Politik ist kompliziert. Das ist eine Binse, aber vielleicht darf man sie wiederholen im Moment des Innehaltens, den Angela Merkel am Montag ausgegeben hat. Niemand weiß, ob ihr Plan, auch ohne Parteivorsitz als Kanzlerin zur Verfügung zu stehen, funktionieren kann. Vielleicht glaubt sie selbst nicht daran. Aber die unbeschwerte Art, mit der sie ihren Entschluss mitteilte, könnte eine Befreiung nicht nur für sie selbst gewesen sein. Wenn das Fenster, das sie geöffnet hat, nicht gleich wieder zugehauen wird, dann könnte die Union, es könnte das ganze Land einen Augenblick der Offenheit erleben, in dem es sich fragt, wie es weitergehen will. Merkels Politik war mehr als nur politisch. Sie hatte etwas Philosophisches, sie entsprach einer Haltung zur Welt

Der oft beschriebener Pragmatismus der Kanzlerin war auch eine Strategie, mit der Komplexität der Welt fertig zu werden. Dazu schlug sie im Wesentlichen zwei Dinge vor. Einerseits sehr wenige, sehr simple inhaltliche Grundsätze. Dass man Flüchtlingen ein freundliches Gesicht zeigen solle zum Beispiel und dass man es im Übrigen schon "schaffen" werde: So lautete das ethische Prinzip ihrer späten Jahre. Dass man Eurobonds niemals zulassen dürfe, war die ordnungspolitische Überzeugung, die ihr Frühwerk prägte. Zweitens vereinfachte Merkel die Politik, indem sie sie personalisierte wie kein Kanzler vor ihr. Sie legte das politische Handeln auf ihre Person und Persönlichkeit, auf ihren Stil, auf ihre Art des Verhandelns und Kommunizierens fest.

Auch Merkel vereinfachte die Welt

Nach einer der Definitionen von Populismus gibt dieser einfache Antworten auf komplexe Fragen, nach einer anderen ersetzt er Rationalität durch Emotionen. Viele hielten Merkel deshalb für die unpopulistische Politikerin par excellence: Wenn im Moment der Erregung – nach dem Brexit-Votum zum Beispiel – alle eine große, pathetische Geste erwarteten, war sie immer dafür gut, an bestehende Regeln oder vor Monaten ausgehandelte Positionspapiere zu erinnern. Niemand hatte in diesen Stunden Lust auf politisches Graubrot. Es bildete aber noch immer die verfahrenstechnische Grundlage, mit den Geschehnissen fertig zu werden. Unnachahmlich und auch rhetorisch ein Meisterstück, wie Merkel Donald Trump nach dessen Wahlsieg an die Selbstverständlichkeiten des westlichen Liberalismus erinnerte.

Auch Merkel vereinfachte die Welt. Nur tat sie es anders als die sogenannten Populisten: indem sie Politik einerseits radikal versachlichte und sich ihre protestantisch-unterdrückte Emotionalität nur für wirklich krasse Richtungswechsel aufhob. Und indem sie andererseits persönlichen Stil und persönliche Ethik niemals von politischer trennte. Persönlich aufrichtiges Handeln war für Merkel immer auch das politisch richtige, mit der Art ihres Rückzugs hat sie das noch einmal bestätigt. Ob daraus auch gute Politik resultierte, sei dahingestellt. Jedenfalls bediente Merkel einen moralischen Affekt vieler Deutscher: den sehnlichen Wunsch, in der Komplexität und allgemeinen Korruptheit der Welt noch einen moralisch integren Standpunkt finden und vertreten zu können.

Die Frage ist: Welche Art der Weltvereinfachung kommt als Nächstes?

Einige potenzielle Antworten auf diese Frage füllen längst die Abendnachrichten, über sie braucht man gar nicht mehr viel zu sagen. Wer fürchtet, das Kanzleramt könne bald einem wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro anheimfallen, der fürchtet vielleicht etwas Abwegiges. Realistischer wäre der Stil eines europäischen Rechtspopulisten wie Sebastian Kurz oder Viktor Orbán. Da wird das Eigenkulturelle ohne viel Understatement gefeiert, es werden die Gegner im Inneren und Äußeren auch mal demonstrativ eingeschüchtert, und komplexe Probleme werden so zerkleinert, dass nicht man selbst sich zu disziplinieren hat oder die eigenen Wähler. Zu disziplinieren haben sich die anderen: die Migranten, die Flüchtlinge, die Euro-Südländer, die Schwächeren.

Caritas und Sparkommissar

Deutschland hat mit diesem Nationalegoismus mehr Übung, als es denkt. Seine Selbstwahrnehmung ist nur arg verzerrt, weil es seit dem Flüchtlingsherbst 2015 glaubt, es sei die Caritas des Kontinents. Mindestens parallel dazu ist es auch sein Sparkommissar. Im viel zu selten benannten Zusammenhang zwischen Flüchtlings- und Eurokrise stehen Merkels ethischer und ihr ordnungspolitischer Grundsatz gegeneinander.

Der rechte Flügel der CDU, namentlich Jens Spahn, hat schon einige populistische Duftmarken hinterlassen, die ihn in die Nähe von Sebastian Kurz rücken könnten. Die nötige Egozentrik besäße Spahn zumal. Sein Bewerbungsschreiben um den CDU-Vorsitz in der FAZ leidet an dem kaum zu lösenden Widerspruch, dass es eine Konzentration auf die "ureigenen Unionsthemen Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit" verspricht, zugleich aber eine volksparteiliche Weitung nach allen Seiten, nicht nur ins Lager der AfD, sondern ausdrücklich auch in das der Grünen. Wie sich Letzteres mit seiner Signalbemerkung vertragen soll, die Migration sei "der weiße Elefant im Raum" und Deutschland erfahre "weiterhin eine jährliche ungeordnete, überwiegend männliche Zuwanderung in einer Größenordnung von Städten wie Kassel oder Rostock", bleibt sein Geheimnis.