1961 hing auf dem New Yorker Times Square, an der Ecke Broadway/46. Straße, ein Werbeplakat mit der Aufschrift: "Now a better way! Tassette: not a tampon, not a napkin!" Darunter die Illustration einer Tulpe und eine Hand, die ein kleines Säckchen hochhält. Die Firma Tassette, Inc. machte dort Werbung für eine Menstruationstasse, die jedoch kein kommerzieller Erfolg wurde – schon in den Siebzigerjahren ging die Firma wieder Pleite. Die Kampagne war bereits der zweite Anlauf von Leona W. Chalmers im Versuch, Menstruationstassen unters Volk zu bringen. Das Patent hatte sie schon 1935 angemeldet.

Jule Hoffmann, geboren 1988 in Lübeck, arbeitet als freie Redakteurin und Autorin für Deutschlandfunk Kultur. Sie ist Gastautorin bei "10 nach 8". © privat

Das ergibt eine schnelle Google-Recherche, als ich herausfinden will, wer diesen Meilenstein in der Geschichte der Menstruation erfunden hat. Sonderbarerweise ist das Wissen um Menstruationstassen erst vor wenigen Jahren zu mir durchgedrungen. Ich bin in den Neunziger- und Nullerjahren noch mit Tampons und Binden aufgewachsen. In meiner Welt sind Menstruationstassen der letzte heiße Scheiß zum Thema Periode, den ich erst vor zwei Jahren in einem kleinen Neuköllner Veganladen entdeckt habe: ein etwas größerer Fingerhut aus weichem medizinischen Silikon, den sich die Frau einsetzt und in dem sich das Regelblut sammelt. Mittlerweile ist er in ganz normalen Drogerieläden erhältlich. Ich erinnere mich nicht an große Werbekampagnen, vielmehr war es Mund-zu-Mund-Propaganda. Was ich schon als den ersten Gewinn betrachte, den die Tasse gebracht hat: Auf einmal gab es einen Anlass, mit Freundinnen und Kolleginnen über Menstruation zu sprechen.

"Now a better way" – das Plakat von 1961 könnte also ohne Weiteres wieder aufgehängt werden. Und dabei würde nicht mal besonders auffallen, dass das Produkt selbst lediglich durch eine Tulpe angedeutet wird. Auch heute noch ist Werbung für Menstruationsartikel eher verblümt und unartikuliert, denkt man an die viel kritisierte blaue Flüssigkeit, die in Fernsehspots das Menstruationsblut symbolisieren soll.

Ist in der Zwischenzeit also gar nichts passiert? Warum entdecken wir eine 80 Jahre alte Idee jetzt erst neu? Das Fragezeichen wird umso größer, wenn man sich die lange Liste an Vorteilen vor Augen führt: Die Menstruationstasse kann man bis zu zwölf Stunden tragen, ohne sie zu leeren, was sich nicht nur auf Reisen bewährt. Sie trocknet die Vagina nicht aus. Sie hält, einmal richtig in Position gebracht, besser dicht, und es hängt keine Schnur raus. Man kann mit ihr problemlos schwimmen und joggen gehen. Außerdem vermeidet man Berge von Tamponmüll, da eine Tasse bis zu zehn Jahre lang jeden Monat wieder benutzt werden kann. Und vor allem: Man spart eine Menge Geld. Auf dem freien Markt ist das normalerweise das Argument, das alles schlägt. Und in diesem Fall die Lösung für ein handfestes Problem: Tampons und Binden sind teuer. Bis heute wird in Deutschland für sie eine Luxussteuer von 19 Prozent fällig statt eine reduzierte Steuer von sieben Prozent für Produkte des täglichen Bedarfs. In Großbritannien gibt es sogar den Begriff der period poverty für Frauen und Mädchen, die während ihrer Periode nicht zur Schule oder zur Arbeit gehen, weil sie sich keine Tampons leisten können.

Und jetzt gibt es hier ein kleines Utensil, das dieses Problem mit einem Fingerschnipsen löst. Bewegungsfreiheit gewährt. Unabhängigkeit garantiert. Und sich trotzdem jahrzehntelang nicht auf dem Markt behaupten konnte. Es sind die unsichtbaren Machtstrukturen, die entlang der Linie dieser Fakten krachend spürbar werden.

In einem Artikel der New York Times von 2003 wird angeführt, die Tassen erforderten "zu viel Kontakt mit dem eigenen Körper", wofür Frauen zu empfindlich seien. Ähnlich argumentiert eine Dresdner Gynäkologin in einer Ausgabe der Apotheken Umschau von 2016: Frauen hätten eine "angeborene Skepsis vor Fremdkörpern, die wir in den Körper einführen" (wobei ich mich frage, warum Tampons davon ausgenommen sein sollten). Dieselbe Gynäkologin spricht auch von einer Entfremdung der Frauen vom eigenen Körper. Tatsächlich erfordern Menstruationstassen eine bessere Kenntnis des eigenen Körpers als Tampons. Sie müssen richtig platziert werden, damit das Blut nicht an ihnen vorbeiläuft. Und dafür befühlt man seine Vagina schon mal länger von innen. Und selbst wenn alle Handgriffe sitzen, verändert eine Menstruationstasse den Blick auf den eigenen Körper.