Wenn sich Gesellschaften in Unruhe befinden, haben historische Vergleiche Konjunktur. Die bundesdeutsche Unruhe etwa schlägt sich aktuell in der Rede von den "Weimarer Verhältnissen" nieder, die die Erfolge von AfD, Lügenpresse-Rufen und BRD-GmbH-Verdächtigungen einordnen und prophezeien soll, wie sich dies weiter entwickeln könnte. Hier aber liegt eine mögliche Schwäche des Weimar-Vergleichs. Die Last der Geschichte steht ihm häufig im Weg. "Weimar" hält das Material für das singuläre deutsche Weltverbrechen Holocaust bereit, es führt nach "Auschwitz". Die AfD ist aber – Grund zu wenigstens dieser Hoffnung besteht – keine NSDAP 2.0. Vielleicht hilft es angesichts dieses Problems, sich einer Vergleichszeit zu widmen, die frei von einer solchen Last ist, so dass man beruhigt mit ihr gedankenspielen kann.

Dieser Artikel stammt aus der November-Ausgabe 2018 des "Merkur".

Mir kommt dabei vor allem eine historische Phase in den Sinn: die Jahre zwischen etwa 1475 und 1510. In dieser Zeit wird nämlich eine rhetorische Spur gelegt, die bis heute auftaucht, wenn etablierte Ordnungen infrage gestellt werden. Mit dem Beginn der Moderne entsteht zugleich das antimoderne Ressentiment, mit dem diese Moderne in einer Gegenbewegung desavouiert wird. Ja, es ist ihr genuines Merkmal, dass mit ihrem Beginn jene Kräfte die Bühne betreten, die sie bekämpfen. Setzt man AfD etc. (Trump, Brexit usw.) vor diesen Zeithorizont, dann kann man darin die tausendste Ausgabe einer Moderneverachtung erkennen, die nur ganz am Anfang neu gewesen ist – eine Verachtung, die auch "Weimar" kennzeichnete.

Im historischen Niemandsland um 1500 ist die politische Stimmung angespannt. Selbsternannte Propheten, Prediger, bestenfalls geduldet von den kirchlichen Autoritäten, ziehen durch die Städte, prangern die adligen, kirchlichen und wirtschaftlichen Eliten an, werfen ihnen vor, sie würden das einfache Volk nicht mehr repräsentieren, seien in ihren jeweiligen Ständen von den Sorgen der Mehrheit abgeschirmt. Auch hier: Formen von "Zornpolitik" und "großer Gereiztheit", so die Schlagworte, mit denen Uffa Jensen und Bernhard Pörksen den gegenwärtigen Populismus benennen. Der sogenannte Pfeifer von Niklashausen agitiert 1476 erregt gegen die Eliten: "Der Kaiser ist ein Bösewicht und mit dem Papst ist es nichts. [Sie bringen] nur Zoll und Belehnung über das Gemeine Volk", soll er vor siebzigtausend Wutbauern gepredigt haben. Siebzigtausend, das sagen zumindest die offiziellen Chroniken; wahrscheinlicher ist, dass es wenige Tausend waren. Das Establishment ist nämlich im gleichen Maße abgestoßen wie fasziniert, weshalb die Schreibenden gebannt auf die "Figur des Hässlichen" schauen, den grotesken Körper der hier wuterfüllt Schnaubenden in den Mittelpunkt ihrer Beschreibungen setzen.

Um 1500 entdeckt man, was noch im Blick auf die Pegida-, oder Chemnitz-Märsche wichtig sein wird: Zum Beobachten des Politischen gehört es, Affektpoetiken zu verfolgen, da Aufstände gegen politische Ordnungen zugleich Aufstände gegen ästhetische Ordnungen sind, die auf der Kontrolle des Körpers aufbauen – man denke nur an das schnell entstandene Wandbild mit dem Pegida-Demonstranten Maik G., das durchaus in einer Bildtradition mit dem hitlergrüßenden Deutschland-Trikotträger in eingenässter Hose aus Rostock-Lichtenhagen steht.

Um 1500 wird auch wegen solch faszinierter Abscheu die Bedeutung der Propheten und ihrer Anhängerschaft von den Zeitgenossen – unter denen die Schreibenden natürlich zu den Angegriffenen gehören – völlig überzeichnet. Es reichen ein paar Bauern, die mit Mistgabeln und Wutfratzen gegen zu hohe Steuern demonstrieren, und schon ist von "gefährlichen Zusammenrottungen" die Rede. Lokal begrenzte Aufstände, nicht in Dresden, sondern im Thüringischen beziehungsweise Süddeutschen, werden entsprechend von beiden Seiten als Erhebungen hypostasiert, die die gesamte Ordnung infrage stellen.

Neue Medien und die Entdeckung des "Volkes"

Mit der Erfindung der Druckerpresse verbreitet sich das geschriebene Wort sehr viel schneller, Nachrichten – natürlich auch fake news – erreichen nie dagewesene Reichweiten. Und es ist kein Wunder, dass auch erst jetzt so intensiv vom "Volk" gesprochen werden kann. Vorher waren "die da oben", die "kleinen Leute" und die "Mächtigen" Größen, die man als Handwerker oder Bauer lediglich aus dem Face-to-face-Kontakt oder aus Predigten kannte. Die neuen Medien aber schaffen eine wichtige Integration. Sie vermitteln – zunächst unter den Lesenden, die dies dann weitergeben – das Wissen, dass es überhaupt ein großflächiges "Wir" und "Sie" gibt, Gruppen, die nicht hinter dem nächsten Dorf enden.

Selbst in Bremen erfährt man zeitnah, dass der Pfeifer in der Gegend um Würzburg gegen Ungerechtigkeiten protestiert, die so doch auch in Bremen herrschen. Ja, erst jetzt erkennt man Kategorien, die das Leben in Bremen genauso beobachtbar machen wie das Leben in Würzburg. Dadurch fühlt man sich trotz aller räumlichen Distanz als eine Gemeinschaft der Protestierenden und Wütenden. Die neuen Medien bringen die eingeübten Kategorien durcheinander und schaffen neue. Was ein "Volk", "Untertan", die "Obrigkeit", ja, was ein "Deutscher" überhaupt sein soll, wird hier erstmals thematisiert, erdacht und vor allem erfühlt.