Es war kurz vor der Hessenwahl, als Alexander Mitsch im Münchner Merkur in Plauderlaune verfiel und der Öffentlichkeit verkündete: Sollte die Wahl in einem Debakel enden, dann sei Schluss mit der Duldungsstarre in der CDU, dann werde jeder schmerzhaft begreifen, dass "der Linkskurs von Frau Merkel die CDU in den Abgrund führt". Mitsch muss es wissen. Er ist Vorsitzender der konservativen Werteunion und ein Fachmann für den Aufstand gegen die Kanzlerin. Nun, da Angela Merkel selbst ihren Rückzug angekündigt hat, trauen sich die Rebellen aus der Deckung und haben mit Friedrich Merz sogar einen Überraschungskandidaten in ihren Reihen. Die Fragen sind nur: Verfügen die Bewerber über ein Programm? Und ist es jenes "Konservative Manifest", das Mitschs Werteunion im Frühjahr unters Volk brachte?

Wenn es so sein sollte, dann hätten die Bewerber außer dem naturtrüben Evergreen "Mehr Vaterland, mehr Landesverteidigung, mehr Kernfamilie" nicht viel zu bieten. Tatsächlich aber bringen konservative Köpfe weitaus radikalere Ideen in Umlauf, und zwar solche, die die Union nicht bloß mit Werte-Schaum aufpolstern, sondern die Deutschland selbst substanziell verändern sollen. Einige dieser Ideen fanden ihren Niederschlag in Alexander Dobrindts Welt-Artikel "Wir brauchen eine bürgerlich-konservative Wende" vom vergangenen Januar. Anfangs war das Manifest als bajuwarisches Hirngespinst belächelt worden – gleichsam als rechtsabbiegende Träumerei eines ehemaligen Verkehrsministers, dessen historischer Nachruhm nicht so überwältigend ausfällt, als dass man zwingend eine Autobahnkapelle nach ihm benennen müsste.

Der Refrain einer konservativen Revolution

Das war ein Fehler. In diesen Tagen liest sich sein Manifest wie ein Bekennerschreiben, wie ein Gedankensteinbruch für den rechtskonservativen Flügel in der Union. Dobrindt wählt darin einen Kampfbegriff der Neuen Rechten und fordert eine "konservative Revolution der Bürger" als Antwort auf die "linke Revolution der Eliten". Die linken Eliten – das sind für den CSU-Landesgruppenchef der Geist der Achtundsechziger mitsamt seiner linksgrün-alternativen Enkel, und dieser Geist, so geht die Pointe, regiert auch dort, wo er nichts zu suchen hat: Er regiert sogar im Kanzleramt. Wo CDU draufsteht, ist nicht CDU drin. In ruhigen Zeiten, so darf man Dobrindt verstehen, mag das harmlos sein. Doch in Zeiten, in denen die Welt verrücktspielt, ist der linke postnationale Geist lebensgefährlich.

Interessant daran ist: Wie Dobrindt, so attackiert auch Jens Spahn nicht die Person Angela Merkel, sondern das liberale mentalitätsgeschichtliche Erbe, das sie für ihn verkörpert. Diese Kritik erinnert an eine Geschichtsauffassung, die in der Vor-Merkel-Ära nicht nur unter bekennenden Rechten, sondern auch unter Unionschristen die Runde machte, zum Beispiel im rechtskonservativen Weikersheimer Kreis. Im Kern läuft sie auf die Behauptung hinaus, die Bundesrepublik sei leider nicht das echte, sondern nur das unechte Deutschland – eine Erfindung der Siegermächte, ein der Nation wesensfremdes, auf den Namen "Liberalismus" getauftes Konstrukt.

Und heute? Heute sind es die linken Eliten, die aus diesem Liberalismus Honig saugen, denn überall seien sie mit dem Herzen zu Hause, nur nicht in Deutschland. Für Dobrindt schlürfen sie ihren postnationalen Cappuccino im Hedonistenviertel Prenzlauer Berg, wo nicht einmal – so klagt Jens Spahn – noch anständig Deutsch gesprochen wird. Die "liberalen Eliten", so klingt es, haben eine Gesellschaft hinterlassen, die vom Moralismus zerfressen und deren Machtwille gebrochen ist. Deutschland ist weder wehrhaft, noch besitzt es eine nationale Identität. Deutschland ist nicht mehr deutsch.

Kommt einem das bekannt vor?