Wünschen wirkt – so fern und magisch das auch klingen mag. In dieser Erkenntnis lag für mich der Zauber der #unteilbar-Demonstration in Berlin. Denn es war ein geteilter Wunsch und kein Eigeninteresse, der 240.000 Menschen in dieser Form zusammenkommen ließ. Es war ein Wunsch, der auf das (etwas altmodisch anmutende) Gemeinwohl zielte, was eine der Grundvoraussetzungen für gelingendes Wünschen ist. Wenn Wünschen wirkt, ist nämlich keine Magie am Werk, sondern das Zusammenspiel von ganz bestimmten Kriterien und Handlungsschritten. Es geht dabei neben der Zielrichtung um Verantwortungsbewusstsein, strategischen Pragmatismus, reflektierten Optimismus, Vernetzungslust und Möglichkeitssinn.

Annika Reich, 1973 geboren, ist Schriftstellerin und Aktivistin. Ihre Romane und Kinderbücher erscheinen im Hanser Verlag. Seit 2015 ist sie Künstlerische Leiterin von "Wir machen das" und "Weiter schreiben". Sie ist Mitglied der Redaktion von "10 nach 8". © Ekko von Schwichow

Gesellschaftliche Zustände zu kritisieren oder sie verändern zu wollen, ist lange nicht so erfolgversprechend wie sich einen Wandel zu wünschen. Denn der Wille liebt den großen Auftritt und ist doch eine Mimose, schnell zu erschöpfen und noch schneller zu beleidigen. Wenn er nicht bekommt, was er erwartet, verzieht er sich in seine Ecke und schmollt. Die Kritik wiederum lebt ständig in der Gefahr, die Gegenseite durch das Aufgreifen und Verbreiten ihrer Inhalte mit zu nähren. Will man aber für eine solidarische Gesellschaft kämpfen, ist das ein Langstreckenlauf. Mit einer kritischen Haltung und dem mimosenhaften Willen kommt man da nicht weiter. Was es braucht, ist eine ausdauernde, maßlose Kraft, die ihren Zauber nicht verliert. Es bedarf einer Bewegung, die sich weder wie das Wollen auf ein Objekt noch wie die Kritik auf ein Subjekt bezieht, sondern sich aus der positiven Erfahrung des gemeinsamen Wünschens speist.

"In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat", so beginnen viele Märchen, doch die meisten Menschen haben das Wünschen verlernt. Wünschen ist wie Beten ohne Gott. Einige von uns können noch beten, aber die wenigsten können noch welthaltig wünschen, und vielleicht klingen deswegen die Begriffe, die sich darauf beziehen, wie aus der Zeit gefallen: Gemeinwohl, Welthaltigkeit. Dabei hat die Fähigkeit, sich etwas gemeinschaftlich so zu wünschen, dass es auch wirkt, alles andere als ausgedient, denn richtig eingesetzt kann sie eine politische Kraft darstellen, die nicht zu unterschätzen ist.

Die Aufklärung tat alles, um Prinzipien für eine sichere, vorhersehbare und zweckgerichtete gesellschaftliche Praxis zu etablieren, und musste uns dafür das Wünschen so lange austreiben, bis unser Realitätsbewusstsein von einem Mangel-Bedürfnis-Schema geprägt war und wir glaubten, Wünschen sei Weltflucht.

So lernen wir schon als Kinder, Wunschzettel zu schreiben, und sind dann enttäuscht, wenn wir nicht bekommen, was uns das Leben bringt. Doch die Wünsche, die auf Wunschzetteln stehen, sind nicht die Wünsche, die ich meine, dafür sind sie zu leicht zu befriedigen. Das, was hier als Wunsch missverstanden wird, ist eher ein Wollen denn ein Wünschen – ein kümmerlicher Ersatz also, der einem vielleicht ein neues Fahrrad einbringt, aber für das Einstehen und Voranbringen einer gesellschaftlichen Aufgabe nicht taugt. Wünsche sind keine mangelbedingten Konsumenten von produzierter Realität, sondern bedingungslose Produzenten von Realität und damit Wandel. Wünschen ist also ein performativer Akt, der schon allein durch die Tätigkeit des Wünschens eine Realität herstellt.