Die Schreckstarre ist aufgelöst. Was mit kleineren Kundgebungen für ein offenes Europa begann, mit netzbasierten Initiativen und Demos gegen Naziaufmärsche weiterging, mündete in den vergangenen Tagen in beeindruckenden Massendemonstrationen, deren Teilnehmer sich grosso modo dem politischen Spektrum von liberalkonservativ bis links zuordnen ließen. Im konservativen Bayern wiederum scheiterte die CSU mit ihrer Strategie, dem Merkel-Hass der AfD mit Seehofereien den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sie verlor Stimmen an die AfD – und noch mehr Stimmen an die Grünen. Was bedeutet das alles?

Beginnen wir mit der scheinbar banalen Tatsache, dass sich überraschend viele Körper bewegt haben. Was hat sie mobilisiert? In Berlin war am vergangenen Samstag fast eine Viertelmillion auf den Beinen, um an der #unteilbar-Demonstration teilzunehmen. Die Leute verhielten sich friedlich, gut gelaunt und nicht gerade wie Getriebene. Das unterschied sie sichtlich von den wütenden Haufen, wie sie auf Nazidemos zu sehen sind. Hass und Wut sind starke Antriebskräfte, sie setzen die Körper mit Leichtigkeit in Bewegung; guter Wille und Bürgersinn allein haben nicht diese Kraft. Da muss schon ein Gefühl der Dringlichkeit hinzutreten.

Elf Prozent aktive Flüchtlingshelferinnen und -helfer

Die Teilnehmenden der jüngsten Massendemonstrationen, deren Anzahl selbst Optimisten verblüffte, waren keineswegs aus dem Nichts aufgetaucht. Vor einem Jahr untersuchten die Allensbacher Demoskopen die Bereitschaft der Deutschen, neu angekommenen Migranten zu helfen. Und siehe da: Sie ermittelten elf Prozent "aktive Helferinnen und Helfer. Diese Aktiven unterstützen Flüchtlinge bei Behördenkontakten, begleiten sie zu Arztbesuchen, unterrichten Deutsch oder verbringen Freizeit mit den geflohenen Menschen. Ein Teil der Helferinnen und Helfer hat auch Patenschaften für Flüchtlinge übernommen oder lässt sie bei sich wohnen."

Elf Prozent Aktive. Eine beeindruckende Zahl. Diese elf Prozent entsprechen rund neun Millionen Menschen. Und die sind nur der aktive Kern; um sie herum dürfte es noch viele Male mehr Bürger geben, die den Migranten gegenüber so etwas wie Nächstenliebe empfinden. Man darf vermuten: Sie sind die Mehrheit. Eine Mehrheit, die den Einzug der AfD in die deutschen Parlamente als Bedrohung ansieht. Ein daraus resultierendes Gefühl der Dringlichkeit könnte übrigens auch etliche Bürger Bayerns, die am vergangenen Sonntag lieber zu Hause geblieben wären, auf den Weg ins Wahllokal getrieben haben. Mit 72 Prozent war die Wahlbeteiligung so hoch wie seit 1982 nicht mehr.

Die große Koalition ist kein Bollwerk gegen Nationalismus und Reaktion

Vor dem Hintergrund dieser Stimmungslage sind die neuen Signale zu analysieren. Das eigentlich Interessante an ihnen ist weder die altbewährte Form der Demonstration mitsamt der eingebetteten Happenings wie in Berlin, noch die Vielfalt der Bündnispartner. Nein, neu ist vielmehr, dass in Berlin, Hamburg und anderswo der Wille spürbar wurde, aus der Defensive zu kommen. Also nicht nur die Grundrechte und den Rechtsstaat als etwas Bestehendes gegen seine Feinde zu verteidigen, sondern auch Veränderungen in der Politik zu verlangen. Und zwar gerade deshalb, weil sich die große Koalition eben nicht als Bollwerk gegen Nationalismus und Reaktion erwiesen hat.

Im Aufruf für die Berliner Demonstration heißt es: "Wir lassen nicht zu, dass Sozialstaat, Flucht und Migration gegeneinander ausgespielt werden." Das klingt gut, wartet aber auf Präzisierung. Denn erstens: Was heißt "nicht zulassen"? Welche Politik wäre stattdessen möglich? Und zweitens: Wer ist "wir"? Welche politische Konstellation könnte das leisten?