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Der Mensch kann sich um sich selbst kümmern, um seine Familie, seine Freunde, vielleicht sein Land. Um seinen Planeten offenbar nicht. Der Klimawandel ist zu groß für unsere Wahrnehmung. Er ist keine plötzliche Gefahr, die über uns hereinfällt, sondern eine schleichende, die wir seit Jahrzehnten kennen. Er ist kein konkretes, singuläres Ereignis, sondern eine Verkettung dynamischer Prozesse. Er bedeutet nicht nur Feuersbrünste, Überflutungen, Missernten, Klimaflucht; all die Horrorszenarien, über die wir in den Medien lesen. Er bedeutet auch das schöne Wetter vor dem Fenster. "Das Schöne zeigt sich unmittelbar und individuell, das Falsche liegt im System", schreibt die amerikanische Künstlerin Roni Horn über die Paradoxie unserer Zeit. Konkret meint sie damit das Wetter. Am endlos blauen Himmel des Sommers 2018 zeigt sich die Falschheit der Welt.

Wenn Fachleute über den Zusammenhang von Wetter und Klima sprechen, sagen sie pflichtgemäß: Wir sind uns zunehmend sicher, dass die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse mit höherer mittlerer Erdtemperatur steigt. Wirksamer wäre, sie sagten: Am Waldbrand vor Berlin, an dem Brandgeruch, der in den Morgenstunden des 24. August 2018 Tausende Berliner bei der Polizei anrufen ließ, war einzig und allein das viele Kohlendioxid schuld, das jeder und jede von uns verursacht.

Wir spüren es noch nicht

Deutschland hat nicht mit Tropenstürmen zu rechnen. Selbst im trockensten Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen herrschte in deutschen Kommunen kein Trinkwassermangel. Die schlimmsten Folgen des Klimawandels klingen deshalb für uns noch immer wie Fiktionen oder Realitäten von sehr weit weg. Wer sich ein bisschen gruseln will, kann mit diesem Waldbrandvideo aus der Gegend um Hollywood beginnen und sich dann vom YouTube-Algorithmus in seiner charakteristischen Überbietungslogik vorführen lassen, wie schlimm das mit dem Klima einmal werden könnte oder eigentlich längst ist. Flut, Dürre und Flucht. Theoretisch wissen Sie das doch alles. Selbst gespürt haben Sie es noch nicht.

Das Missverhältnis zwischen lebensweltlicher und medialer Wahrnehmung ist für die Klimamobilisierung das größte Problem. Je größer, verheerender, biblischer die Katastrophe dargestellt wird, desto tiefer sinken die Klimasünder der gemäßigten Zonen in ihre empfundene Ohnmacht, die doch eigentlich eine klimapolitische acedia, eine Faulheit und Bequemlichkeit ist.

Das Vorsorgeparadox

In seinem Buch Kampf um Gaia fasst der französische Soziologe Bruno Latour diese Lähmung des reichsten, von den Folgen des Klimawandels am wenigsten betroffenen Teils der Menschheit im Vorsorgeparadox zusammen: Ihr Kind hat einen Schnupfen oder Ihr Auto macht ein verdächtiges Geräusch. Aus Erfahrung wissen Sie, dass es so schlimm nicht werden wird, zum Arzt oder Automechaniker gehen Sie aber doch. 

Einem unwahrscheinlichen Schaden vorzubeugen ist das Wesen der Vorsorge. Beim Klimawandel verhält es sich genau andersherum: Jahr für Jahr verwandeln sich Prognosen in Tatsachen. Wenn es noch einen neuen Spin zur Erderwärmung gibt, dann immer nur den, dass alles noch schneller abläuft als befürchtet. Die Eisflächen schwinden dramatischer, der Meeresspiegel steigt früher als angenommen. Des Schadens können wir uns sicher sein – die Maßnahmen, ihn zu begrenzen, treffen wir nicht.

Jeder habituelle Ansatz, der den Klimawandel mit einem Wandel individueller Verhaltensweisen bekämpfen will, trifft auf das Skalierungsproblem: Den Sonnenschein genießen kann jeder für sich allein, ein Verzicht auf Fleisch hätte aber erst dann die erhoffte klimatische Wirkung, wenn er sich zur Massenbewegung entwickelte. Und weil der Fleischkonsum weltweit weiter steigt, empfinden viele es nicht nur als moralisch anmaßend, dass ausgerechnet sie des Klimas wegen auf Fleisch verzichten sollen. Sie finden das Kalkül dahinter auch nicht schlüssig.

Dass eine anspruchsvolle Klimapolitik nicht realistisch ist, behauptet auch die Regierung der USA. Donald Trump – oder der Teil seines Stabs, der sich um Klimapolitik kümmert – leugnet die menschengemachte Erderwärmung neuerdings gar nicht mehr. Er behauptet nur noch, amerikanische Maßnahmen könnten dagegen sowieso nichts tun. Im September nahm das US-Verkehrsministerium eine unter Obama beschlossene Emissionsbeschränkung für die amerikanische Autoindustrie mit der Begründung zurück, die Erde werde sich sowieso um 3 bis 4 Grad erwärmen. Einige Tausend Megatonnen amerikanisches Kohlendioxid mehr oder weniger im Jahr machten da keinen Unterschied.