Natürlich fragt man sich, ob arm, unterrepräsentiert und chancenlos zu sein, mit dem Begriff "unten" präzise umschrieben ist. Denn es findet gerade eine Diskussion darüber statt, wie es ist, "unten" zu sein. Oder wie man dem "unten" entkam. Zur Zeit wird auf Twitter die Klassengesellschaft unter dem Stichwort #unten sichtbar gemacht, und wie immer bei öffentlichen Diskursen wird die Metaebene sofort mitdiskutiert. Während die "unten" damit beschäftigt sind, ihr Untensein zu beschreiben, rezensieren das bereits einige von der Seitenlinie aus, gewissermaßen von "oben" herab.

Fortschritt und Modernität wird mit dem Begriff "vorwärts", das Reaktionäre mit "rückwärts", Armut mit "unten" und Reichtum mit "oben" codiert. Wo aber gehört der FDP-Wähler aus dem verarmten Adel hin? Warum empfinden sich sozial aufgestiegene Politiker oder vermögende Fußballspieler mit Migrationshintergrund zeitlebens dem "unten" zugehörig? Woran macht man die Kategorien des Untenseins also fest? Am Eigentum, am sozialen Status, an Herkunft?

Armut hat viele Gesichter. Dass ein Flüchtlingskind, das in einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung mit seiner Mutter lebt, die nichts besitzt und keinen Beruf hat, arm ist, darauf kann man sich vermutlich schnell einigen. Neben den ökonomischen Faktoren gibt es aber zahlreiche sozialpsychologische Aspekte wie Entfremdung, Ausgrenzung und Isolation, die auch Kinder betreffen, deren Lebensverhältnisse von außen betrachtet erst einmal nicht dramatisch erscheinen. Das Kind einer alleinerziehenden Sprechstundenhilfe wird sicherlich nicht hungern müssen, trotzdem käme man nie auf die Idee, es mit dem Kind des Sparkassendirektors zu vergleichen. Obwohl beide Kinder im selben Viertel leben, denselben Schulbus zur Schule nehmen, Abitur machen und studieren. Fehlende Chancengleichheit sprengt den Rahmen des Sichtbaren. Wenn dann noch Rassismus, Sexismus und andere Diskriminierungen stattfinden, dann landet man bei der Klassenfrage und automatisch bei einem Gespräch, das sich mit der Aufbesserung des Kontostandes nicht erledigt.

Interessant an der Hashtag-Diskussion ist der Zeitpunkt, und dass sie manchen so neu erscheint. Vielleicht weil darin erstmals Stimmen laut werden, die zwar auch sonst in der Öffentlichkeit hörbar sind, zu diesem Thema aber bisher schwiegen. Man liest von den privaten Verhältnissen von Publizistenkollegen und ist in vielerlei Hinsicht beeindruckt oder bedrückt. Und trotzdem ist das Sprechen über Armut nicht neu: Sie taucht immer wieder auf, mal getarnt als Integrationsdebatte, Rassismusdebatte, dann wieder als Schulpolitikdebatte oder als Hartz-IV-Debatte. Wir reden in diesem Land eigentlich permanent über die soziale Frage und die Unmöglichkeit, das sozioökonomische Milieu zu verlassen. Wer es "raus schafft", bleibt eine Ausnahme.

Die deutsche Randgruppenbeschämung

Als der damals designierte Gesundheitsminister Jens Spahn eine Diskussion darüber eröffnete, dass Hartz IV nicht Armut bedeute, löste das auch deshalb Empörung aus, weil das Land längst auf einem anderen Diskussionsstand war. Es passiert häufig, dass irgendjemand in der öffentlichen Auseinandersetzung über schwierige Lebensverhältnisse meint, Armut auf Hunger reduzieren zu können, wie wir ihn aus der Dritten Welt kennen. So gesehen hungere hier niemand, und demnach sei keiner arm.

Es hat in Deutschland gewissermaßen Kultur. Das kollektive Beschämen sozialer Randgruppen und die schamlosen Erziehungsversuche an ihnen ist ein Topos, der sich wie ein roter Faden durch die Deutschlandgespräche zieht. "Waschen und rasieren", dann klappt es auch mit dem Job (Kurt Beck), Zähne zusammenbeißen und "dicken Pullover" anziehen (Thilo Sarrazin), und überhaupt einfach mal als Sozialhilfeempfänger aufhören in "spätrömischer Dekadenz" von Wohlstand "ohne Anstrengung" zu träumen (Guido Westerwelle). Dabei wäre es ein Leichtes, sich als oberstes Ziel Solidarität zu setzen. Zu sagen: Ich bin im Gegensatz zu Ihnen nicht arm, aber ich kämpfe an Ihrer Seite, damit sich Ihr Leben verbessert.

Es ist nicht die Aufgabe der Armen, für ihre Würde zu kämpfen, sondern die Aufgabe der Nichtarmen, die Würde dieser Menschen zu schützen. Armut macht verletzlich und angreifbar. Armut beschämt.

Es gibt viele mögliche Reaktionen auf die Schilderungen eines Menschen, der sein Leben, aufgrund seiner Herkunft oder anderer Umstände, als mühsam oder schmerzhaft beschreibt: Interesse, Bedauern, Mitleid, sogar Gleichgültigkeit. Vielleicht gibt es Zuhörer, die das Geschilderte als übertrieben, überspitzt, wichtigtuerisch empfinden. Mag sein. Asolidarisch wird es, wenn die Schilderungen über Armut in einen Überbietungswettbewerb unter den Beteiligten ausarten. Ja, es gibt Deutsche, die nur "arm" sind, und Migranten, die zusätzlich rassistisch diskriminiert werden und oftmals nicht einmal das Wahlrecht besitzen, um ihre politischen Verhältnisse beeinflussen zu können. Sie sind mehrfach benachteiligt. Aber: Wenn man hier nicht zusammenhält, dann ist das wirklich ziemlich niedrig.

Noch problematischer als das aber ist es, wenn linke Bewegungen die Armut dieser Bevölkerungsgruppen gegeneinander ausspielen. Wenn sie arme Menschen nach Herkunft oder religiöser Zugehörigkeit hierarchisieren, um daraus eine politische Agenda zu machen, die darin besteht, die deutsche Flüchtlingspolitik zu beeinflussen oder den "armen Deutschen" gegen den "armen Fremden" oder den "armen Ausländer" in Stellung zu bringen.

Auslöser der Twitter-Debatte #unten waren nämlich die linke Zeitung der Freitag und der Autor Christian Baron, der mit seinem Text Sie nannten uns Sozialadel den Auftakttext dazu lieferte. #unten steht auf dem Titelblatt der aktuellen Ausgabe. Die flüchtlingskritische, linke Sammlungsbewegung #aufstehen, die sich vorgenommen hat, die AfD-Wähler zurückzugewinnen, hat sich offiziell an die #unten-Kampagne auf Twitter rangehängt. Man hat Probleme, zu unterscheiden, inwiefern die beiden Bewegungen, die interessanterweise beide von "oben" organisiert werden, zusammenhängen, beziehungsweise ob sie es nicht tun.

Wenn die #unten-Berichterstattung als mediale Schützenhilfe für #aufstehen verwendet wird, dann diskreditiert das auf einen Schlag die Utopie von einer grenzenlos solidarischen Welt. Es ist nämlich genauso, wie es Carolin Emcke in ihrer Rede zur #unteilbar-Demo in Berlin sagte (an der #aufstehen übrigens nicht teilnahm):

Es gibt sie nicht: die Hierarchie der Menschen und ihrer Nöte.
Es gibt es nicht: hier die Arbeitslosen, die Arbeiterinnen, die sozial Marginalisierten, und da die Geflüchteten, die Migrantinnen, die Jüdinnen.
Es gibt sie nicht: hier die wichtigen Probleme der einen, und da die zweitrangigen Probleme der anderen!