Nachdem Brett Kavanaugh, der Anwärter auf das Richteramt am amerikanischen Supreme Court, der versuchten Vergewaltigung auf einer Studierendenparty in den Achtzigerjahren beschuldigt wurde, fällt dem US-Präsidenten nichts Besseres ein, als das mutmaßliche Opfer zu diskreditieren: Sollten diese Vorwürfe stimmen, dann hätten Christine Blasey Ford oder "ihre liebenden Eltern" ja wohl schon vor 36 Jahren Anzeige erstattet, twitterte Donald Trump.

Eine in mehrerlei Hinsicht stumpfsinnige Äußerung, auch aufgrund ihrer Ignoranz: Es ist allgemein bekannt, dass ein unverhältnismäßig hoher Anteil von Sexualdelikten nicht zur Anzeige kommt. Ganz abgesehen von Fällen, die sich kaum melden lassen. In Deutschland gelten erst seit 2016 unerwünschte Intimberührungen, die den Überraschungsmoment ausnutzen, umgangssprachlich Grapschen, als Delikte gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Diese Gesetzesänderung ermöglicht es uns Frauen heute, Übergriffe ans Licht zu bringen, die zuvor zwangsläufig im Dunklen blieben. Jetzt liegt es an uns, diese Möglichkeit zu nutzen.

Ramona Raabe, Jahrgang 1992, ist Schriftstellerin. Sie studiert Film- und Literaturwissenschaft in Berlin und Los Angeles. Im März 2018 erschien ihr literarisches Debüt "Das pathologische Leiden der Bella Jolie" im Dittrich Verlag. Ramona Raabe ist Gastautorin bei "10 nach 8". © Patricia Kaiser

Seit einem Abend in diesem Berliner Juli frage ich mich, ob das allerdings wirklich so einfach ist: Ich lief gerade die Treppe zur U-Bahn hinunter, als plötzlich eine Hand unter mein Kleid huschte und meinen Innenschenkel fasste. Noch bevor ich realisierte, was passiert war, war sie auch schon wieder weg. Und der Typ auch. Instinktiv brüllte ich laut auf – der Mann, der mich betatscht hatte und den ich nur noch im Seitenprofil sah, reagierte nicht.

Anders als im Internet, Epizentrum simulierter oder zumindest retardierter Schlagfertigkeit, müssen wir in der Realität häufig schnell reagieren, wenn uns jemand Unrecht zugefügt hat. Zu intervenieren würde bedeuten, sich augenblicklich zu positionieren und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Bei sexueller Belästigung hieße das, eine erfolgte Straftat wie jede andere zu behandeln. Doch das tun wir in der Regel nicht, wie Dunkelfeldstudien immer wieder aufweisen. Die Süddeutsche Zeitung berichtet darüber in einem bildhaften Vergleich: Im Bundesland Niedersachsen wurden 2014 nur sieben Prozent der erfolgten Sexualdelikte angezeigt – aber 94 Prozent der Autodiebstähle. Wieso, frage ich mich, sollten Fahrzeuge schützenswerter sein als unsere Körper? Laut der jüngsten Berliner Kriminalstatistik beträgt der Anteil von Delikten gegen die sexuelle Selbstbestimmung an allen erfassten Straftaten nur 0,7 Prozent.

Weil ich kurz davor war, diesen Vorfall auf der U-Bahn-Treppe einfach nur als widerlich, aber "nicht weiter wichtig" abzutun, hätte ich beinahe selbst dazu beigetragen, dass diese Werte so niedrig sind. Als mir das auffiel, spürte ich eine solidarische Verantwortung, zu der Richtigkeit dieser Daten beizutragen, diese Form der Übergriffe statistisch und damit öffentlich sichtbar zu machen. Ich erstattete also am nächsten Tag Anzeige – gegen unbekannt. In meinem Freundeskreis reagierten ausnahmslos alle mit sofortiger Zustimmung: "Jawohl" und "Richtig so". Meine Entscheidung bekräftigten unter anderem dieselben Frauen, die ähnliches auch schon erfahren, aber bislang "nur" mit passiver Empörung reagiert hatten. Es scheint also ein paradoxer Konsens darin zu bestehen, dass sexuelle Belästigung einerseits am besten zur Anzeige gebracht werden sollte, während sich die Betroffenen am Ende des Tages dann doch lieber zurückhalten. Woran liegt das?

Unter dem Hashtag #ichhabenichtangezeigtweil startete 2012 ein Münchener Kommunikationszentrum ein Projekt, das nach ebendiesen Gründen fragte. Ähnliche Initiativen hatte es zuvor in Schweden, England und Frankreich gegeben und im Zuge der Kavanaugh-Affäre aktuell wieder in den USA (#whyIdidntreport). Die Begründungen sind vielfältig: Scham, Schuldgefühle seitens des Opfers, Überforderung mit der Situation. Angst, Hoffnungslosigkeit oder Befangenheit – in den meisten Fällen handelt es sich bei dem Täter um einen Bekannten, Freund oder ein Familienmitglied, den eigenen Partner.

Sexualdelikte und die individuelle Reaktion darauf können nicht pauschalisiert werden. Sie sollten stets so differenziert betrachtet werden wie die Menschen, die sie erleben. Insbesondere bei sexualisierter Gewalt kann es aufgrund der möglicherweise traumatischen Erfahrung weitere persönliche Gründe geben, die eine Anzeige erschweren. Donald Trumps Kommentar zur Kavanaugh-Affäre verhöhnt alle Betroffenen, die schwer Formulierbares ertragen mussten und daher bis heute schweigen. Es gibt Kliniken, in denen Frauen nach einer Vergewaltigung untersucht werden und die Möglichkeit haben, DNS-Proben des Täters sichern zu lassen, ohne sich damit automatisch für eine Anzeige zu entscheiden. Manche Häuser bewahren die Probe bis zu einem Jahr nach der Tat auf, sodass anfängliches Zurückschrecken vor juristischen Maßnahmen eine Untersuchung und Spurensicherung nicht verhindern muss. Ein wichtiges und empathisches Angebot.