, durch Blockaden einen noch konfrontativeren Protest zu entfachen? Muss man der Politik und der Energiewirtschaft nicht auch Zeit geben, Beschlüsse zu treffen und umzusetzen?
Henneberger: Das Grundproblem der Klimapolitik ist doch, dass wir schon seit zwanzig Jahren warten. Wir warten, dass die Politik etwas tut und Verantwortung übernimmt. Und das geschieht einfach nicht. In der Frage, ob das Klima geschützt und die Erde gerettet wird, können wir uns nur noch auf uns selbst verlassen. Deswegen übernehmen wir AktivistInnen jetzt die Verantwortung und setzen den Kohleausstieg selbst um. Ich habe kein Vertrauen, dass die Kohlekommission zu Ergebnissen kommt, die den wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen. Deswegen müssen wir jetzt handeln und blockieren.
ZEIT ONLINE: Laut RWE hängen von der Hambacher Braunkohle 4.600 Arbeitsplätze ab. Was sagen Sie den Beschäftigten, wenn sie tatsächlich die Schließung des Tagebaus und damit der Jobs dieser Menschen erzwingen?
Henneberger: Unser Protest richtet sich nicht gegen Arbeitsplätze. Wir wollen, dass der Tagebau stillgelegt wird, fordern im gleichen Atemzug aber auch einen fairen Strukturwandel. Wir wollen, dass gute neue Jobs für die Menschen geschaffen werden. Diesen Strukturwandel muss auch die Politik fördern und das hat sie in den vergangenen Jahrzehnten völlig verschlafen. RWE nutzt das Argument der Arbeitsplätze immer wieder zur Rechtfertigung des Tagebaus. Gleichzeitig tut der Konzern nichts, um neue Jobs zu schaffen. Verantwortungsvoll wäre gewesen, wenn sie schon vor Jahren damit angefangen hätten. Unsere Botschaft an die Arbeiterinnen und Arbeiter von RWE ist deshalb: Lasst euch nicht von diesem Energiekonzern veralbern, lasst uns nicht zu Feinden werden, sondern lasst uns gemeinsam einen sozial und ökologisch fairen Strukturwandel schaffen.