Eröffnungsrabatt! Zehn Prozent! Zwanzig Prozent! Fünfundzwanzig Prozent im Drogeriemarkt!

An der Eingangstür sehe ich einen Handwerker zwei aus der Wand ragende Kabel abklemmen. Zettelverteilerinnen drängen mir ihre analoge Werbung auf.

Ich wandere hinein in den karamell-orangefarbenen Innenraum der neuen East Side Mall in Berlin und entdecke, Überraschung, es gibt einen Saturn! Nur für die, die nicht mehr wissen, was das ist: Es handelt sich um einen Elektronikmarkt. Das ist ein Geschäft, das Geräte wie Flachbildfernseher oder Waschmaschinen, also all das, was man eigentlich online kauft und liefern lässt, vor Ort ausstellt. Ich betrete die nagelneue und schon veraltet wirkende Verkaufsfläche – möchte heute aber, trotz Eröffnungsangebot, lieber keinen Kühlschrank kaufen.

Ich staune, welche erlesenen und in Berlin sonst nie gesehenen Geschäfte hier heute Filialen eröffnen: Aldi, McPaper, Nordsee, Deichmann und Rewe. Wahnsinn! Eine Bioladenkette ist auch dabei, die Versorgung ist gesichert, keine Mangelwirtschaft mehr im Osten.

Glücksräder stehen vor einigen Geschäften, die Kunden des Glücks stehen Schlange. Das traurigste Glücksrad dreht sich vor dem Mobilfunkladen im Untergeschoss. Das heißt, es dreht sich noch nicht einmal, es ist nur eine Animation auf einem hochkant stehenden Monitor und nicht einmal ganz zu sehen. Zu gewinnen gibt es, die Schlange ist nun zwanzig Meter lang, ermäßigte Vertragsverlängerungen und rote Lutscher.

Ja, der Kapitalismus hat nichts zu verschenken. Neben den apathisch hintereinander Wartenden turnt eine junge Frau in Sportkleidung, sie hampelt, sie tanzt, sie strampelt sich ab und dreht und wirbelt dabei ein Schild herum. Sie wirbt, "macht xuperdrauf" steht auf dem Schild, für das Fitnessstudio im Haus.

"Mall" heißt albern oder verrückt

Es war gar nicht so leicht, in die neue, die 69. Mall von Berlin hineinzufinden. Das auffällig bunte, dunkelrot-orange-grauweiß-gestreifte Gebäude liegt zwar gut sichtbar an der Warschauer Brücke in Friedrichshain-Kreuzberg – nur gibt es von dort selbst noch keinen Zugang. Junge Menschen mit pfeilförmigen Schildern – einer steht schon am Ausgang des S-Bahnhofs Warschauer Straße – tanzen den Weg durch ein M.C.-Escher-haftes Gewirr von Betontreppen unter der Fahrbahn der Warschauer Brücke.

Die Polizei ist um kurz nach zehn auch schon da, mehrere Beamte lehnen am Geländer Warschauer Brücke. So groß, dass sie eingreifen müssen, ist der Andrang am Eröffnungstag noch nicht. Es dauert, bis ich verstehe, dass sie bloß dieses Geländer, an dem sie lehnen, bewachen. Es versperrt noch den Zugang zu einer neuen, breiten Fußgängerbrücke, die direkt in das Einkaufszentrum hineinführen würde. Das Geländer darf, kleine Berliner Bauposse, jedoch nicht freigegeben werden, weil sonst der Bestandsschutz der Warschauer Brücke verloren ginge. Die Investoren haben es einfach versäumt, sich darum zu kümmern.

Nach dem Zeitalter der "Center" (Europa-Center, Gesundbrunnen-Center) und dem der "Arkaden" beziehungsweise "Arcaden" (Schönhauser Allee und Potsdamer Platz) darf eine Mall in Berlin nun einfach "Mall" heißen. So wie die vor wenigen Jahren durch Gerichtsverfahren um vorenthaltene Bauarbeiterlöhne berühmt gewordene Mall of Berlin und nun eben auch die East Side Mall, die sich den anderen Teil ihres Namens von der nahen East Side Gallery geliehen haben wird.

"Mall", erzählt mir ein Freund, soll Plattdeutsch "albern" oder "verrückt" heißen. Nun kann sich jeder seinen Reim auf diesen Namen machen.

"Hier wie üblich die Fressmeile", höre ich einen wohlgenährten Blousonträger sagen.

"Och, noch nich allet fertig", sagt seine Begleitung. Und sie hat recht: Wie fast überall im Haus sind auch hier – heißt das soft opening? – noch Handwerker bei der Arbeit. Bei Zaddy’s (was wird dort wohl gekocht werden?) hängen Drähte aus der Decke, bei Vincent Vegan und Goldene Schnitzel brutzelt es hingegen schon. Es riecht nach Fett – ob die Belüftung ausreichend arbeitet?

Die niedrigen Raumteiler, die den Bereich mit den Tischen in dunkler Holzoptik von dem Anstehbereich trennen, sehen aus, als wären sie aus Sichtbeton – tatsächlich aber besteht ihre Oberfläche aus folienbeschichteten Platten. Und natürlich sind sie hohl. Mir gefällt, dass nun, so wie einst falscher Marmor, heute falscher Sichtbeton gemalt wird.