4 Grad Erwärmung halten auch viele Klimaforscher, zum Beispiel der Paläoklimatologe Gerald Haug von der ETH Zürich, für realistisch – es sei denn, die Industriestaaten dekarbonisieren im Revolutionstempo (derzeit steigern sie, Deutschland auch, ihre Emissionen wieder), oder es werden Methoden gefunden, das viele CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Solche Geoengineering-Maßnahmen sind für die Jahrhundertmitte angekündigt: Kein Szenario, in dem die Menschheit "es noch schafft", kommt mehr ohne sie aus. Wie genau die Klärung der Luft funktionieren soll, ist unklar. Das zuverlässigste bekannte Instrument zur Rückbindung von Kohlenstoff – die planetare Waldfläche – ist unterdessen auch 2018 wieder im Rekordtempo geschrumpft.

Die Klimastudie, die dieses Jahr die größte Aufmerksamkeit bekam, war das sogenannte Hothouse Earth Paper einer Forschergruppe um den amerikanischen Chemiker und Klimatologen Will Steffen (Trajectories of the Earth System in the Anthropocene: Steffen et al., 2018). Es handelt von klimatischen Rückkopplungen, die die Erderwärmung irreversibel beschleunigen könnten: wenn etwa auftauende Permafrostböden Methan freisetzen oder wenn die Sonnenenergie, die nicht mehr vom Polareis reflektiert wird, im Meer verbleibt. Schon eine Erwärmung zwischen 1,5 und 2 Grad – eine Marke, die zwischen 2030 und 2050 erreicht werden dürfte –, könnte solche Kippelemente auslösen und die Erde in eine Heißphase von bis zu 6 Grad über vorindustrieller Zeit befördern.

Gefragt, wie er sich einen wirksamen Kampf gegen den Klimawandel vorstelle, sagt der Hauptautor des Hothouse Earth Papers das, was alle sagen, die sich ernsthaft damit beschäftigen: Die Erde müsse raus aus der kapitalistischen Konkurrenzlogik um Wachstum, raus aus "der sogenannten neoliberalen Ökonomie". Die Geschwindigkeit, mit der das passieren müsste, vergleicht Will Steffen mit einer Kriegswirtschaft (war footing). Wenn die Menschheit die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß reduzieren wollte, müsste der industrialisierte Norden sich so konsequent verhalten, als befände er sich im Krieg. Die EU dürfte dann nicht wie kürzlich darüber streiten, ob sie den CO2-Ausstoß europäischer Autos während der 2020er-Jahre um 30, 35 oder 40 Prozent senken will. Sie müsste Verbrennungsmotoren schnellstmöglich verbieten. Sie müsste auch den Fleischkonsum und die Flugreisen rationieren, sämtliche Altbauten in Styropor verpacken und die Leute dazu zwingen, ihre Smartphones gegen alte Nokias mit einwöchiger Batterielaufzeit einzutauschen.

Der Klimakrieg ist längst im Gange

Der Klimakrieg, in dem die Welt sich längst befindet, ist anders als alle anderen. Er wird nicht nur asymmetrisch geführt wie die vielen Regionalkonflikte seit dem Ende des Kalten Krieges. Der Wärmekrieg verläuft im Wortsinn atmosphärisch, die Atmosphäre verschleppt die Aggression der Treibhausgase in Raum und Zeit. Der Frontverlauf ist so berechenbar wie das Wetter: Jahre und Jahrzehnte im Voraus weiß man, dass die Temperatur steigen und dass es mehr Dürren, Stürme und Überflutungen geben wird. Genau vorhersagen, wo, wann und mit welcher Heftigkeit die Attacken erfolgen, kann man erst Tage oder Wochen zuvor. 

Wo in diesem Krieg die größten Aggressoren sitzen, konnte man diesen Sommer in einer epischen Reportage der New York Times nachlesen: Losing Earth heißt diese Geschichte – wenn man sie ausdruckt, ist sie 96 Seiten lang. Der Autor Nathaniel Rich hat akribisch nachvollzogen, wie einige Nasa-Forscher und Politikberater Ende der Siebzigerjahre sehr genau verstanden, dass die Verbrennung fossiler Energieträger die Erde in eine neue Heißzeit bringt. Zwischen 1979 und 1989 waren die USA mehrmals kurz davor, eine Klimawende einzuleiten. Und der Rest der Welt, so schildert es Rich, hätte mitgezogen. Doch letztlich wurde alles, was Lebensstil und ökonomische Vormacht der Amerikaner hätte einschränken können, von der Mineralöllobby und einigen republikanischen Hardlinern unter Reagan und Bush abgeschmettert. Es begann die größte Desinformationskampagne der Geschichte. In Person des Präsidenten Trump mag das postfaktische Zeitalter zu sich selbst gekommen sein. Angefangen hat es in den Achtzigerjahren mit der Leugnung, dem Bezweifeln und der Ablenkung vom Klimawandel. 

Alle hängen mit drin

Auf die Amerikaner im Allgemeinen und speziell auf ihre Petroindustrie zu schimpfen ist eine wohlfeile, selbstgerechte Sache. Nicht falsch vielleicht, aber 2018 auch nicht genügend. Als Donald Trump vergangenes Jahr ankündigte, die USA würden sich aus dem Klimaabkommen von Paris zurückziehen, wurde das zu Recht als ein Affront gegen die 196 Staaten gesehen, die es auch unterzeichnet haben. Vergessen wird dabei aber, dass den Anspruch von Paris derzeit ohnehin nur eine Handvoll Länder erfüllen: Der Climate Action Tracker, eine unter anderem vom Bundesministerium für Umwelt finanzierte Seite zur Bewertung weltweiter Klimapolitik, listet sieben Staaten, die sich konform zu einer Erderwärmung um 2 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit verhalten: Bhutan, Costa Rica, Äthiopien, Marokko, Gambia, die Philippinen und Indien. 

In einen eindringlichen Sonderbericht hat der Weltklimarat IPCC im September noch einmal festgestellt, dass schon 1,5 Grad Erwärmung dramatische Folgen für das Leben auf der Erde hätten. Die IPCC-Klimatologin Debra Roberts nennt die nächsten Jahre "die wahrscheinlich wichtigsten in der Geschichte der Menschheit". Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel rechnet mit "Flüchtlingsbewegungen bisher ungekannten Ausmaßes und einer extremen Verschlechterung der Sicherheitslage auf der Erde", falls die Erwärmung nicht "deutlich unter 2 Grad" gehalten wird. Nur Marokko und Gambia – zusammen 37 Millionen Einwohner – sind auf einem Weg, der 1,5 Grad realistisch erscheinen lässt. Das Erwärmungsverhalten der EU liegt zwischen 2 und 3 Grad. Selbst wenn die EU ihre ambitioniertesten Versprechen einhält – was sie derzeit ja nicht tut –, läuft ihr Verhalten auf eine Temperatur hinaus, bei der das Klima mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu kontrollieren ist.