Tatsächlich ist das Revolutionstheater, das Dobrindt Anfang des Jahres zur Aufführung bringen wollte, nicht neu; Requisiten, Textbuch, auch die Souffleure stammen aus älteren Zeiten. Zuletzt wurde das Stück nach der Wiedervereinigung aufgeführt, Anfang der Neunzigerjahre, als eine Kontroverse über den künftigen Weg Deutschlands entbrannte. Der Fall der Mauer, so sahen es konservative Intellektuelle, sei die ultimative Aufforderung an alle Deutschen, endlich wieder als selbstbewusste Nation aufzutreten. Mit dem heiligen Ereignis der Wiedervereinigung sei die BRD passé; machtpolitisch sei sie ohnehin ein Mainzelmännchen im Vorgarten Amerikas gewesen, keine souveräne Nation, nur ein mickriges Provisorium.

Oder, wie ein seinerzeit beliebter Vergleich besagte: Die alte Bundesrepublik glich dem antiken Eiland Ithaka im gleichnamigen Theaterstück von Botho Strauß. Von kulturlosen Barbaren besetzt, seiner Identität beraubt und in trüber Geschichtslosigkeit dumpf verdämmernd, kurz: ein Land ohne Helden, tragikvergessen und von einer Elite der "sich Gutdünkenden" beherrscht (so die damals tonangebende Zeitschrift Merkur). Moral war das Opium, das die Sieger den Besiegten verabreicht hatten, um den deutschen Willen zur Macht zu brechen. Andere Nationen machten Politik; die BRD machte irgendwas Soziales.

Das ist schon eine Weile her, doch man darf wetten: So mancher Merkel-Kritiker wird in der Klage über ein machtpolitisch gehemmtes Deutschland die Politik der Kanzlerin wiedererkennen wollen. Denn welchen "Fehler" machte sie im Herbst 2015, als sich die Flüchtlingstrecks auf den Weg durch Europa machten? Anstatt die deutsche Ordnung durch die Aussetzung des Asylrechts zu schützen und die Flüchtlinge nach Ungarn zurückzuschicken ("Staatsversagen!"), handelte Angela Merkel so unsouverän, als sei Deutschland noch immer die alte Bundesrepublik – sie handelte nicht mit machtpolitischer Härte, sondern mit machtvergessener Moral.

Sie planen für härtere Zeiten

"Wir schaffen das!" Für Unions-Konservative war das unfassbar, es war "die Herrschaft des Unrechts". Ausgerechnet eine Politikerin, die nicht im Infektionsraum der "hypermoralischen" BRD, sondern in der DDR groß geworden war, hatte sich von einer abstrakten Menschheitsmoral Sand in die Augen streuen lassen – Angela Merkel sei blind geworden für den konkreten übergesetzlichen Notstand und habe zudem noch die Frechheit besessen, sich mit einem humanistischen Argument zu verteidigen: "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land."

Wiedergewinnung nationaler Souveränität: Es existiert also durchaus ein Programm für die Zeit nach Merkel, eines, das sich nicht mit Lackierarbeiten am Partei-Design zufrieden gibt, nicht mit dem bürgerlichen Schlummerlied von Maß und Mitte – dass es solche Pläne gibt, beweist schon der Umstand, dass Friedrich Merz sie gerade kritisiert hat ("wir brauchen Aufbruch, keinen Umsturz"). Die Rechtskonservativen in der Union wissen, dass Deutschland nicht mehr die Riesenzitadelle mit Riesenwassergraben drumherum ist, eine Exportnation, die nur deshalb nachts nicht schlafen konnte, weil sie nie sicher war, ob die Weltkonsumgemeinschaft am nächsten Morgen noch über genügend Kapital verfügte, um deutsche Regale leer zu kaufen. Das ist vorbei. 

Politiker wie Jens Spahn planen für härtere Zeiten, denn sie ahnen, dass die größten Probleme nicht jene sind, die sich ein Land selbst einbrockt, sondern solche, die die globalisierte Welt mit sich bringt. Dazu gehören die Flucht- und Migrationsbewegungen, gewiss auch die ungesteuerte Selbstverwirklichung des Finanzkapitalismus oder ein Freihandel, dessen Verlierer sich nicht mehr mit der Ökonomenweisheit abspeisen lassen, es gebe zum Ausgleich in anderen Weltteilen glückliche Gewinner.