Das Personality-Magazin Boa von Jérôme Boateng ist eigentlich ein Katalog. Gegen eine Schutzgebühr von 4,90 Euro werden der Leserschaft 59 Waren in einem Gesamtwert von 121.005,60 Euro angeboten (wenn wir uns nicht verrechnet haben). Die erste Produktstrecke klingt dabei noch relativ exklusiv: "Pick it like Boa – Dreizehn Dinge, die zu haben sich lohnt. Aus gutem Grund ausgewählt von Jérôme Boateng." Wollte man den Anregungen folgen, wären hier schon 30.987,90 Euro fällig, wobei den größten Anteil daran eine Uhr hat (um 29.000 Euro). Danach zeigen weitere Produktvorstellungen, dass Lebensstil von Boa vor allem quantitativ gedacht wird – als tendenziell endlos erweiterbares Ensemble scheinbar topkuratierter Einkaufstipps. Für den kleinen Geldbeutel kommt als Erstes ein Poster (5 Euro) infrage.

Die "Gönnung des Monats" ist beim Gesamtbetrag übrigens noch gar nicht berücksichtigt – ein Pool, in dem man surfen kann (980.000 Euro). Die "Gönnung" ist natürlich eher ironisch gemeint, passt aber zum Image, das Boa ausprägt: Konsum ist etwas, mit dem sich viel Zeit (im Heft: viel Platz) bestreiten lässt. Der ideale Leser von Boa dürfte also jemand wie der Rapper Shindy sein. Den besucht Boa in Bietigheim-Bissingen, wohin der Musiker nach der Trennung von Bushido und dessen Clan gezogen ist. Der erste Satz des Porträts lautet: "Shindy lehnt in einer babyblauen Bomberjacke am Treppengeländer, an den Füßen limitierte Sneaker im Wert eines Gebrauchtwagens, und raucht."

Wo Waren Raum einnehmen, wird an Inhalt gespart. Der "Long Read" ist jedenfalls nicht das Format, für das dieses Heft entwickelt wurde. Vieles von dem, was das Rollenmodell Jérôme Boateng ausmacht, lässt sich in twitterlangen Texten sagen, die großformatig auf bunte Seiten verteilt werden. Da steht dann etwa: "Ich hatte alles – und fühlte nichts", und darunter wird auf 299 Zeichen ein überwundener Krisenmoment im Leben des 1992 geborenen Models Adwoa Aboah ausgeführt.

Das Titelbild der ersten Ausgabe von "Boa" © Territory

"Inspiration" ist eines der großen Dinger des Magazins, schließlich gehört Vorbildwirkung zu den herausragenden Funktionen von Stars wie Jérôme Boateng: dass sie anderen ein Beispiel sind. Die Erzählung, die Boa daraus macht, ist spezifisch, weil zur Biografie des afrodeutschen Fußballspielers eben auch die Erfahrung von Nicht-Dazugehörigkeit, von Rassismus gehört.

Boatengs Bruder Kevin-Prince ist bislang politisch stärker in Erscheinung getreten. Die Sätze, die Jérôme nun im Gespräch mit Herbert Grönemeyer (dem längsten Stück im Heft) über Deutschlands Gegenwart sagt, mögen dagegen etwas ministrabel-zurückhaltend klingen ("Wenn rechte Positionen bis in die Mitte der Gesellschaft vordringen, sollte jeder aufstehen und Stellung beziehen" – in  verschiedenen Variationen). Und wenn es um Mesut Özil geht, hätte man sich etwas mehr Details darüber gewünscht, wie die Politik des DFB und die Kampagne der Medien innerhalb der Nationalmannschaft diskutiert wurden. Aber klar wird beim Durchblättern des Hefts, dass Boa um Themen wie Integration oder Alltagsrassismus keinen Bogen macht. Auch wenn sie vielleicht nicht im Hochleistungssport oder auf dem Filmset verhandelt werden, sondern anhand ferner Kindheitserfahrungen.

Tatsächlich wäre wohl kaum ein anderer deutscher Nationalspieler als Jérôme Boateng denkbar, an dem sich derart mühelos so viel Welt in aller Widersprüchlichkeit erzählen ließe. Und dass er dazu noch lässig genug ist, um als Werbefigur für Streetstyle-Produkte aller Art zu funktionieren, wird einen ordentlichen Beitrag zur Finanzierung dieses Magazins geleistet haben.

Für eine Lebensrealität zwischen globalem Style, sogenanntem Migrationshintergrund und konkreter deutscher Biografie bürgen Gewährsmänner (es sind vor allem Männer) wie besagter Shindy, der Basketballspieler Dennis Schröder, die Schauspieler Kida Khodr Ramadan und Veysel Gelin oder DJ Khaled, die alle verbindet, dass sie auf dem Weg nach oben Widerstände überwinden mussten.    

"Schwarz, rot, neu" heißt dementsprechend eine Strecke, in der 30 Menschen im Alter bis 30 Jahren versammelt sind, die "uns wieder Hoffnung" geben – für eine Gesellschaft, die Vielfalt nicht als Problem begreift. Der Index kompiliert neben angesagten Schauspielerinnen wie Paula Beer auch weniger prominente Figuren wie die Poetry-Slammerin und die Medizinstudentin Nemi El-Hassan oder den Fotografen Vitali Gelwich. 

Bemerkenswert ist es doch, dass ein Hochglanzheft wie Boa bis vor Kurzem noch gar nicht denkbar war. Es bildet einen großen Teil der Bevölkerung ab, der sich lange Zeit gegen die Annahme behaupten musste, er sei nicht selbstverständlich. Dass Deutsche aber Söhne und Töchter von Türken, Griechinnen, Vietnamesen, Serbinnen, Libanesen, Schwedinnen, US-Amerikanern oder Ghanaern sind, ist heute eine Tatsache.

"Boa" soll alle zwei Monate erscheinen, die nächste Ausgabe ist für Februar 2019 geplant.