Kaum eine Saison vergeht, in der nicht auf irgendeiner Bühne Medea gespielt wird, als Oper, wie gerade in Berlin, als Theaterstück, als Tanzstück. Sie verlässt uns nicht. Irgendetwas ist mit ihr.

Medea, das war doch die Mutter, die ihre Kinder umbrachte, damit sie nicht beim Mann blieben, der sie verlassen hatte? Ja, das auch. Der Mythos ist immer wieder neu bearbeitet worden, von Euripides bis Sasha Waltz, da gibt es viele Lesarten, staatskritische zum Beispiel, oder feministische. Christa Wolf zufolge wurde Medeader Mord gar nur untergeschoben – und jedes Mal zieht die Hauptfigur das Publikum in ihren Bann

Hätte sie bloß die Kinder verschont! Dann vielleicht würden manche Eltern ihre Mädchen Medea nennen. Nach einer Frau nämlich, die den Zusammenhang von Vernunft, Herrschaft und Betrug zur Sprache gebracht hat. Jedenfalls in der Version des Euripides.

Zum Verständnis: Jason, griechischer Held, macht die kaukasische Königstochter Medea zu seiner Frau; nur mithilfe ihrer mörderischen Zauberei besteht er allerlei Abenteuer (verfilmt in Jason und die Argonauten). Leichen pflastern ihren Weg. Bis die beiden mit ihren Kindern das Exil in Korinth suchen. Dessen König Kreon indes fürchtet die Macht der fremden Zauberin, wohingegen er in Jason den idealen Schwiegersohn sieht. Jason heiratet Kreons Tochter Krëusa, Medea wird verjagt. Die Kinder sollen in Korinth bleiben, aber Medea bringt sie um. Das ist der Plot.

Euripides ist nachgesagt worden, mit seiner Darstellung der verlassenen Rächerin habe er den Frauen die Rolle der Unvernünftigen zugewiesen, die unkontrollierter Emotion folgen. Gegen Ende der Tragödie heißt es dann auch:

"Doch mächtger als die Einsicht ist die Leidenschaft:
Sie ist die Ursach jedes größten Fluchs der Welt!" 

So gelesen, gehört Euripides in die Säulenhalle der Vernunftprediger. Wir dürfen annehmen, dass er als solcher auch auftrat. Denn die zu seiner Zeit Mächtigen reklamierten für sich die Vernunft und die Theaterleute sangen ihr Lied.

Pedantisch, praktisch, vernünftig

Interessant nur, dass Euripides ausgerechnet Medea sagen lässt, dass die Leidenschaft die Ursache "jedes größten Fluchs" sei. Das passt doch irgendwie nicht? Die Verbrecherin aus Leidenschaft schlägt sich auf die Seite der Vernunft? Dürfen wir das als Hinweis darauf lesen, dass die Rollenverteilung auch anders verstanden werden kann?

Bemerkenswert ist jedenfalls, wie schlecht Jason in Euripides' Stück wegkommt. Man muss sich die Tirade, mit der Jason seiner bisherigen Frau Medea die Gründe seiner neuerlichen Heiratsabsicht aufzählt, auf der Zunge zergehen lassen: Er wolle

"... zeigen, erstlich, dass ich klug daran
Getan, sodann, auch tugendhaft, und endlich dein
Und meiner Kinder Bestes".

Erstens, zweitens, drittens. Pedantisch, praktisch, vernünftig. Es gehe um das Wohl der Kinder, die nun bei den Reichen aufwachsen können, denn 

"... leider seh ich ja:
Dem armen Mann geht jeder Freund gern aus dem Weg!"

Die Kinder sollen es nicht nur besser haben, sondern auch Geschwister bekommen:

"Dann wollt ich Brüder deinen Söhnen zeugen, sie
Gleichstellen beide und bei des Stamms Vereinigung
Mich glücklich fühlen". 

Eine Dynastie soll entstehen. Medea will das irgendwie nicht einsehen. Daraufhin Jason:

"Ja, den Menschen sollt auf andrem Weg
Fortpflanzung werden, Frauen nicht nicht geschaffen sein;
So wär die Welt auch frei von allem Ungemach!"

– was der Chor der Korinther (immerhin Kreons Untertanen) sogleich als "hübsche Ausschmückung" des "Unrechts" verdammt. Euripides entlarvt Jasons Vernunftgründe als das, was sie sind.

Jason ist damit das klassische Beispiel für den von Hegel beschriebenen "unsterblichen Betrug der Methode des Verstandes und seines Räsonierens, für eine schlechte Sache einen guten Grund anzugeben und zu meinen, sie damit gerechtfertigt zu haben".

Diesen Faden spinnt der französische Dramatiker Corneille in seiner Medea weiter. Aus heutiger Sicht lässt sich Corneilles Stück, wie das des Euripides, als Flaschenpost für ein Zeitalter ansehen, das einen Sinn für Vernunftkritik hat. Der Hofdichter schrieb seine Medea 1635 im Auftrag des Kardinals Richelieu, der damals, unter Louis XIII., am Höhepunkt seiner Macht angekommen war. Richelieu war der Mann der Staatsräson. Die kommt in Corneilles Medea auch mehrmals vor. Aber wie!