Ich stehe am Mikrofon einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt und bin eingeladen, über mein neues Buch zu sprechen. Fast wäre ich zu spät gekommen, ich bin außer Atem. Es ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass ich einem Literaturkritiker gegenübersitze. Fünf Jahre, und ich komme zu spät. Das allein genügt: Ich empfinde die Situation als einschüchternd.

Das Interview beginnt und ich merke, wie alles in mir erschlafft. Ich höre die Fragen wie im Nebel, ich kann mir förmlich dabei zusehen, wie meine Sprache stottert, hakelt und verknotet. Es ist verrückt. Das Thema meines Buches ist der doppelte Milieuwechsel innerhalb meiner Familie und die damit verbundene Herkunftsscham. Die Scham, die mich lange Zeit in intellektuellen Kreisen befiel, insbesondere beim Sprechen in der Öffentlichkeit. Der Gegenstand unserer Rede spiegelt sich also eins zu eins in der Form. Nur bleibt dies unkommentiert. Über die Scham schreiben konnte ich, wenn auch nicht ohne Mühe. Öffentlich über diese Scham zu sprechen beschämt mich offenbar. Noch immer.

Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, schreibt Prosa, Theatertexte und Essays. Im Herbst 2018 erschien der autobiografische Text "Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft" bei Hoffmann und Campe. Sie ist Gastautorin von "10 nach 8". © Stefka Ammon

Es ist zu spät, als ich merke: Ich antworte wie eine brave Abiturientin. Der Moderator macht nichts falsch. Er stellt Fragen, ich antworte. Wie in einer Prüfung fühlt es sich an. Sogar dass sich Ungenauigkeiten einschleichen, lasse ich zu. Ich widerspreche nicht, als die Fragen meine Eltern als kleinbürgerlich rahmen, obwohl ich die Konnotationen dieses Etiketts nicht mag. Wie ich überhaupt keine Etiketten mag. Zu sehr fürchte ich die Nähe zum Ressentiment.

Wir reden über Scham und ich sage nicht, dass es eine Scham zweiter Ordnung ist, die ich gelernt habe, für meine Herkunft zu empfinden. Ich sage nicht, dass ich gelernt habe, mich zu schämen. Ich sage nicht, dass es für diese Scham nie einen Grund gab. Dass ich meine Eltern liebe. Und dass genau das das Schlimme ist. Nichts ist schlimmer, als sich für jemanden, den man liebt, zu schämen. Ich sage nicht, dass es gar nicht allein um mich geht. Um meine Geschichte. Dass ich nur "ich" sage, damit andere "ich" sagen können.

Noch während des Interviews ärgere ich mich. Ich hatte gedacht, ich sei weiter. Freier in meinem Sprechen. Am Vorabend, bei meiner Buchpremiere, war ich es. Und in den Interviews davor und danach auch. Offenbar aber muss ich die Scham noch immer und immer wieder verlernen. Ich muss sie aussprechen und dieses Aussprechen als emanzipatorischen Akt begreifen lernen, wie meine Kollegin Dilek Güngör zuletzt in ihrem wunderbaren Text ausführte.

Im Schreibprozess habe ich mit einer Freundin gescherzt, ein geflügeltes Wort daraus gemacht: "Habitus erkannt, Habitus gebannt." Von wegen. Der Habitus ist eine "zweite Natur". Niemand kann ihn so leicht ablegen. Die erlernte soziale Grammatik sitzt tief in mir. Wie ein überaus resistenter Vampir, der mich aussaugt und lähmt, wenn ich es ihm erlaube, dass er mich im öffentlichen Sprechen hinterrücks heimsucht.

Dieser Vampir ist das Produkt eines Geflechts. Klasse, Kultur, Geschlecht – ich kann das eine kaum vom anderen trennen. Ich bin nicht nur ein "Aufsteigerkind", ich bin auch das Kind einer Mutter, die wiederum als Kind schlesiendeutscher Aussiedler*innen ihrem Selbstbild nach eine Fremde geblieben ist in dieser westdeutschen Mittelklasse-Normalität. Im Polen der Nachkriegszeit ist sie überdies mit einem Sprachverbot aufgewachsen, auch deshalb wählt sie ihre Worte umsichtig. Und nicht zuletzt bin ich selbst – eine Frau.

In ihrem Essay Frauen und Macht führt Mary Beard aus, dass es lange Zeit als verfemt und "störend" galt, wenn Frauen versuchten, an öffentlichen Debatten teilzuhaben. Das Timbre der weiblichen Stimme stand unter Verdacht, die Autorität des Mannes und damit die "Gesundheit" des Staates zu untergraben. Der Redner Dion Chrysostomos ("Goldmund") entwarf im 2. Jahrhundert n. Chr. folgendes Schreckensbild: Man solle sich nur vorstellen, wie "ein ganzes Volk von dem Missgeschick befallen (würde), dass alle Männer die Stimmen von Frauen bekämen und weder jung noch alt in seiner männlichen Tonlage sprechen könnte. Würde man das nicht für ein furchtbares Unglück halten, vielleicht noch schlimmer als jede Pest?"