In unserer Serie "Top of the Pods" stellen die Podcasterinnen und Podcaster von ZEIT ONLINE ihre Lieblingssendungen vor. Alle Podcasts von ZEIT ONLINE finden Sie hier.

"Call your Girlfriend"

Um zu verstehen, wie sensationell und wichtig der amerikanische Podcast Call your Girlfriend ist, muss man sich unbedingt noch einmal die Situation deutscher feministischer Hörerinnen vor Augen führen: In Deutschland haben die meisten ja immer noch schlimme Angst vor dem Feminismus und davor, was dieser Feminismus, wenn man ihm zu viel Platz einräumt, und ihn nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ernst nimmt, alles anrichten könnte. Er würde – OMG – die Grundfesten dieses Landes wahrscheinlich nachhaltig erschüttern. Danach wäre nichts mehr so, wie es mal war. Und wenn wir in den vergangenen Jahren eines gelernt haben, dann doch das: Veränderung will in diesem Germany kaum jemand. Klar, es gibt aktuell natürlich viel größere und wichtigere Probleme (Rechtsruck, Wahlen, Ende des Parteiensystems), um die man(n) sich kümmern muss, bevor man sich der Nervensäge Gleichberechtigung widmet. 

Feministinnen haben es hier also entsprechend schwer und werden nur, wenn es unbedingt sein muss  (#MeToo), gebeten, ihre Meinung öffentlich kundzutun. Ansonsten empfiehlt man ihnen – mal mehr, mal weniger freundlich – doch bitte die Klappe zu halten. Um sich über diesen elenden Zustand hinwegzutrösten, muss man als in Deutschland lebende Feministin deshalb immer wieder zur Inspiration und Motivation nach Amerika schauen, wo es für Frauen im Großen und Ganzen natürlich auch der Horror ist, weil der größte Chauvinist ever dort Präsident ist, aber in Amerika gibt es zumindest (noch) eine echte, laute, gut vernetzte und sehr progressive Opposition, die sich diesen Patriarchat-Schwachsinn nicht gefallen lässt und keine Angst davor hat, die unbequemen Wahrheiten unserer scheinbar emanzipierten Gesellschaften öffentlich anzusprechen.

© Call Your Girlfriend

Zwei Heldinnen dieser Feminismusbewegung sind Ann Friedman und Aminatou Sow. Ann lebt in Los Angeles und arbeitet als freie Journalistin für das New York Magazine und die Los Angeles Times. Ihre beste Freundin Aminatou aus Brooklyn schreibt auch und entwickelt Strategien für unser digitales Leben. Zusammen betreiben sie ebenjenen großartigen und mittlerweile sehr erfolgreichen Podcast Call Your Girlfriend.

Für den Podcast rufen sie sich einmal pro Woche an und tauschen sich eine Stunde lang über die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse in Amerika und die Ereignisse ihres Alltags aus. Sie reden zum Beispiel über ihre Menstruationszyklen, neue feministische Bücher wie zuletzt das von Rebecca Traister (Good and Mad: The Revolutionary Power of Women's Anger), die Schwierigkeiten einer Freundschaft zwischen zwei Küsten, Body-Shaming, den absurden Umgang mit Brett Kavanaugh vor vier Wochen, weibliche Wut, die endlich raus muss, oder die bevorstehenden Mid-Terms. Ab und zu laden sie auch andere Girlfriends ein, wie zum Beispiel das Publishing-Wunderkind Tavi Genvinson.

Wenn man ihnen zuhört, fühlt sich das tatsächlich so an, als würde man heimlich ein sehr scharfsinniges und gleichzeitig sehr intimes Gespräch zwischen zwei extrem gebildeten und extrem lustigen Frauen belauschen. Ihr Lachen und ihr Aktivismus sind so ansteckend, dass man danach wieder mit gestählter Brust auf die Straße gehen kann. Auf eine Art sind sie die moderne Wiedergeburt von Hannah Arendt und ihrer besten Freundin Mary McCarthy. Die konnten damals zwar noch nicht podcasten, haben sich aber jede Woche Briefe geschrieben. Ja, ja, schon klar, große Fußstapfen, aber Ann Friedman und Aminatou Sow gelingt das Unmögliche. Promise! (Carolin Würfel)

"Call your Girlfriend" findet man in jeder Podcast-App und erscheint immer freitags.